Kleiner Schlossplatz vor 50 Jahren eröffnet Eine Betonburg, die keiner wollte

Von Uwe Bogen 

Er ist einer der emotionalsten Orte der Stadt: Vor 50 Jahren hat OB Arnulf Klett den Kleinen Schlossplatz eröffnet. Die Stuttgarter nahmen die Betonburg nicht an – sie musste später weichen. Unser Stuttgart-Album erinnert sich.

Stuttgart - Am Anfang war der Jubel groß. Als am 4. Dezember 1968 bei der Eröffnungszeremonie der etwa 100 Millionen D-Mark teure und fast 6000 Quadratmeter große Kleine Schlossplatz von den Stadthonoratioren gefeiert worden ist, schrieb die „Frankfurter Zeitung“ begeistert: „Alles, was in und um Stuttgart als jung, frisch, flott gelten will, lässt sich hier sehen.“

In seinem neuen Film „Heimatbilder Stuttgart“ zeigt das Haus des Dokumentarfilms faszinierende Aufnahmen vom Bau eines vor einem halben Jahrhundert fertiggestellten Shoppingcenters, das sich auf einer gewaltigen Betonplatte, dem sogenannten „Stadtbalkon“, über einem Tunnel mit sechs Fahrspuren erhob. Im Herzen der Stadt hatten die Autos gesiegt.

Zur Eröffnung 1968 brach Jubel der Fachwelt aus

Jahrelang war heftig über den Abriss des Kronprinzenpalais aus Monarchiezeiten gestritten worden. 1956 hatten sich Stadt und Land auf die autogerechte Tunnellösung geeinigt. OB Arnulf Klett wollte den Grundriss der City neu ordnen. Bahnhofserbauer Paul Bonatz zählte zu den Verlieren. Vergeblich hatte er dafür plädiert, „den wichtigen Teil des Stadtgedächtnisses zu erhalten“.

Erst 1966 begannen die Bauarbeiten für den Planiedurchbruch und für den Kleinen Schlossplatz. Zur Eröffnung im Dezember 1968 brach ein Jubel der Fachwelt aus. „Selbst in einer Stadt, in der Boutiquen und Bar immer etwas unpassend wirkten, ist eine Mini-City für die Posters, Schallplatten, Halsketten, Lederröcke und sonstige Jugendalibis entstanden“, war in der „Frankfurter Zeitung“ zu lesen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ rühmte „einen Ankerplatz inmitten Stuttgarts Innenstadt“. Doch die „Mini-City“, die jung sein sollte, geriet zum Pflegefall. Von frisch und flott blieb nicht viel übrig.

Die Freitreppe wurde zum Glücksfall der Stadt

Der Kleine Schlossplatz stand für Drogen, Schmutz, Tristesse. Zu einem sozialen Brennpunkt war ein Quartier geworden, das Paul Bonatz mit dem Palais zum „edelsten Bezirk der Stadt“ erklärte hatte. Lampen wurden zerstört, doch keiner erneuerte sie. Von so viel Hässlichkeit schienen selbst Efeu und Wilder Wein zurückzuschrecken. Alle Versuche, den Beton zu beranken, scheiterten kläglich. Dann wurden Pflanzenkübel aufgestellt, „um die Leute zu vertreiben“, wie der Architekt Max Bächer klagte.

Eine neue Situation entstand, als die Königstraße 1977 zur Fußgängerzone wurde. Die Fahrspuren mit ihren beiden schwarzen Eingangslöchern blieb unter dem Betondeckel verwaist, der damit seinen Sinn verloren hatte. Denn der Verkehr war um einen Stock tiefergelegt. Zur Leichtathletik-WM 1993 kam Walter Belz, einem der drei Architekten des umstrittenen Betonplateaus, die Idee, eine 30 Meter breite Freitreppe von der Königstraße hoch zum Kleinen Schlossplatz zu bauen. Dies war ein Glücksfall für die Stadt.

Dazu fand die Subkultur eine Nische. Wo gekündigte Läden leer standen, wo viele einen „Schandfleck“ sahen, setzte der drohende Abriss Kreativität und Fantasie ein. Den größten Erfolg hatte die 1996 eröffnete Bar Paul’s Boutique, die sich im ehemaligen Kartenhäusle niederließ und Tausende anlockte. 2002 allerdings kamen erneut die Abrissbagger, damit das in der Stadt lang ersehnte Kunstmuseum gebaut werden konnte. Der Glaswürfel ist 2005 an einem sehr emotionalen Ort eröffnet worden.

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Im Sutton-Verlag ist das Buch „ Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ erschienen.

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