„Finish mit Whip it quick“ von Klaus Philipp, Öl auf Leinen, 1976. Foto:  

Er war 20 Jahre bei der berittenen Polizei in Stuttgart. Heute gilt Klaus Philipp als der erfolgreichste Pferdemaler der Welt. Ein Besuch auf seinem Hof in der Lüneburger Heide

Stuttgart/Putensen - Jetzt kommt der Künstler“, sagt seine Tochter Karen beim Blick aus dem Fenster. Der 87-jährige spaziert mit Krückstock (das linke Knie macht ihm in letzter Zeit etwas Mühe) vom Atelier herüber. Er trägt T-Shirt und Arbeitshose. Zeit für den Nachmittagstee.

 

Den besten Pferdemaler der Welt, hat ihn „Der Spiegel“ genannt. Klaus Philipp hört das nicht gern. „Da komm ich mir immer vor wie ein Hochstapler.“ Und er kann ja nicht nur Pferde.

Das Reetdach ist neu, der Ziegelboden gut ein halbes Jahrtausend alt. Kater Leonardo liegt im speckigen Ledersessel vor dem gemauerten Kamin. Auf dem Eisenherd kocht das Teewasser. Die Pferdegemälde an den Wänden sind von englischen Meistern, gekauft bei Sotheby’s. Kolossale Eichenbalken tragen das Obergeschoss. „Man sieht, dass die noch mit dem Beil gehauen wurden“, sagt der Künstler. Über die Kosten der Hof-Restaurierung hat seine Frau immer geschwiegen. „Damit ich ruhig schlafen konnte.“

Bernadettes Bänkchen steht im Hinterhof bei den Kirschbäumen. Da saß sie gern. Im vergangenen Jahr starb sie an Krebs. „Sie hat mir bis zum Schluss nichts gesagt. Das passt zu ihr, sie stammt aus einer Familie von Schweigern.“

Jetzt lebt Klaus Philipp allein in Putensen, einem Dorf in der Lüneburger Heide. Seine Tochter fährt regelmäßig von München hoch. Ansonsten hat er die Katzen und Pferde-Rentnerinnen wie Miss Fayruz, die an diesem tropenheißen Tag im kühlen Stall steht. Sie ist 27. Früher ritt der Jockey-Magier Lester Piggott sie zu Siegen. Ihre großen Zeiten sind vorbei. Das linke Sprunggelenk macht ihr in letzter Zeit etwas Mühe. Sie ist keine gute Esserin mehr, kriegt jetzt täglich ihren Heubrei. „Eine tolle irische Abstammung“, sagt Philipp. „Schauen Sie diese Augen, da ist arabisches Blut drin.“ Er hat eine Schwäche für Vollblüter, spricht von „Blutlinien zum Niederknien“, die in ihnen fließen. „Harte Tiere. Ich mag die Art, wie sie Leistung bringen.“ Ihre Schönheit: „Die Nüstern wie Blütenblätter einer Rose. Sie sind die Trinker des Windes“, heißt es in einem arabischen Gedicht.

Sein erstes Pferdebild für Renate

Klaus Philipp kommt 1932 im Erzgebirge in einer Großfabrikantenfamilie zur Welt. Als feststeht, der Krieg ist verloren, schickt man den Zwölfjährigen von der Nazi-Eliteschule in einen Bauernhof bei Eutin, da ist es sicherer. Der zartbesaitete Vater kehrt 1953 aus der Kriegsgefangenschaft heim, kaputt an Leib und Seele. „Er war ein sehr talentierter Zeichner und zeitlebens mein Treibriemen“, sagt Philipp.

Mit 13 malt Klaus sein erster Pferd für Renate, die Bauerntochter. Eine gute Reiterin, aber zeichnen kann sie nicht. „Meine ersten Pferdebilder haben mein ganzes Leben bestimmt“, sagt Philipp. Wegen Renate lernt er auch reiten. Und nach dem Krieg beginnt er eine landwirtschaftliche Lehre bei ihrem Vater.

Renate erhört ihn nicht. Klaus muss weg, so hält er das nicht aus. Er geht auf den Obstbaubetrieb vom „Gaggabauer“ am Bodensee, entwickelt sich zum sportlichen Haudegen, macht Fünfkampf, reitet Military, rast Skipisten runter mit Olympiasieger Leonhard Stock, sammelt Dutzende Knochenbrüche. Ein Arzt, dessen Pferde er reitet, redet ihm den Traumberuf Jockey aus: „Wenn du unbedingt was mit Pferden machen willst, dann geh zur berittenen Polizei nach Stuttgart.“ So macht er es.

Nebenbei holt er das Abitur nach, studiert in Abendkursen an der Freien Kunstschule Stuttgart. Max Ackermann, Avantgardist der abstrakten Malerei, sieht ihn im Leuze-Bad zeichnen: „Mach weiter“, sagt er, „du bist gut.“ Ein Hobbymaler und Polizist, der in den Verband Bildender Künstler Baden-Württemberg aufgenommen wird, das ist der Clou.

Moderne Zeit: Studienkollegen tun seinen naturgetreuen Stil als Zitronenmalerei ab. Sollen sie doch – er verdient wenigstens Geld mit seiner Kunst. Die Briten sind hingerissen von seinen Rössern.

Vermummte beschimpfen ihn als „Mörder, Mörder“

Zornige Zeit: Auf seinem Polizeipferd hält Klaus Philipp Fußballrowdys und Demonstranten unter Kontrolle. Er patrouilliert in Stammheim während des RAF-Prozesses. Beim Begräbnis von Baader, Ensslin, Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof zeigt sich die Staatsmacht hoch zu Ross. Vermummte beschimpfen Philipp und seine Kollegen als „Mörder, Mörder“. Da ist es weniger gefährlich, an den Wochenenden halsbrecherische Prüfungen zu reiten. 1980 quittiert er als Chef der Reiterstaffel den Dienst. Er hat jetzt eigene Galopper.

Renntage in Iffezheim. Klaus lernt Bernadette kennen, seine künftige Frau. Beide lieben Pferde. 1992 ziehen sie nach Putensen, einen Spaziergang vom Olympiastützpunkt der Vielseitigkeitsreiter entfernt. Unendlich viel Platz.

Sehen Sie hier eine Mulimedia-Reportage über die Renntage in Iffezheim

Pferde bestimmen sein Leben, sie machen Philipp reich. Er stellt aus in Monaco und St. Moritz, Wien und Washington. Sein Bild von Northern Dancer („ein echter Typ, das Beste, was es in der Vollblutzucht gibt“), hängt im ehrwürdigen National Horse-Racing Museum von Newmarket, Heimat des 1750 gegründeten britischen Jockey Clubs, neben Werken von alten Meisten wie George Stubbs (1724-1806) oder Alfred Munnings (1878-1959).

Er malt sie alle: Ludger Beerbaums Olympiasiegerin Ratina Z., Paul Schockemöhles Wunderwallach Deister, auch „springender Geldschrank“ genannt. Den legendaren Schimmel Abdullah, erfolgreichster Trakehner aller Zeiten. Donnerhall, ein Hengst zum Verlieben, der 500 erstklassige Nachkommen zeugte.

Prinzessin Anne ist nicht amused

Einmal geht die englische Prinzessin Anne in Luhmühlen durch seine Schau, bleibt vor einem Bild stehen. Klaus Philipp zeigt ihr den Titel, den er auf die Rückseite gekritzelt hat: „Anne in Action.“ Sie quittiert es mit einem verächtlichen „that’s nonsense“ und absentiert sich. „Das war zu plump von mir“, sagt Philipp.

Sein Problem ist: Es kann Jahre dauern, bis ein Bild fertig wird. So voll die Auftragsbücher, so groß der Reiz, ein angefangenes Werk von der Staffelei zu nehmen und sich einer neuen Idee hinzugeben. Den Trainer des Arc-de-Triomph-Siegers Trempolino hält er so oft hin, dass es schon peinlich ist. Um sich selbst unter Druck zu setzen, verpflichtet sich Philipp, eine Million Francs zu zahlen, sollte er bis Jahresende nicht liefern. Er liefert.

Mohammad bin Raschid el-Maktum, Herrscher des Emirats Dubai, muss fünf Jahre auf das Bildnis seines Irish-Derby-Siegers Old Vic warten. Der Scheich hat am Ende aber keine Lust mehr auf den Gaul. Sein Rennmanager richtet aus: „Hoheit würde dieses Pferd nicht gerne bei sich sehen.“ Auch gut, wo Philipp seine Werke doch so ungern hergibt.

Was macht seine Kunst aus? „Dass ich so viele Pferde in meinem Leben geputzt habe“, sagt Philipp. Er studierte jede Faser, erfasste jede Bewegung, leuchtete jede Wesens-Schattierung aus. „Ich habe mich immer von Pferden berühren lassen.“

„Pferdemalerei gilt in Kunstkreisen nicht viel, weil sie eher dem Broterwerb als der hehren Kunst dient. Bei Klaus Philipp ist das anders. Ich kenne keinen, der mit ihm vergleichbar wäre“, sagt Martin Handschuh, Rektor der Freien Kunstschule Stuttgart, wo Philipps Karriere ihren Lauf nahm. Als Anfänger lag er so wenig im Trend wie heute. Zeitgenössische Malerei lässt sich nicht von Gegenständen fesseln.

Die „Süßwarenabteilung“ seines Schaffens

„Reiterkreise sind künstlerisch etwas unterbelichtet“, sagt Philipp. Aber sie haben Geld. In diesem Spannungsfeld hat er Tausende Bilder geschaffen. Er genießt das Privileg, dass seine Bilder „als Zierde“ in den VIP-Zelten bei großen Rennen hängen, wo sie schnell abgekauft sind.

Die erfolgreichsten Werke kommen aus der „Süßwarenabteilung“ seines Schaffens, wie Philipp es ausdrückt. Pferdefans mögen es, wenn das Gemälde einer Fotografie nahe kommt. Dabei ist Klaus Philipp viel lieber ungezügelt und expressiv, bewundert Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner. Das Pferdemalen habe ihn oft vom Malen abgehalten, sagt er.

Sein Atelier ist der frühere Heuboden über dem Schweinestall. Durch das Glasdach ergießt sich die Sonne. Meistens schläft er hier oben im kleinen Notbett unter dem Ventilator. Sein Atelier beherbergt alles, was Klaus Philipp ausmacht: frühe Skizzen mit Kugelschreiber, surrealistische Arbeiten, alte Schilder, Frottee-Latschen von Brenners Park Hotel Baden-Baden, Unmengen Papiere, Kreide, Pinsel, Farben. Natürlich seine Bilder „in Petersburger Hängung“ – anheimelnd, aber ohne großes System, um nicht zu sagen: chaotisch. Ein Kunstspeicher. Sein altes Problem hat im Alter noch an Ausprägung gewonnen: Er kann sich nicht trennen von den Bildern. „Ich schütze sie durch den Preis.“

Manometer konnte er nicht hergeben

Für das Bild von Manometer, einem Holsteiner Schimmel, hätte eine thailändische Prinzessin eine viertel Million Euro bezahlt. Aber Philipp konnte es nicht loslassen. „Danach hab ich mich selbst gescholten.“ Dem Fußballspieler Thomas Müller hat er es neulich durch einen viel zu hohen Preis unmöglich gemacht, ein Bild zu kaufen. Jetzt arbeitet Philipp an einer Kopie als Trostpflaster. Ein Gemälde hatte er schon verkauft, danach reute es ihn bitterlich. Zum Glück zeigte der Kunde Verständnis und gab es zurück. Bei seinem Lieblingsbild wird er nie schwach, das ist klar: „Zwei Jockeys in Aintree“.

Ein Bild zeigt seine Frau mit Founder, einem Hannoveraner Hengst, an dem sie sehr hing. Sie schreitet weg vom Künstler, hinein ins Nebelhafte. Als hätte Klaus Philipp damals schon geahnt, dass er übrig bleiben wird. „Bei allem, was ich tue, beziehe ich sie in mein Denken ein. Ich habe den Verlust noch nicht verkraftet.“

Vor ihrem Tod sagte sie: „Nimm alle Aufträge an.“ Sie wusste, nur die Arbeit kann ihn zerstreuen. Jetzt frühstückt Klaus Philipp allein auf Bernadettes Bänkchen bei den Kirschbäumen inmitten der Heide. Die ganze Landschaft ist so gewachsen in den vergangenen Jahrzehnten. Das ist ihm erst in letzter Zeit aufgefallen.