Wer klaut, dem droht Gefängnis – auch wenn das Klauen krankhaft ist. Foto: dpa

Etwas stehlen, ohne sich bereichern zu wollen: Seit 2013 ist Kleptomanie offiziell als Krankheit anerkannt. In einer Frauengruppe in der Stuttgarter Bewährungshilfeeinrichtung sprechen Betroffene über ihre Zwänge.

Stuttgart - Wenn die anderen aus dem Gefängnis erzählen, bekommt Elsa (Name geändert) immer Panik, richtige Horrorvorstellungen, davon, wie die Haft einen kaputt machen kann. Sie streicht sich ihre Haare aus dem Gesicht: „Und dann stehe ich doch wieder im Laden und nehme was mit, das ist ganz furchtbar.“

Die zwei Frauen am Tisch ihr gegenüber nicken zustimmend – auch ihnen geht das so. Elsa ist 52, seit knapp zwei Jahren kommt sie in die Gruppe für „Frauen mit Eigentumsdelikten“ (Framed) der Neustart-Bewährungshilfeeinrichtung in Stuttgart. Zweimal im Monat. Genauso wie Birgit, 54, und Anna, 62 (Namen geändert).

Alle drei führen ein normales Leben – einerseits. Birgit und Elsa haben Kinder, Anna hat einen Hund. Sie haben sich in Stuttgart, Esslingen und Backnang ein Zuhause aufgebaut, das sie unter keinen Umständen verlieren wollen. Doch alle drei klauen immer wieder – schon seit ihrer Jugend. Diebstahl sei für sie wie ein Zwang, sagt Elsa. Wenn sie etwas Schweres durchlebt, stiehlt sie. Eine Ketchupflasche oder eine Packung Hackfleisch. Alles Dinge, die sie sich eigentlich leisten könnte. „Vor Gericht ist das egal – da ist es einfach nur eine Strafsache“, sagt Elsa. „Da zählt nur, dass ich wiederholt geklaut habe. Wenn ich dann so jemanden wie Uli Hoeneß sehe, der bewusst betrogen hat und kaum dafür bestraft wird, würgt es mich fast.“

Pathologischer Diebstahl, krankhaftes Stehlen oder Kleptomanie nennt sich im Fachbegriff, wenn jemand klaut, ohne sich materiell bereichern zu wollen. Als Krankheit oder psychische Störung wird pathologisches Stehlen zwar inzwischen auch von der Weltgesundheitsorganisation offiziell anerkannt. „Ob es vor Gericht als strafmildernd betrachtet wird, hängt trotzdem allein vom guten Willen des betreffenden Richters ab“, sagt Nina Heller, Bewährungshelferin und Leiterin der Framed-Gruppe. In vielen Prozessen werde noch immer kein psychologisches Gutachten herangezogen, die krankhaften Hintergründe blieben trotz offizieller Anerkennung der Kleptomanie oft unberücksichtigt. „Dass jemand etwas klaut, das er nicht braucht, und darunter auch noch selbst leidet, ist schwer vorstellbar“, sagt Heller.

Aus juristischer Sicht wird das sachlich begründet: In der Rechtspsychologie gehe man davon aus, dass pathologisches Stehlen immer ein Symptom neben anderen für eine schwere psychische Erkrankung sei, sagt Jörg Kinzig vom Institut für Kriminologie in Tübingen. Die Rechtsprechung richte sich danach: Nur, wenn sich starke Anzeichen für eine andere seelische Störungen zeigen, etwa einer Depression, könne ein Sachverständiger hinzugezogen werden. „Wegen sogenannter Kleptomanie alleine finden sich keine Urteile mit Anerkennung einer verminderten Schuldfähigkeit“, sagt Kinzig.

Elf Monate Haft für billige Salatsoße

Die Betroffenen unterscheiden sich deutlich von anderen Tätergruppen: „Mit Ausnahme von dem Stehlen leben die Frauen völlig in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Normen und Werten“, sagt Bewährungshelferin Heller. „Außerdem besteht bei ihnen ein ganz starker Veränderungswunsch.“ Deshalb kommen die drei Frauen auch freiwillig zu Framed und suchen sich parallel psychologische Unterstützung. Trotzdem verbrachten Birgit und Anna bereits mehrere Monate im Gefängnis. Fünf Monate Haft für Birgit wegen Marzipanschokolade, die ihr noch nicht einmal schmeckt. Elf Monate Haft für Anna für die billige Salatsoße. Erklären können sie sich den Zwang zum Stehlen oft selbst nicht: „Es passiert einfach, man kann das mit dem Stehlen in bestimmten Momenten nicht mehr richtig kontrollieren. Da ist man wie in Trance“, sagt Anna. Und dann sei da der Moment der Panik, wenn man an der Kasse vorbeiläuft, sagt Birgit. Manchmal gebe aber auch das Bedürfnis, irgendwie bestraft zu werden. „Man will dann fast entdeckt werden oder auffallen“, sagt Birgit. Warum oder woher dieses Gefühl kommt, kann keine der drei Frauen erklären.

Frauen, die zwanghaft klauen, hätten vor allem eines gemeinsam: „Ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit, meist im Zusammenhang mit Gewalt“, sagt Michael Haas, Sprecher von Neustart gemeinnützige GmbH. Die drei Frauen nicken: „Ich wuchs als Kind im Kloster auf“, sagt Anna: „Ich wurde misshandelt, das war ein Gefängnis für mich dort“. Auch Birgit wurde als Kind missbraucht, aber darüber genauer nachzudenken, fällt ihr nach ihren Worten noch heute schwer. Für Elsa wurde erst später klar, was hinter dem Klauen stecken könnte: „Als Kind hatte ich ADHS. Ich war immer anders, und wenn ich die Erwartungen meiner Eltern nicht erfüllt habe, wurde ich bestraft. Irgendwann habe ich dann das mit dem Klauen angefangen, das war wie eine Suche nach der Bestätigung dafür, dass ich nicht reinpasse.“

Später studierte sie und war zehn Jahre lang im Finanzbereich tätig. Nie sei etwas vorgefallen, sagt Elsa. Die Arbeit mit Zahlen habe ihr Spaß gemacht. Erst, als es Probleme in ihrer Familie gab und die Beziehung zu ihrem Mann scheiterte, habe sie wieder geklaut.

In der Gruppe tauschen sich die Frauen über neue Vorfälle aus und über die Schwierigkeiten, aus dem Kreislauf des Stehlens auszubrechen. Gemeinsam mit Bewährungshelferin Heller erarbeiten sie Strategien gegen das Klauen. „Wir machen uns bewusst, dass jetzt der Sommer kommt, und was mit dem Haus und der Familie wäre, wenn man ins Gefängnis müsste. Das schreckt schon ab, das ganze Leben wird ja durch die Haft zerbröselt“, sagt Birgit. Sich auspowern beim Sport helfe auch, sagt sie.

Elsa sieht das alles skeptischer. Aus ihrem nahen Umfeld weiß keiner, dass sie immer wieder klaut – nicht einmal ihre Kinder. Das verstehe ja keiner, sagt Elsa. Sechs Monate lang habe sie es schon geschafft, nicht mehr zu klauen. „Für mich sind sechs Monate zwar eine Verbesserung, aber wenn dann wieder etwas passiert, kann das vor Gericht sofort Gefängnis bedeuten.“

Davon, dass ihr Zwang zum Stehlen als Krankheit anerkannt ist, spürt Elsa nichts: „Das ist wohl noch ein langer Prozess, bis man nicht mehr einfach als Diebin abgestempelt wird.“

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