Im Notfall stehen in den Kliniken Helfer rund um die Uhr zur Verfügung. Foto: factum

Ein geplantes Gesetz des Bundesgesundheitsministers verursacht Aufregung: Es gefährde die Existenz der kleinen Krankenhäuser und verschärfe den Druck auf die Rettungsdienste, kritisieren Experten.

Sindelfingen - Die Klinikenchefs im Land sind alarmiert. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn arbeitet an einem Gesetz für die Notfallversorgung. Danach soll es für jeweils 500 000 Einwohner nur eine Anlaufstelle geben. Was in Großstädten sinnvoll sein kann, ist für große Landkreise und ländliche Gebiete aber nicht immer gut. Für den Kreis Böblingen würde das neue Gesetz bedeuten, dass das Notfallzentrum vermutlich zentral auf dem Flugfeld zwischen Böblingen und Sindelfingen angesiedelt wird. Auch die Patienten aus Herrenberg, Leonberg, Nagold und Calw müssten immer nach Böblingen fahren, die dortigen Kliniken wären nicht mehr für die Notfallversorgung zuständig.

Ein Unding für Jörg Noetzel, den medizinischen Geschäftsführer des Klinikverbunds Südwest. „Die Kapazität einer Klinik reicht für die Behandlung so vieler Patienten nicht aus“, sagt er und rechnet vor: „Wir haben an allen momentan sechs Standorten zusammen etwa 80  000 Notfälle pro Jahr. Die können wir unmöglich in einer Klinik zentral aufnehmen.“ Für die Patienten sei zudem eine wohnortnahe Versorgung sehr wichtig. „Und sie ist ein Bestandteil unserer Medizinkonzeption, die vom Land auch genauso genehmigt wurde.“ Noetzel befürchtet „ein langsames Ausbluten der kleinen Häuser in Leonberg und Herrenberg“. Was ihn besonders empört: Sollte ein Patient aus eigenem Antrieb eines der Krankenhäuser ohne Notfallzentrum aufsuchen, muss die Klinik diesen natürlich behandeln, soll aber dafür nur 50 Prozent der Vergütung erhalten.

Auf dem Land sind die Wege weit

Die Landräte Roland Bernhard (Böblingen) und Helmut Riegger (Calw) wenden sich als Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikverbunds nun mit einem Brief an die Bundestags- und Landtagsabgeordneten des Kreises und bitten diese um Unterstützung für „eine flächendeckende Versorgung mit Notfallzentren“. Dabei stehen die beiden Landräte nicht allein. Auch der Landkreistag als Vertreter der Kreise in Baden-Württemberg, die Träger vieler Kliniken sind, kritisiert die geplante zentrale Notfallversorgung. Gerade auf dem Land sei es grundsätzlich erforderlich, ein solches Zentrum an jedem Krankenhaus einzurichten, fordert man dort. Kritik kommt auch von der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft, die bereits nach Berlin geschrieben hat.

Nicht alles an dem Gesetzesentwurf, der in den kommenden Monaten im Bundestag beraten werden soll, sei schlecht, sagt Jörg Noetzel. Geplant ist, die Notfallambulanzen der Kliniken sowie die hausärztlichen Notfallpraxen zu sogenannten Integrierten Notfallzentren zusammenzulegen. Die Patienten werden an einer gemeinsamen Theke im Krankenhaus empfangen. Dort wird dann entschieden, wer ein Fall für eine ambulante und wer für eine stationäre Behandlung ist. Eine gute Idee, meint auch Jörg Noetzel. Damit würden nämlich die momentan häufig überlasteten Notaufnahmen der Kliniken entlastet.

Was ihm jedoch nicht gefällt: Spahn möchte den Hausärzten die Leitung für diese Zentren übertragen. Noetzel fordert „eine gemeinsame Leitung von Haus- und Klinikärzten.“

Für Hans-Joachim Rühle, den Vorsitzenden der Kreisärzteschaft ist dieser Vorschlag Spahns der Versuch „der Politik, die verschiedenen Ärztegruppen gegeneinander auszuspielen. Eine engere Zusammenarbeit von Klinik- und Hausärzten hält er jedoch für wünschenswert. „Wir brauchen nicht alle paar Jahre eine Reform. Das jetzige System hat sich doch bewährt.“

Rettungsdienste fürchten Überlastung

Sehr kritisch stehen den Plänen von Jens Spahn die Rettungsdienste gegenüber. Die Konzentration der Notfallversorgung gerade in Kreisen wie Böblingen bringe die Retter an ihre Grenzen, sagt Gerhard Fuchs, der Chef der Rettungsdienstes beim Roten Kreuz im Kreis Böblingen. Und er nennt als Beispiel einen Patienten aus Herrenberg mit einer Platzwunde am Kopf. „Ob diese nur genäht werden muss oder ob es weitere Verletzungen gibt, das kann man nur durch eine Untersuchung im Notfallzentrum klären. Also müssen unsere Mitarbeiter den Patienten 30 Kilometer weit aufs Flugfeld fahren – vorbei am Herrenberger Krankenhaus.“ Sollte sich im Notfallzentrum dann entscheiden, dass der Patient stationär aufgenommen werden muss, müsste der Rettungswagen diesen wieder zurück in die Herrenberger Klinik bringen.

„Unsere Rettungswagen sind dadurch viel länger im Einsatz als bisher. Damit wir dann trotzdem die vorgeschriebenen Rettungsfristen einhalten können, brauchen wir definitiv mehr Fahrzeuge und mehr Personal“, sagt Fuchs. Und schon jetzt sei es ein großes Problem, Mitarbeiter zu finden.

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