Eine Kletterin aus Stuttgart feiert internationale Erfolge in Wettkämpfen für Sportlerinnen mit Behinderung. Zunächst musste sie sich aber davon überzeugen, dort richtig zu sein.
Gut zwei Jahre ist es her, dass Lena Schöllig einen Entschluss traf, mit dem sie zuvor lange gerungen hatte – und der schon bald ihr sportliches Leben auf den Kopf stellen sollte. Ende 2023 entschied sich die Kletterin aus Stuttgart, künftig im Para-Sport an den Start zu gehen. Bedeutet: in Wettbewerben, in denen Athletinnen und Athleten mit Einschränkung antreten. Die 30-Jährige erinnert sich: „Ich habe viel Zeit gebraucht, um sagen zu können: Das ist nicht peinlich, das ist nicht schlimm, das ist einfach meine Welt.“
Bereits 2002 wurde bei Schöllig eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert, die Muskeln, Sehnen und Bänder angreift. In ihrem Fall trifft es den linken Oberkörper. Dort hat Schöllig rund 60 Prozent weniger Kraft in Bizeps und Schulter als in der rechten Körperhälfte. Den linken Arm kann sie nicht strecken, die Finger der linken Hand nicht alle bewegen – enorme Einschränkungen beim Klettern. Dennoch hielt sie lange Zeit Abstand vom Para-Sport. „Ich hatte wahrscheinlich Angst, ich könnte dadurch einen Stempel aufgedrückt bekommen“, vermutet Schöllig rückblickend. Sich schließlich doch dafür entschieden zu haben, darüber sagt sie heute aber: „Das war das Beste, was ich machen konnte.“
Stuttgarterin erfolgreich im Obstacle Course Racing
Seitdem nahm ihre Karriere eine rasante Entwicklung. Im Juni 2024 bestritt Schöllig ihren ersten Wettkampf, die Para-Europameisterschaft im Obstacle Course Racing (OCR). Dabei handelt es sich um einen Extremhindernislauf, bei dem die Teilnehmenden beispielsweise Klettergerüste überwinden, sich an Balken entlanghangeln oder Gewichte schleppen müssen. Auf Anhieb gewann Schöllig im italienischen Folgaria den Titel in ihrer Klasse. „Damals konnte ich das Erreichte zunächst gar nicht richtig realisieren“, erzählt sie.
Wenige Monate später kürte sich Schöllig in Costa Rica außerdem zur Weltmeisterin im Para-OCR. Und auch im weiter verbreiteten Seilklettern ließen die Erfolge nicht lange auf sich warten. Bei ihrem Weltcup-Debüt im Para-Klettern belegte Schöllig in ihrer Kategorie den fünften Platz. 2025 wurde sie Vierte bei der Weltmeisterschaft. Sie sagt: „Dass ich in internationalen Wettbewerben nicht nur mithalten, sondern sogar Titel gewinnen kann, damit geht für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung.“
Lena Schöllig klettert seit ihrer Kindheit
Die gebürtige Stuttgarterin ist mit dem Klettern aufgewachsen. Im Alter von sechs Jahren trat Schöllig dem Deutschen Alpenverein (DAV) bei. Später leitete sie dort Kinder- und Jugendgruppen, wurde Trainerin. Doch bei sich selbst merkte sie mit 14 Jahren, dass sie bei den Wettkämpfen nicht mehr mithalten konnte. Ähnlich erging es ihr mit 18 Jahren im Schwimmen, einem weiteren von Schölligs sportlichen Steckenpferden. Und dann noch ein drittes Mal, als sie begann, sich für OCR zu begeistern.
Bekannt ist der Extremhindernislauf hierzulande vor allem durch die Fernsehsendung „Ninja Warrior“, an der Schöllig 2023 teilnahm. Aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen reichte es im OCR aber erneut nicht für die Spitze. Dafür war sie bei einem der Wettkämpfe von den blinden und einbeinigen Athleten beeindruckt, die dort im Para-Bereich an den Start gingen. Danach habe sie sich „langsam mit dem Gedanken angefreundet, es selbst einmal zu versuchen, in den Para-Sport reinzukommen“.
Kletterin aus Stuttgart will Kindern helfen
Allerdings rechnete Schöllig zunächst kaum damit, auch wirklich an Wettkämpfen teilnehmen zu können. „Ich dachte nicht, dass meine Behinderung dafür ausreicht“, sagt sie. Schließlich ist ihr ihre Erkrankung nicht direkt anzusehen. Doch die Aufnahme in den Para-Sport ist eindeutig geregelt. Wer bei den Konkurrenzen der nationalen und internationalen Verbände antreten will, muss diverse ärztliche Tests durchlaufen. „In meinem Fall wurde zum Beispiel die Kraft im linken und im rechten Arm verglichen“, erzählt Schöllig. So ordnete die International Federation of Sport Climbing (ISFC) sie im Klettersport in die Kategorie RP3 (Reduced Power 3) ein. Dazu gehören Athletinnen und Athleten mit muskulären Einschränkungen.
Es in dieser Klasse zu den Paralympics zu schaffen, beschreibt Schöllig als eines ihrer beiden langfristigen Ziele. Das andere ist in der Nachwuchsarbeit angesiedelt. Dort sieht sie im Para-Sport strukturell noch viel Luft nach oben. „Es wäre schön, wenn künftig mehr Kinder und Jugendliche mit Einschränkung an das Thema Sport herangeführt werden“, sagt Schöllig. Sie selbst arbeitet daran, beim DAV Kinder mit und ohne Behinderung in gemeinsamen Klettergruppen zusammenzubringen. „Mein Ziel ist es, Jugendlichen jetzt das zu bieten, was ich früher auch gebraucht hätte.“
Eine sportverrückte Stuttgarterin und ihre vielen Disziplinen
Privat
Die in Stuttgart aufgewachsene Lena Schöllig arbeitet in ihrer Heimatstadt inzwischen als Systemplanerin. Außerdem engagiert sie sich als Rettungssanitäterin, als Mitglied der Bergwacht und in der Freiwilligen Feuerwehr. „Ehrenamt und der Sport sind meine Arten, meine Freizeit zu gestalten“, sagt sie über sich.
Sport
Die Liste von Schölligs Sportarten ist lang. 2003 begann sie mit dem Klettern. Bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) ist sie als Schwimmerin ebenfalls seit ihrer Kindheit Mitglied. Hinzu kommt inzwischen der Extremhindernislauf. Und auch einen Triathlon hat Schöllig schon hinter sich.
Einstufung
Während Schöllig im Para-Seilklettern in der Unterkategorie drei der Klasse für Sportlerinnen mit muskulären Einschränkungen antritt, funktioniert die Aufteilung im Para-OCR anders. Hier lautet der Name von Schölligs Klasse P04 und betrifft alle Athletinnen mit Einschränkungen an den Armen.