Simeon aus Renningen war im Sommer 2024 am Open Piano am Charlottenplatz zu Gast. Foto: Jan Sellner

Unsere Berichterstattung über das fehlende Geld für die Fortführung des Open Piano am Charlottenplatz hat viele Reaktionen hervorgerufen. Mit positiven Folgen.

Verstummt das beliebte Open Piano an der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz? Diese Frage stand in Stuttgart im Raum, seit sich abzeichnete, dass im städtischen Doppelhaushalt 2026/27 kein Geld mehr für ein öffentliches Klavier übrig sein wird. Jetzt ist die Frage beantwortet – und zwar positiv: Auch ohne städtischen Zuschuss (bisher 8000 Euro pro Jahr) wird das Open Piano nicht verstummen. Dank des Engagements privater Spender kann am Charlottenplatz auch im neuen Jahr nach Herzenslust gespielt und geklimpert werden. Guntrun Müller-Enßlin, Initiatorin des Open-Piano, berichtet von einem großen Echo auf die Berichterstattung unserer Zeitung. „Es haben sich unglaublich viele Leute gemeldet und ein Klavier angeboten“, sagt die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion Linke/SÖS-plus im Stuttgarter Gemeinderat: „Die Resonanz ist toll, ich freue mich darüber sehr!“

 

Inzwischen steht fest: Am 1. Dezember wird das bisherige Klavier am Charlottenplatz durch ein neues Instrument der Traditionsmarke Ibach ersetzt. Zuvor wird es noch in der Jugendkunstschule aufgemöbelt; deren Leiterin Menja Stevenson hatte auch den beiden Vorgänger-Modellen ein einladendes „Gesicht“ gegeben. Es ist bereits das dritte Klavier seit Start des Open Piano im August 2023. Aufgrund der starken Beanspruchung der Instrumente im Freien ist etwa alle eineinhalb Jahre ein Austausch nötig.

Das neue Klavier am Charlottenplatz kommt von der Jugend- und Kunststiftung M. Geiger

Gespendet hat das neue Klavier die Jugend- und Kunststiftung M. Geiger der Stuttgarter Firma Geiger&Co. Immobilien GmbH. Sie kommt auch für den Transport und das Stimmen des Klaviers auf. Zusätzlich stellt die Stiftung für die nächsten beiden Jahre jeweils 2500 Euro bereit. Firmenchef Sammy-Miles Geiger ist von der Idee des Open Piano begeistert. Er betont: „Wir sehen uns als Teil einer engagierten Stuttgarter Stadtgesellschaft, die etwas zurückgeben will.“ Ein solches freiwilliges Engagement von Stuttgartern für Stuttgart könnte in Zeiten knapper Haushalte eine Perspektive für die Zukunft sein.“ Gefeiert werden soll die Fortführung des Klavier-Projekts am 3. Dezember um 17.15 mit einem „kleinen musikalisch-weihnachtlichen Event“, an dem auch der Weilimdorfer Wolfbusch-Kinderchor teilnehmen wird.

Zugleich sind die Aussichten gut, die noch fehlenden Mittel von etwa 2500 Euro pro Jahr zu mobilisieren, die laut Müller-Enßlin für die Pflege des Klaviers und des Umfelds notwendig sind. Der Bezirksbeirat Mitte hat Unterstützung signalisiert. Dazu kommt das Angebot des Stuttgarter Ehepaars Regina und Rudolf Gläsche. Sie sind bereit, bis zu 6000 Euro für den Erhalt dieses niedrigschwelligen musikalischen Angebots in der City zu spenden. Ihre Motivation erklären sie so: „Wir steigen mehrmals in der Woche am Charlottenplatz aus oder in einer andere Stadtbahn um und finden die Idee mit dem Piano einfach zauberhaft. Wenn dort jemand spielt, dann schlägt das jede Stuttgarter Werbekampagne um Längen!“

Foto: Jan Sellner

Auch sonst ist der Zuspruch enorm. Heidrun Wil, Verkäuferin in der benachbarten Bäckerei Nast, formulierte eine „Petition“ an die Stadt: „Ich arbeite in direkter Sichtweite zum Klavier und sehe so täglich welche positiven Auswirkungen es auf die Menschen und den Charlottenplatz hat“. Das Klavier sei zu einem Treffpunkt für Menschen geworden, die Musik machen wollten. „Der jüngste Spieler, den ich beobachten konnte war etwa acht Jahre alt, der älteste 85 Jahre“, berichtet Heidrun Wil.

Durch die Musik werde generationsübergreifend Kommunikation möglich gemacht.“ Dazu komme der kulturelle Austausch: „Ich habe mit Menschen aus Asien gesprochen, die wegen des Open Piano „extra einen Abstecher nach Stuttgart gemacht haben“. Sie vergisst auch nicht Abdul Rahman al Ali zu erwähnen, den jungen Syrer, der als Geflüchteter nach Deutschland kam, sich am Charlottenplatz das Klavierspielen selbst beigebracht hat und inzwischen kleinere Konzerte gibt. Andere Leser regten Spendenaktion an. Auch Gudrun Weichselgartner-Nopper, die Frau des Oberbürgermeisters, schaltete sich ein. Sie bot an, einen Klavierspender zu vermitteln.

Daran fehlt es inzwischen glücklicherweise nicht mehr, wie Müller-Enßlin erklärt. Wichtig sei, dass sich nun noch jemand findet, der bereit ist, eine Art „Kümmerrolle“ zu übernehmen und regelmäßig ein Auge auf das neue Instrument zu haben. Das bräuchte es auch, um eine weitere Idee umzusetzen: ein Open-Piano in der Klettpassage, das, so hofft, Müller-Enßlin, helfen könnte, die wenig einladende Situation dort mittels Musik zu entspannen.