Unkonventioneller Dirigent: Foto: Collegium Vocale Gent

Die Geigerin Isabelle Faust präsentierte sich mit einer klaren Haltung beim Meisterkonzert in der Liederhalle. Sie trat im Rahmen eines reinen Beethoven-Programms auf mit dem formidablen Pariser Orchestre des Champs-Elysées unter Leitung seines Gründers Philippe Herreweghe.

Stuttgart - Mehrmals hebt matt die Stimme der Solovioline an, bäumt sich noch einmal auf, bevor sie energielos zusammenfällt und dann erstirbt. Die Geigerin Isabelle Faust wählte beim Meisterkonzert in der Liederhalle die Miniatur „Doloroso“ (Schmerzlich) von György Kurtág als Zugabe. Man könnte das durchaus als politisches Statement verstehen. Jedenfalls macht Faust Moden wie die derzeit obligate Bach-Zugabe nicht mit. Und so wählte sie in der Liederhalle für den Kopfsatz von Beethovens Violinkonzert auch nicht die beliebte, aber stilferne, weil virtuos tändelnde Kreisler-Solokadenz, sondern natürlich die Transkription jener, die der Komponist selbst für die Klavier-Version dieses Werks hinterlassen hat. Es ist ihre klare Haltung zu den Dingen, die Faust vom Klassik-Mainstream unterscheidet. Und ihre Haltung in Beethovens Violinkonzert ist ganz klar jene des zornigen Individuums: In den Außensätzen immer wieder mit rauem Zugriff aufbegehrend gegen das mächtige Orchesterkollektiv, im zeitzerdehnten, verinnerlichten Larghetto sich ausliefernd an Verzweiflung und Zweifel.

 

Das besondere Genie Beethovens kommt exzellent zur Geltung

Faust spielte im Rahmen eines reinen Beethoven-Programms des formidablen Pariser Orchestre des Champs-Elysées unter Leitung seines Gründers Philippe Herreweghe. Das Originalklangensemble spielte in entsprechend überschaubarer Größe, weswegen sich die Klangwelt in Beethovens Vierter Sinfonie transparent und luftig zeigte, mit deutlichen, farbigen Bläserlinien und einem extrem beweglichen, minutiös ausartikulierten und fokussierten Streicherapparat. Federnd-explosiv und drängend geriet auch die berühmte Fünfte, in der das besondere Genie Beethovens exzellent zur Geltung kam, auf rhythmisch-metrisch vielfältige, flexible und genau kalkulierte Weise Energien sich bündeln und entladen zu lassen. Wie das Herreweghe gelingt, bleibt ein Rätsel: Bewegungstechnisch ist der Belgier ja ein sehr merkwürdiger Dirigent, mit vage wedelnden Zeichengebungen. Aber Beethovens von Elementen der französischen Revolutionsmusik durchwirkte Fünfte, die lange genug unterm Pathos- und Schicksal-Klischee gelitten hat, entfaltete sich an diesem Abend in all ihrer appellativen und rhetorischen Macht und zog in einen Hörsog, dem sich niemand wirklich entziehen konnte. Vorbildlich!