Rasen prägt das Grün in den Städten, ist aber alles andere als nachhaltig. Eine naturbelassene Wiese ist umweltfreundlicher.
Stuttgart - So unterschiedlich die Siedlungen auf der Erde auch sein mögen, so einheitlich werden die Grünflächen in den Städten von Rasen dominiert. Weltweit dürften zwischen 0,15 und 0,8 Millionen Quadratkilometer Rasen existieren. Dieses Einheitsgrün könnte also eine Fläche von der Größe Deutschlands überziehen. Doch die Rasenflächen in Vorgärten und Parks sind alles andere als nachhaltig. Das hat der Dürresommer 2018 vielerorts deutlich gezeigt: Entweder das Grün wurde eifrig bewässert, oder es wechselte seine Farbe in ein ödes Braun.
Zum Wachsen braucht ein widerstandsfähiger Rasen nämlich vor allem vier Zutaten: Sonnenlicht und Kohlendioxid gibt es vom Himmel und aus der Luft meist genug, Wasser und Nährstoffe dagegen werden rasch knapp. Also muss ein solcher Rasen nicht nur oft gemäht, sondern auch gut gedüngt und eifrig gewässert werden. In den USA war es in diesem Jahr besonders extrem: In den dortigen Trockenregionen rieselte drei Viertel des in privaten Haushalten verwendeten Wassers in die Vorgärten. Das haben Maria Ignatieva von der University of Western Australia in Perth und Marcus Hedblom von der schwedischen Agrar-Universität in Uppsala festgestellt.
In Regionen mit wenig Wasser symbolisiert Rasen Wohlstand
Diese Wasserverschwendung zeigt sich nicht nur in den Wüstengebieten von Nordamerika: Der Rasen ist ausgerechnet in den Regionen besonders beliebt, in denen grundsätzlich das Wasser knapp ist. Selbst in Arabien. Schließlich kann man dort mit einem saftigen Rasen zeigen, dass man sich große Mengen des wertvollen Wassers leisten kann, und demonstriert so seinen Wohlstand. Das viele Wasser ist nicht das einzige Problem: Der immense Einsatz von Düngemitteln macht der Umwelt dort zu schaffen, weil ein erheblicher Teil der Nährstoffe ungenutzt versickert und so zum Beispiel das in größeren Mengen schädliche Nitrat ins Grundwasser gelangt.
Immerhin holt das Gras das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft, und das umso mehr, je öfter es gemäht wird und je schneller es daher wächst. Aber auch das ist eine Milchmädchenrechnung, argumentieren Maria Ignatieva und Marcus Hedblum. Schließlich verhagelt das häufige Rasenmähen, Düngen und Wässern die Energiebilanz kräftig, und insgesamt wird so mehr Kohlendioxid freigesetzt als eingefangen. Einen nachhaltigen Rasen kann es daher kaum geben.
Vor Berliner Regierungsgebäuden gibt es kaum noch Rasen
Das gilt natürlich auch für Mitteleuropa, wo es in vielen Regionen wie zum Beispiel im Urstromtal, in dem Berlin liegt, reichlich Wasser im Untergrund gibt und Bewässern daher weniger problematisch ist. Dadurch eignet sich ein grüner Rasen allerdings auch viel schlechter als Symbol des Wohlstands. Und prompt steht der gepflegte und aus Sicht eines Ökologen recht bedenkliche Rasen hierzulande im Ranking der Prestigeobjekte viel niedriger im Kurs als in den USA oder in den Golfstaaten. „In Berlin findet man selbst vor Regierungsgebäuden heutzutage kaum noch intensiv gepflegten Rasen“, erklärt Norbert Kühn vom Fachgebiet Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung der Technischen Universität Berlin (TUB).
Allerdings geht das nur auf Flächen, die nicht allzu stark belastet werden. Auf den Abschlagflächen eines Golfplatzes und im Fußballstadion behält der intensiv gepflegte Rasen also seinen Platz. Hier braucht es Gräser wie das Deutsche Weidelgras, das nach jedem Schnitt eifrig wächst und dabei ein dichtes Geflecht von Wurzeln bildet, das auch kräftige Tritte mit den Stollen der Fußballschuhe gut wegsteckt. Als nachhaltigere Alternative kommt dort allenfalls Kunstrasen infrage.
Lieber eine bunte Wiese als Einheitsgrün
Auf vielen anderen Flächen tut es dagegen auch ein Grün, das viel seltener gemäht wird und daher nicht nur weniger Arbeit macht, sondern auch weniger Wasser und Dünger verbraucht und so viel nachhaltiger ist. Ein solcher extensiver Rasen hat gegen die Stollen von Profi- oder Amateurkickern, die regelmäßig dort spielen, zwar kaum eine Chance. Aber als Liegewiese am Badestrand taugt sie allemal. Und auf den Flächen vor Regierungsbauten oder in Vorgärten, die ohnehin nicht genutzt werden, machen sich die Blüten einer echten Wiese ohnehin besser als das Einheitsgrün. Da Esparsette, Löwenzahn, Klee und Co. ihre Wurzeln deutlich tiefer in den Boden schieben als Gras, kommen sie viel besser an Wasser und bleiben so auch in Trockenperioden länger grün als Gras. Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit dürften viele Städte daher nicht grüner, sondern bunter werden.