Die Klett-Passage ist nicht nur Einkaufsort, sondern auch Heimstatt etlicher Randgruppen. Foto: Kraufmann

Immer mehr Stricher und Freier wickeln ihr Sex-Geschäft in der Klett-Passage ab. Ein Großteil des dortigen Einzelhandels reagiert gelassen. Weil die Passage zum Sperrbezirk gehört, ist Prostitution dort illegal. Doch die Polizei sieht bisher keine Veranlassung einzuschreiten.

Immer mehr Stricher und Freier wickeln ihr Sex-Geschäft in der Klett-Passage ab. Ein Großteil des dortigen Einzelhandels reagiert gelassen. Weil die Passage zum Sperrbezirk gehört, ist Prostitution dort illegal. Doch die Polizei sieht bisher keine Veranlassung einzuschreiten.

Stuttgart - Der Ruf hallt durch die Klett-Passage am Hauptbahnhof: „Ick helf dir, du Schlampe!“, schreit ein besoffener Obdachloser eine andere Pennerin an. Daneben zieht ein Bettler aus Osteuropa seine Show ab, er hängt wie ein Gehbehinderter an seinem Stock und hinkt den Leuten etwas vor, um eine milde Gabe zu ergattern. Fühlt er sich unbeobachtet, ist sein Gang ganz normal. Dazwischen strömen Schüler, Banker, Reisende, Passanten, Mütter vorbei. Täglich durchqueren etwa 150 000 Menschen die Passage.

Jetzt hat sich dem Sammelsurium an raubeinigen Randgruppen, die sich dort oft den ganzen Tag aufhalten, eine weitere hinzugefügt: die Stricher, die jahrelang beim Schwulenstrich am Planetarium beheimatet waren. Das beobachtet die Aidshilfe Stuttgart, deren Streetworker jeden Dienstag ausrücken, um die männlichen Prostituierten zu betreuen. Der örtliche Einzelhandel nimmt das offiziell zwar weitgehend gelassen. Doch unter vorgehaltener Hand wird auch Kritik laut. „Ja, hier sind viele Szenen ansässig. Aber müssen es denn unbedingt noch mehr sein?“, sagt eine Einzelhändlerin.

Öffentlicher Raum ist Sperrgebiet

Durch die Stuttgart-21-Bauarbeiten hat der Schwulenstrich am Planetarium zusehends an Anonymität verloren. Verabredungen in der Klett-Passage scheinen Strichern und Freiern heute unauffälliger. Zumal die Kneipe Alte Münze am Planetarium, bisher ein beliebter Treff in der Szene, seit Anfang Dezember neue Betreiber hat: Die Macher der hippen Studentenbar Wurst und Fleisch, die vom Rotebühlplatz in die Räume der Alten Münze umgezogen sind. Die heißt jetzt Super Popular Sanchez. Zwar gibt sie sich dem Stricher-Milieu gegenüber komplett gelassen. „Stammgäste der Alten Münze sind bei uns Willkommen – wäre doch langweilig, wenn bei uns nur Hipster und 25-Jährige geduldet wären“, sagt Anita Messerle, die neue Inhaberin. Doch sie glaubt auch: „Wahrscheinlich wird sich die Stricherszene aber weiter woanders hin verlagern.“

Rechtlich ist es mit Prostitution in der Klett-Passage eindeutig geregelt. „Grundsätzlich gilt der öffentliche Raum als Sperrgebiet. Dem Gewerbe Prostitution darf hier nicht nachgegangen werden“, erklärt Gerald Petri von der städtischen Dienststelle für allgemeine Sicherheit und Ordnungsangelegenheiten.“ Ohne Beschwerdelage sei es jedoch schwierig, dem Treiben nachzugehen. Noch habe sich niemand bei der Stadt gemeldet. Ignorieren will er das Thema aber nicht. „Wir werden uns mit der Polizei ins Benehmen setzen“, sagt Petri.

Diese hat schon Hinweise erhalten, dass die öffentlichen Toiletten als sogenannte Stricherklappe – der Ort, an dem der Geschlechtsverkehr vollzogen wird – genutzt werden. „Bei unseren Kontrollen haben wir bis jetzt aber nichts dergleichen feststellen können“, sagt Thomas Geiger, Pressesprecher der Polizei. Er beobachtet, dass sich die Stuttgarter Stricherszene vor allem ins Internet verlagert. Altbekannte Stricher treffen die Beamten in der Klett-Passage eher vereinzelt an. „Passanten werden durch diese Gruppe jedenfalls nicht belästigt“, ist er sich sicher. In der Tat scheinen sich die schwulen Sexgeschäfte klammheimlich abzuspielen. Und auch von Drogenprostitution könne nach Erfahrungen der Polizei bei Strichern nicht die Rede sein.

Einsatz klassischer Musik

Ulrich Kopp von der Agentur Pepper and Salt, die für Kommunikationsfragen der Mietervereinigung der Klett-Passage zuständig ist, sieht den besten Weg, der Prostitution in der Klett-Passage Einhalt zu gebieten, darin, eng mit der Polizei zu kooperieren. Die Klett-Passage sei zwar für eine Bahnhofspassage im Bundesdurchschnitt sehr sicher. Man müsse aber auch realistisch bleiben. „Das Rauchen können wir dort auch nicht einfach so unterbinden“, sagt Kopp. Für das Wohl der Mieter will er Schritte unternehmen, die die Aufenthaltsqualität in der Klett-Passage verbessern. Klassische Musik könnte helfen, dass sich soziale Randgruppen dem Verhalten der anderen anpassen, glaubt er.

Konfrontiert man Passanten der Klett-Passage mit den gegenwärtigen Entwicklungen, zeigen sie sich relativ gelassen. Hanna Hofer, 22, studiert in Stuttgart. „Als Frau habe ich nun wirklich keine Bedenken, von Strichern oder homosexuellen Freiern angesprochen zu werden“, sagt sie. Auch Benyamin Senkal fühlt sich durch die Anwesenheit von Prostitution in der Klett-Passage nicht belästigt. „Leben und leben lassen“, findet der 33-Jährige. Er rät, Verrichtungsboxen wie auf dem Strich in Zürich anzubringen. Je sichtbarer Prostitution, desto sicherer für alle Beteiligten.

Die Stuttgarter Stricherszene wird von Nils Ullrich von der Aidshilfe auf 300 bis 500 Stricher geschätzt. Hinzugekommen sind vor allem Männer aus Osteuropa, Nordafrika und den Anrainerstaaten des Mittelmeers. „Die machen die Preise kaputt“, ärgert sich ein altgedienter Stuttgarter Stricher. Er berichtet, dass die Freier weniger zahlen wollen, die Sexdienstleister etwa auf 10 Euro für Oralverkehr herunterhandeln möchten. Diese Entwicklung schreitet fort, ist jedoch unabhängig vom Ort der Stricherszene. Geiz ist geil – gerade auf dem Straßenstrich.

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