Das Open Piano am Charlottenplatz hat viele Fans in der Stadt, die dieses Angebot unterstützen. Ein ermutigender Ausdruck von Bürgersinn, kommentiert Jan Sellner.
„Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis“, schrieb Erich Kästner 1930 in seinem Gedicht „Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“ Damals war sie tatsächlich schwarz, die Zeit, um nicht zu sagen braun. Und auch heute liegen die Dinge so, dass vielfach Grund zur Sorge besteht, und diejenigen, die nach dem Positiven fragen, aus der Zeit gefallen scheinen oder im Ruf stehen, „Zucker auf Schmerzen zu streuen“ und dem Guten und Schönen „den leeren Platz überm Sofa“ einzuräumen, wie Kästner spottete.
Wäre die Erde ein Emoji, dann hingen die Mundwinkel nach unten
Ja, das Positive hat’s schwer – auch schwer, ernst genommen zu werden. Wenn die Erde ein Emoji wäre, dann hingen die Mundwinkel zurzeit tief nach unten. Selbst im Lokalen wird man nicht so schnell fündig. Es ist wie nach Perlen tauchen. Der Neckar scheidet dafür schon mal aus, und auch an anderer Stelle in Stuttgart bedeutet nach Positivem suchen oft im Trüben fischen. Das liegt nicht allein an der Stadt, wie die von der Bahn abermals verschobene Eröffnung von Stuttgart 21 zeigt. Auch die Löcher im Haushalt, die sich gerade wie Ringe im Wasser vergrößern, sind nicht nur hausgemacht.
Vielleicht hat der Mangel an Positivem aber auch damit zu tun, dass der Blick zumeist auf die großen Themen gerichtet ist und nicht auf die Dinge am Rande. Man nähme sonst wahr, dass die Welt gar nicht so schlecht ist. Zumindest die kleine Welt um einen herum. Das Positive – man findet es in der Nachbarschaft oder an der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz. Dort steht seit zwei Jahren ein öffentliches Klavier, auf dem, begleitet vom Quietschen der ein- und ausfahrenden Stadtbahnen, jeder, der mag, spielen kann. Eine famose Idee der Stadträtin Guntrun Müller-Enßlin mit Beteiligung der Jugendkunstschule, aus der schon viel Positives erwachsen ist.
Als dieses Open Piano, das regelmäßig ersetzt werden muss, wegen der städtischen Sparzwänge nun zu verstummen drohte, zeigte sich exemplarisch die Kraft einer wachen Stadtgesellschaft. Zahlreiche Bürger meldeten sich mit Solidaritätsadressen und Angeboten in der Absicht, das Open Piano zu erhalten – von der Bäckereiverkäuferin, die eine Petition verfasste, bis zum Stadtbahnfahrer-Ehepaar, das eine große Geldspende ankündigte. Und wenn noch ein Zweifel bestand, dass Stuttgart eine Stadt der Klaviere ist, dann ist auch dafür der Beweis erbracht – so viele Ersatzklaviere wurden aktuell angeboten. Ein schönes Konzert der Solidarität, an dessen Ende das Fazit steht: Open Piano gerettet! Stuttgart klingt gut!