Gerade in Corona-Zeiten zieht es viele Menschen in den Schlossgarten und andere Grünanlagen – doch die öffentlichen Toiletten, so vorhanden, benutzt ein mancher nicht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Nicht nur das Mahnmal für die Opfer des Faschismus wird regelmäßig als Toilette missbraucht. Die Stadt verzeichnet zahlreiche Fälle von Pinkeln im öffentlichen Raum. Während der Coronakrise hält sich zwar die Partyszene zurück, dafür erleichtern sich aber andere.

Stuttgart - Als sich am 8. Mai rund 300 Menschen auf dem Stauffenbergplatz neben dem Alten Schloss versammelten, um des Kriegsendes zu gedenken, stank es manchem von ihnen gewaltig. Denn auch an diesem Tag waren die vier großen Steinwürfel des Mahnmals für die Opfer des Faschismus derart verpinkelt, dass der Geruch kaum auszuhalten war. Ein Phänomen, das seit Jahren besteht und dem auch mit intensiver Reinigung nicht mehr beizukommen ist.

Nun hat dieser besondere Ort dieses unappetitliche Problem nicht exklusiv. Es hagelt regelmäßig Anzeigen wegen öffentlichen Urinierens – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. „Die Frage ist immer, was man sieht“, sagt Polizeisprecher Jens Lauer. „Viele Anzeigen kommen aus dem Schlossgarten, vom Areal am Bismarckturm oder auch von den Straßen in der Innenstadt“, so Lauer. Das hat sich auch in Coronazeiten nicht geändert. Zwar ist die Partyszene nicht mehr da, die sonst für einen guten Teil der Vorfälle verantwortlich zeichnet, dafür sind viele Menschen aus Mangel an Alternativen draußen unterwegs. „Ich habe den Eindruck, es wird überall hingepinkelt“, schildert ein Spaziergänger. In Zeiten der geschlossenen Gastronomie sei das zuletzt sogar noch schlimmer geworden.

434 Ordnungswidrigkeitsanzeigen

Die Stadt hat im vergangenen Jahr 434 Ordnungswidrigkeitsanzeigen wegen Urinierens in der Öffentlichkeit gezählt. Strafbar ist das auf der Straße genauso wie in öffentlichen Anlagen. Wird man erwischt, wird ein Bußgeld zwischen 55 und 100 Euro fällig – je nach Größe des Geschäfts. Der Rahmen reicht aber bis 5000 Euro. Im Wald dagegen wird nicht offiziell kontrolliert. Allein von März bis Mitte Mai hat die Polizei rund 150 Fälle registriert. Viele davon sind mit einer mündlichen Ermahnung glimpflich für die „Wildpinkler“ ausgegangen, andere als Anzeige bei der Stadt gelandet. Die verzeichnet in diesem Jahr bis Anfang Mai insgesamt 135 Bußgeldverfahren.

Allerdings reißt seit Jahren die Kritik vieler Besucher Stuttgarts nicht ab, dass es zu wenige gut auffindbare öffentliche Toiletten gebe. Vor einiger Zeit sorgte sogar ein Gerichtsprozess für Aufsehen, bei dem ein Rentner zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Er hatte sich dagegen gewehrt, zur Kasse gebeten zu werden, weil er in ein Gebüsch im Schlossgarten uriniert hatte. Er hatte vergeblich geltend gemacht, krank zu sein und mehrere Toiletten besetzt vorgefunden zu haben. Das Gericht kannte keine Gnade.

„Sehen Sie sich in Stuttgart doch einmal um, wo in der Landeshauptstadt überhaupt Toilettenhäuser stehen. Finden Sie entlang der Königstraße, der Calwer Straße oder am Marktplatz überhaupt welche?“, schreibt ein Leser. Man sei, zumal als gelegentlicher Besucher, gezwungen, sich an Geschäfte oder Gaststätten zu wenden. „Die Restaurantbesitzer sind aber überhaupt nicht begeistert, wenn man sie nach Toiletten fragt“, schildert er seine Erfahrungen.

Insgesamt 71 öffentliche Toilettenanlagen

Das will die Stadt so nicht gelten lassen. Beim Eigenbetrieb Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) betont man, insgesamt 71 öffentliche Toilettenanlagen in Stuttgart zu betreiben, darunter 27 automatische. „ Davon sind derzeit 63 Anlagen geöffnet, die restlichen sind wegen Umbaus oder technischer Probleme vorübergehend geschlossen“, sagt Rathaussprecherin Jasmin Bühler. Auch in der Coronakrise seien die öffentlichen Anlagen stets zugänglich. „Eine verstärkte Nutzung gegenüber der Zeit vor der Pandemie konnte nicht beobachtet werden“, so Bühler.

Ob das wohl auch daran liegt, dass manche Menschen derzeit öffentliche Toilettenanlagen aus Hygienegründen lieber meiden? Die Stadt weist darauf hin, dass alle Toiletten mit Seifenspender und elektrischen Händetrocknern ausgestattet seien. „Bei den personell betreuten Toiletten in der Markthalle und unter dem Schlossplatz liegen zusätzlich Papierhandtücher aus“, sagt Jasmin Bühler. In denjenigen Anlagen, in denen sich mehr als eine Person aufhalten kann, ist allerdings ein Mund-Nasen-Schutz Pflicht.

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