Ein Hauch von Nostalgie und große Pianokunst: Die georgische Virtuosin Khatia Buniatishvili begeistert im Stuttgarter Beethovensaal.
Das klingt wie von ganz weit her. Wie eine Erinnerung. An eine Spieluhr vielleicht, die am kindlichen Bett hing und bei der sich das Tempo der Melodie mit der kürzer werdenden Aufziehschnur verlangsamte. So tönt der leise Gesang, den Frédéric Chopin in den berühmten Trauermarsch seiner zweiten Klaviersonate einbettete, und dieses perlende Singen prägt danach den ganzen, pausenlos durchgespielten Klavierabend im Stuttgarter Beethovensaal. Khatia Buniatishvili ist am Samstagabend zu Gast bei den „Meisterpianisten“ der SKS Russ, das Parkett ist gut besetzt und lauscht gespannt.
Khatia Buniatishvili beeindruckt mit Virtuosität
Das ist auch nötig, denn die Georgierin packt nur gelegentlich die Pranke aus. In Liszts erstem Mephisto-Walzer tut sie es, und man bestaunt sprachlos die Virtuosität, mit der sich ihre Finger über rasanteste Oktavsprünge, Läufe und Arpeggien hinweg vom Dorfschenken-Tanz zum leidenschaftlich auskomponierten Liebesakt bewegen. Was für eine Steigerung, was für eine Technik! Mit gutem Grund hebt es hier die Künstlerin vom Sitz. Auch dem ersten und dem letzten Satz von Chopins Sonate heizt Buniatishvili mit kaum glaublicher Fingerflinkheit ein. Allerdings ist hier Manches im Überschwang des Virtuosen nicht zu hören. Vieles verschwimmt, ganz besonders die harmonischen Entwicklungen. Kontraste werden in Extreme getrieben. Befürchtet die 38-Jährige, ein überreiztes Publikum sonst nicht mehr zu erreichen?
Berückend schöne, intime Klangmomente
Aber das tut sie doch gerade dort, wo sie sich zurückzieht. Das Herz des Abends ist nicht bei der Atemlosigkeit, mit der sich Buniatishvili durch die Nacht spielt. Es liegt im Trio von Chopins Sonaten-Scherzo, in Tschaikowskys sechstem Morceau op. 51, in Alexander Silotis Bearbeitung von Bachs h-Moll-Präludium BWV 855 und überhaupt in den kleinen, stillen Momenten. Berückend schöne, intime Klangmomente entsteigen dem riesigen Steinway-Flügel auf der Bühne. Sie prägen weite Strecken des Konzertes, und sie entschädigen für manche Gleichförmigkeit, die man bei diesem Programm der oft bruchlos ineinanderfließenden Welten auch empfinden mag. Das Programm ist bunt, doch es klingt nicht so. Bei Mozarts „Sonata facile“, vor allem in deren Andante, hätte man sich außerdem eine stärker rhetorisch ausgearbeitete, präziser phrasierte Darbietung gewünscht. Und dennoch: Der Abend wirkt nach. Und für die zahlreichen Blumensträuße aus dem Publikum bedankt sich die Pianistin mit Kusshänden, Bach und einem doppelten Liszt.