Bitte recht züchtig: Bademoden um 1900 am Strand von Atlantic City (USA) Foto: Imago/glasshouseimages

Jahrhunderte lang war Reisen den Reichen vorbehalten. Eine Erfindung sorgte schließlich für die Demokratisierung des Verreisens, ehe ein Prediger den Weg zum modernen Massentourismus ebnete.

Strand - Die kleine Geschichte des Tourismus beginnt mit den Pilgerreisen des Mittelalters und führt über den Bildungsreisenden des 18. Jahrhunderts bis zum Pauschaltourismus der Vor-Corona-Ära. Weil Reisen während der Pandemie immer noch (fast) nur im Kopf möglich ist, blicken wir zurück auf die Anfänge der Ferienkultur und landen über Umwege beim Erholungsurlaub für alle.

 

Die ersten Reisenden

Bis ins Mittelalter hinein ist das Reisen nur der herrschenden Klasse möglich. Einzige Ausnahme: Pilgerfahrten. Unterwegs zu heiligen Stätten ist auch das einfache Volk. Durch den Weg der Buße sorgt man fürs eigene Seelenheil vor. Das Ziel sind Reliquien, Gräber und andere geweihte Stätten. Ganz oben auf der „Bucket List“, wie es heute neudeutsch im Tourismus-Sprech heißt: Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela.

Wer sich im Zeitalter der Renaissance, also um 1400, auf Reisen begibt, der pflegt vorher sein Testament zu machen. Während kurz vor Corona höchstens am Hotelbüfett Gefahr durch ausgehungerte Urlauber droht, ist Reisen zu jener Zeit eine gefährliche Angelegenheit. Wer der falschen Religion angehört, kann sich am Zielort, an dem eine andere Konfession vorherrscht, verdächtig machen.

Und selbst die im 18. Jahrhundert unter Adeligen und anderen vornehmen Herrschaften beliebte Grand Tour, die Bildungsreise quer durch Europa, ist ein großes Abenteuer. „Bei der Abreise fällt einem doch immer jedes frühere Scheiden und auch das künftige letzte unwillkürlich in den Sinn“, schreibt Goethe beim Kofferpacken in seiner „Italienischen Reise“ 1787.

Auf die Pilgerreise folgt der Revolutionstourismus

In dieser Zeit taucht neben religiösen Gründen ein neues Motiv auf, sich ins Reiseabenteuer zu stürzen. Wallfahrten führen nach Paris: Revolutionstouristen suchen nach politischer Inspiration im irdischen „neuen Jerusalem“, schreibt Johannes Weber in „Reisekultur: von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus“.

Als Napoleon auf der Bildfläche erscheint, ist das zarte Pflänzchen der Bildungsreise aus politischen Motiven schnell wieder Vergangenheit. Doch aus französischer Perspektive wird es noch schlimmer: Wer als Franzose während der Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts durch Europa reist, hat es im Bereich der Urlaubsbekanntschaften schwer. Als Goethe zu dieser Zeit in einem Gasthof im inneren Sizilien übernachtet, dringt nachts eine aufgebrachte Menge in sein Zimmer ein, weil er Französisch gesprochen hat. Man hält ihn, Schreck lass nach, für einen Franzosen.

Goethe hatte Pistolen im Handgepäck

Nicht umsonst hat Goethe auf seinen Reisen Terzerolen, handliche Pistolen, in der Rocktasche. Denn die Angst, ausgeraubt zu werden, ist ein treuer Reisebegleiter. „In der Fremde ist die Nacht doppelt dunkel“, schreibt Dieter Richter im bereits erwähnten Buch „Reisekultur“.

Viele Jahrhunderte lang war das Reisen dominiert von den Herren der Schöpfung. Ab dem 19. Jahrhundert ist es dann keine reine Männersache mehr. „Vornehme Damen, die sich in der Karawane befinden, haben besonders bequeme Sitze auf dem Kamel, die ein kleines Zelt bilden, sodass die darin Sitzende nicht gesehen werden kann. Stirbt jemand auf dem Wege, so wird er an Ort und Stelle sogleich begraben“, schreibt Rabbi Joseph Schwarz in einem Reisebericht von 1845 über einen seiner Trips nach Palästina.

Am Anfang war die Eisenbahn

Während die religiösen Pilger sich ihr Seelenheil noch mühsam zu Fuß erlaufen oder beschwerlich auf dem Schiff erarbeiten müssen, sorgt eine Erfindung der Industrialisierung für eine Demokratisierung des Verreisens: Am Anfang des Massentourismus steht die Eisenbahn.

Mit jedem Gleis, das seit 1825 verlegt wird, steigt die Zahl der Touristen. Nicht nur das Reisen ändert sich, sondern auch dessen eigentliche Bedeutung. Plötzlich ist nicht mehr der Weg die Reise, die zu Fuß, mit der Postkutsche oder dem Segelschiff Wochen und Monate dauern kann. Stattdessen wird der Endpunkt zum Mittelpunkt des Reisens.

Touristen, das sind immer die anderen

Die Natur, einst gefürchtet, wird zur Zuflucht der Menschen, die dem Schmutz der sich rapide entwickelnden Industriestädte entfliehen – angeregt durch die Romantiker, die der Wildnis in den süßlichsten Versen huldigen. Das hält den englischen Chef-Romantiker Lord Byron nicht davon ab, sich über die „glotzäugigen Tölpel“ zu mokieren, die ihm 1817 den Aufenthalt im mondänen Seebad doch arg vergällen.

Touristen, das sind schon damals immer die anderen. Die feine englische Gesellschaft sucht nach Alternativen zu Scarborough oder Brighton – und findet sie an der Côte d’Azur. Cannes und Nizza werden von Britanniens Elite touristisch kolonisiert. Die Promenade in Nizza heißt nicht umsonst „Promenade des Anglais“.

Unterwegs mit Thomas Cook

Den technischen Fortschritt der Fortbewegung nutzend, macht ausgerechnet ein Prediger den ersten Schritt in Sachen Massentourismus. Am 5. Juli 1841 organisiert Thomas Cook einen Sonderzug für 570 Mitglieder der Abstinenzbewegung von Leicester ins benachbarte Loughborough.

Im Preis enthalten sind neben der Fahrt 3. Klasse im offenen Waggon auch ein Schinkenbrot und eine Tasse Tee. Ziel der Reise ist eine Großveranstaltung gegen Alkoholmissbrauch – und die Mitglieder für einen Tag vom Gin fernzuhalten, der für viele Briten die einzige Möglichkeit zur Realitätsflucht darstellt.

Der Ausflug der Abstinenzler gilt als erste Pauschalreise der Welt. Aus missionarischem Eifer wird Geschäftssinn: 1855 organisiert Cook die erste Europa-Reise, 1866 die erste Fahrt über den Atlantik, 1872 geht die erste Reisegruppe auf Weltreise. Dauer: 222 Tage.

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Ein Jahr später veröffentlicht Jules Verne „Reise um die Erde in 80 Tagen“. Für Arbeiter, die mangels Zeit und Urlaubsanspruch nur nachts verreisen können, bietet Cook „Mondscheinausflüge“ an. Mit mäßigem Erfolg. Für viele bleibt eine Flasche Gin „der kürzeste Weg, um Manchester zu verlassen“, wie ein Zeitgenosse schreibt.

Recht auf Reisen

In der englischen Sprache taucht der Begriff Tourist gegen 1800 auf. In Deutschland erst, als sich 1835 auch hier die erste Lokomotive schnaufend in Gang setzt. Bereits 1880 verfügt Deutschland über ein größeres Eisenbahnnetz als Großbritannien. Der Spätstarter wird zum Reiseweltmeister. 90 Prozent der hiesigen Passagiere entfallen Ende des 19. Jahrhunderts auf die dritte und vierte Klasse. Doch erst als auf die mobile Demokratisierung auch die politische folgt, bekommen die Massen das Recht auf Erholung.

Erste Regelungen stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Mit jedem Systemwechsel wächst das Urlaubskonto der Deutschen. Von durchschnittlich drei bis sechs Tagen im Kaiserreich über acht bis zwölf Tage in der Weimarer Republik auf zwei bis drei Wochen während der NS-Herrschaft. Schließlich ist nur ein zufriedener Arbeiter ein guter Arbeiter – und die braucht der „Führer“ für seine sinisteren Ziele en masse.

Reisen wird politisch

Hatten sich anfangs vor allem Gewerkschaften um die Erholung des Arbeiters gekümmert, übernimmt das nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 der Staat – oder das, was noch von ihm übrig ist. In Prora, dem „Seebad der 20 000“ auf Rügen, sollen die Deutschen fit und nervenstark für den Krieg um Europa gemacht werden. Der kommt für das wuchtige Prora zu früh und geht auch noch verloren. Die in dem knapp fünf Kilometer langen „Kraft durch Freude“-Monumentalbau geplante Massenabfertigung wird jedoch Realität – wenn auch deutlich später.

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Im Kalten Krieg bemüht sich auch die DDR, ihre Bürger mithilfe von Urlaubsangeboten ruhig zu halten. Doch die Zahl der Reiseziele hinter dem Eisernen Vorhang ist überschaubar und der Platz an der Ostsee knapp. Reisefreiheit ist 1989 eine der zentralen Forderungen der Demonstranten. Der Plattensee ist halt nicht Tahiti und Cottbus nicht San Francisco. Da helfen auch Bruderküsse nichts.

Man spricht deutsch

Zu Beginn sind es nur vereinzelte Käfer und ein paar Motorräder, die sich über den Brenner quälen. Mit Einsetzen des Wirtschaftswunders wird aus den vereinzelten Käfern eine Blechkarawane. Die Motorisierung der Deutschen fördert den Individualtourismus, der zum Massentourismus mutiert, als am Ende halt doch alle nach Italien fahren.

Am Teutonengrill liegen sie dann Backe an Backe, der Hausmeister und der Oberstudienrat. Wobei mit dem Auto auch wieder der Weg in den Fokus rückt. „Calella–Olching in zwoundzwanzig Stunden bei nur zwomaligem Tanken“, berichtet der Kabarettist Gerhard Polt vom letzten Spanien-Urlaub: „Ich hatte diesmal Bestzeit. Unser Nachbar, der mit war, der hat ’ne Stunde länger gebraucht, aber der hat sich noch Avignon angesehen.“ Polt wird dem deutschen Dolce Vita mit „Man spricht deutsh“ ein bitterböses Denkmal setzen, „Siena kenn ich, da hat mir mal meine Benzinpumpe schlappgemacht . . .“

Der Fokus auf Italien und Spanien wird in den 1970er Jahren dann durch die Generation Interrail erweitert: Einen Monat lang mit dem Zug quer durch Europa für schmales Geld mit dickem Rucksack – so machen die 68er mal eben den Rucksacktourismus salonfähig.

Urlaub für alle

Waren Eisenbahn, Auto und Motorrad die ersten Schritte auf dem Weg zum Urlaub für alle, so ist das Flugzeug der nächste. 1960 führt die Lufthansa die Boeing 707 ein: Die Maschine ist in der Lage, bei halber Reisedauer doppelt so viele Passagiere zu befördern wie die größten Flugzeuge zuvor. Die Preise für Flugtickets sinken.

1963 bietet das Versandhaus Neckermann erstmals Flugreisen an. Zwei Wochen Mallorca, alles inbegriffen, für 338 D-Mark. „Urlaub für jedermann“ auf einer malerischen Insel, lange bevor aus Mallorca das 17. Bundesland Malle wird und aus alles inbegriffen all-inclusive. 121 Jahre, nachdem Johannes Rominger in Stuttgart das erste Reisebüro Deutschlands eröffnet, ist Urlaub für fast alle erschwinglich und möglich.

Die Welt ruft

Mit dem bezahlbaren Flugticket wird das Reisen endgültig global: Billigflieger wie Easy Jet befördern Partytouristen aus England oder Israel für ein Wochenende nach Berlin oder Barcelona: Der Hedonismus der 1990er Jahre mit der Loveparade als touristischem Ziel in Berlin wird in den Nullerjahren mit dem „Easyjetset“ auf ein neues Level gehoben.

Wer nach dem Abitur nicht mindestens eine Weltreise macht und als Rucksacktourist zwischen Bali, Thailand und Australien für den weiteren Lebensweg Erfahrungen sammelt, der kann nicht mitreden. Reisen ist mittlerweile so ausdifferenziert, von der Pauschalreise im Betonbunker bis zum Individualreisenden mit dem Lonely-Planet-Reiseführer als Bibel, dass kein Winkel der Erde mehr sicher ist vor Touristen.

Corona, und nun?

Zu Beginn der 1970er Jahre wird erstmals negativ über den Massentourismus berichtet: Stehen anfangs Bettenburgen aus Beton in der Kritik, die ganze Landstriche verschandeln, wird vor dem Ausbruch der Pandemie gerne über immer größer werdende Kreuzfahrtschiffe gemosert, die Städte wie Venedig aus dem Gleichgewicht bringen.

Das Coronavirus bringt 2020 den Tourismus fast komplett zum Erliegen. Als Virusausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen eine ganze Branche in Bedrängnis bringen, trauen sich Venezianer in Venedig auf einmal wieder aus dem Haus. Einer ganzen Generation hiesiger Abiturienten wird die obligatorische Reise nach Australien genommen, weil der fünfte Kontinent keine Touristen mehr reinlässt.

Wie aber könnte das Reisen nach Corona aussehen? Entsteht der Club-Urlaub der Geimpften? Werden Impfausweise die Travellerschecks der 2020er Jahre? „Alle Welt reist. ,Wo waren Sie diesen Sommer?‘, heißt es von Oktober bis Weihnachten. ,Wohin werden Sie sich im Sommer wenden?‘, heißt es von Weihnachten bis Ostern; viele Menschen betrachten elf Monate des Jahres nur als eine Vorbereitung auf den zwölften, nur als die Leiter, die auf die Höhe des Daseins führt“, schreibt Theodor Fontane bereits im Jahr 1873. Die Überhöhung des Urlaubs als Daseinszweck wird wohl auch kein Virus stoppen können.