Wer Waffen führt, muss regelmäßig schießen, sonst verliert er die Berechtigung. Foto: Archiv Bernd Zeyer

Die Beschwerden über die von der Standortschießanlage Im Bernet ausgehenden unangenehmen Geräusche reißen nicht ab. Die Bundeswehr hat darauf reagiert. Für Sportschützen könnte das nun zum Problem werden.

Vaihingen - Das Thema kommt in Vaihingen nicht zur Ruhe – und das im wahren Wortsinn. Seit Jahresbeginn haben sich Anwohner aus dem Rosental, aus dem Wohngebiet Lauchhau-Lauchäcker und aus Büsnau vermehrt über laute Schießgeräusche aus dem Wald nordwestlich des Autobahnkreuzes Stuttgart beschwert. Die dortige Standortschießanlage Im Bernet gibt es seit mehr als 80 Jahren, sie gehört der Bundeswehr. Doch in jüngster Zeit werde dort dem Vernehmen nach deutlich mehr geschossen, und zwar schon in den frühen Morgenstunden bis tief in die Nacht hinein. Und es seien andere Waffen im Einsatz, solche mit hoher Schlagkraft, die sich anhören wie Maschinengewehre. So berichten es Anwohner.

In der jüngsten Sitzung des Vaihinger Bezirksbeirats ergriff eine Frau aus Büsnau das Wort. Sie wohne seit vielen Jahren in dem Stuttgarter Stadtteil und habe gelernt, mit der von den Schießübungen verursachten Geräuschkulisse zu leben, sagte sie. Doch seit Anfang Dezember habe die Belastung deutlich zugenommen. „Alle Nachbarn haben dasselbe Problem“, betonte sie und fragte, warum in der Nähe von Wohngebieten in dieser Art und Weise geschossen werden dürfe. Die Geräusche würden sie an „Gewalt, Krieg und Vernichtung“ erinnern. Sie habe mit einem Arzt darüber gesprochen, und der habe ihr bestätigt, dass diese Form von Krach ein „Stressor“ sei, der das Immunsystem schwächen könne. Die Büsnauerin forderte: „Keine weiteren Schießübungen ohne voll umfänglichen Schallschutz.“

Die Bundeswehr hat auf die Beschwerden reagiert

Der Bezirksbeirat sieht es ähnlich. Ulrich Bayer (CDU) und Teresa Schernikau (Freie Wähler) hatten einen entsprechenden Antrag vorbereitet. Die Lokalpolitiker wollen, dass die Stadtverwaltung Stuttgart dem Gremium über vorliegende Genehmigungen und rechtliche Grundlagen berichtet. Vaihingen sei nicht Bestandteil eines Truppenübungsplatzes. Darum seien Schießübungen auf das absolut Notwendige zu beschränken und Ruhezeiten einzuhalten, heißt es in der Begründung. Der Antrag wurde nach kurzer Diskussion mehrheitlich angenommen.

Derweil hat die Bundeswehr bereits auf die Beschwerden reagiert. Geschossen werden darf gemäß den Benutzungsbestimmungen montags bis freitags von 7 bis 17 Uhr und von 18 bis 24 Uhr. Samstags ist das Schießen von 7.30 bis 17 Uhr erlaubt, allerdings immer nur am zweiten und vierten Samstag eines Monats. „Diese Zeiten sind schon seit Jahren gültig und werden bedarfsabhängig genutzt“, erklärte ein Sprecher der Bundeswehr vor Kurzem gegenüber unserer Zeitung. Anfang Februar hieß es dann: „Die Bundeswehr nimmt die Anliegen der Bevölkerung sehr ernst. Die Schießübungen wurden signifikant um zwei Drittel reduziert und die Schießzeiten deutlich eingeschränkt. Mit sofortiger Wirkung sind alle Schießübungen mit hohem Munitionsansatz, die ursächlich für die Beschwerden waren, bis auf Weiteres abgesagt. Außerdem wurde die Schießzeit auf 19 Uhr beschränkt.“ Der normale Schießbetrieb werde aber fortgesetzt, so die Stellungnahme.

Die RAG Schießsport Stuttgart hat keine eigene Anlage

Doch das Bemühen der Bundeswehr um einen Interessensausgleich hat auch einen Nachteil. Und dieser trifft mit der RAG Schießsport Stuttgart einen kleinen örtlichen Verein. Seit Jahren nutzten die Sportschützen die Anlage Im Bernet für ihre Übungen. In der Regel waren die Sportschützen an zwei Samstagen im Monat vor Ort. Doch nun wurde ein Schießen bereits abgesagt. Der Vorsitzende hatte einen entsprechenden Anruf aus Calw bekommen. Die Bundeswehr begründete ihren Beschluss damit, dass es Beschwerden wegen der Lärmbelästigung gegeben habe. Das berichteten Vereinsmitglieder in der Sitzung des Bezirksbeirats. Sie baten um eine sachliche Diskussion. „Wenn wir die Anlage Im Bernet künftig nicht mehr nutzen dürfen, haben wir ein Problem. Auch wir sind dafür, dass man den Lärm reduziert. Aber wir brauchen einen Kompromiss. Wir bitten Sie daher, suchen Sie den Dialog mit der Bundeswehr“, so das Plädoyer der Vereinsmitglieder.

Sportschützen müssen eine bestimmt Zahl an Schießübungen nachweisen, wollen sie ihre Berechtigung nicht verlieren. Vorgeschrieben sind entweder ein Schießen im Monat oder 18 Schießen im Jahr. Die RAG Schießsport Stuttgart mit etwa 125 Mitgliedern aus der Region hat aber keine eigene Anlage und nutzt daher die anderer Vereine wie zum Beispiel der Schützengilde. Die Standortschießanlage Im Bernet ist für die RAG vor allem wegen der 250-Meter-Bahn interessant. Denn eine solche gibt es sonst nirgends im Großraum Stuttgart.

Eine neue Stellungnahme der Bundeswehr zum Umgang mit dem örtlichen Verein lag bis Redaktionsschluss nicht vor. Das nächste Schießen der RAG Stuttgart auf der Anlage Im Bernet ist für diesen Samstag anberaumt – und noch nicht abgesagt worden.

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