Der Pianist Víkingur Ólafsson stammt aus Island. In Stuttgart hat er Bachs „Goldberg-Variationen“ gespielt. Foto: Veranstalter

Eine Sternstunde: Der Pianist Víkingur Ólafsson begeistert mit Bachs extrem komplexen „Goldberg-Variationen“ in der Stuttgarter Liederhalle.

Bachs Cembalo hat sich als Steinway verkleidet. Und der Pianist davor ist nicht nur ein Virtuose mit grandioser Spieltechnik, sondern ein Barde. Zu Beginn seiner Karriere hat der Isländer Víkingur Ólafsson auf CD Werke von Phil Glass eingespielt, außerdem eine zauberhafte Brücke zwischen Debussy und Rameau geschlagen. Dann kamen Mozart, Chopin. Und schließlich Bach.

 

Jetzt tourt der 39-Jährige mit seiner neuesten Aufnahme, den „Goldberg-Variationen“, um die Welt, und bei seiner Station am Montagabend im Stuttgarter Beethovensaal erlebt das Publikum Bachs Variationenfolge 282 Jahre nach deren Entstehung als packende, hochaktuelle Erzählung in 32 Kapiteln.

Perlendes Spiel, differenzierter Anschlag

Die Spannung im Saal hält, obwohl die „Goldberg-Variationen“ extrem komplex sind: 32-mal derselbe Bass, aber darüber drängeln sich die Noten. Dass die Übersetzung des originären Cembaloklangs Pianisten ein permanentes Non-Legato, also die Produktion unverbundener Einzeltöne, aufzwingt, ist für Víkingur Ólafsson nicht Last, sondern Lust: So variabel geht er mit dem perlenden Spiel um, so fein differenziert er seinen Anschlag, so stimmig synchronisiert er Klang und Bewegung, und so weit ist sein dynamisches Spektrum, besonders im Leisen.

Pianistische Effekte gibt es auch bei ihm – hier eine (mithilfe des ansonsten nicht überstrapazierten Pedals) lang gehaltene Fermate, dort kleine Tempo-Überraschungen. Manches klingt wie eine Fantasie über die Frage, wie der junge Glenn Gould das Stück auch gespielt haben könnte.

Das ganz Besondere bei Olafsson liegt aber in der Verbindung der einzelnen Teile. Ein weiter Bogen spannt sich über die kontrapunktischen Muskelspiele, verbindet die Musik über 75 Minuten hinweg. Da ist der Anfang, ein Gesang wie der Klang einer Heimat. Und da zieht einer mit Beginn der ersten Variation hinaus in die Welt, erlebt die wildesten Abenteuer, wird verändert, bis er sich selbst kaum mehr im Spiegel erkennt. In einem Adagio, das nicht von dieser Welt sein kann, hält er inne, hört schließlich zwei ineinander verschränkte Volkslieder – und kehrt, vielleicht mit einem davon, dem „Ich bin so lang nicht bei dir g’west“, im Herzen, wieder nach Hause zurück.

Wenn der Held am Piano am Ende nochmals seine Heimatmelodie anstimmt, ganz ohne aufgesetztes Sentiment, dann hält der Saal den Atem an. Víkingur Ólafsson ist ein wahrer Meisterpianist. Man geht hinaus in den Regen und mag keinen Ton mehr hören.