Klärwerk in Mühlhausen Die Pumpenkiller

Von Janey Schumacher 

Feuchte Tücher, die auf vielfältige Art und Weise im Haushalt eingesetzt werden, stören den Betriebsablauf im Klärwerk Mühlhausen. Denn die Tücher verstopfen, wenn sie unsachgemäß über die Toilette entsorgt werden, im Abwassersystem.

Im Hauptklärwerk in Mühlhausen werden täglich bis zu 160 Millionen Liter Abwasser gereinigtFoto: SES

Mühlhausen - Sie sind praktisch im Alltag und im Haushalt: feuchte Tücher. Erhältlich als Toilettenpapier, zum Abschminken, Bodenwischen oder für die Desinfektion der Hände. Doch die weitverbreitete Gepflogenheit, die Fließtücher über die Toilette zu entsorgen, raubt den Mitarbeitern des Klärwerks den letzten Nerv – und treibt die Kosten für die Abwasserreinigung in die Höhe.

Wenn in den Stuttgarter Klärwerken oder im Kanalsystem das Abwasser nicht fließt, wie es soll, wird eine Störung gemeldet. Dies geschieht durch Sensoren und Messgeräte, die Becken und Maschinen überwachen. Wenn etwa eine Pumpe überhitzt oder ein Abfluss verstopft ist, wird den Mitarbeitern ein Fehler gemeldet.

Fehlerdokumentation gibt Aufschluss

Dies geschah zum Beispiel, als im Hauptklärwerk Mühlhausen eine der Pumpen, die Schlamm und Abwasser durch die Rohre befördern, defekt war. Zunächst war unklar, was die Störungen ausgelöst hatte. „Die Fehler-Dokumentation gab den Mitarbeitern schließlich Aufschluss über die Ursache“, sagt Maximiliane Kühl, Betriebsingenieurin im Hauptklärwerk Mühlhausen. Es stellte sich heraus, dass feuchte Tücher das Problem auslösten. Denn diese sind, anders als herkömmliches Toilettenpapier, reißfest. Das verdanken sie einer Mischung aus Viskose, die aus Zellstoff hergestellt wird, dessen Ausgangsmaterial Holz ist, und Chemiefasern. Und genau darin liegt das Problem: Reißfest in der Handhabung beutetet auch reißfest bei der Abwasserklärung.

Im Fall des Klärwerks in Mühlhausen hatten sich die Fließtücher an der Pumpe gesammelt und im Laufe der Zeit sogenannte Zöpfe gebildet. Hier verfing sich weiterer Schmutz, sodass die Pumpe schließlich still stand. Die Zöpfe mussten von den Mitarbeitern entfernt werden. Angesichts des Geruchs, den Abwasser so mit sich bringt, „nicht sehr appetitlich“. Auch der wirtschaftliche Schaden ist nicht ohne. „Im besten Fall sind die Pumpen verstopft, im schlechtesten Fall müssen wir sie wegen eines Schadens austauschen“. Und dies kann abhängig vom Modell bis zu 100 000 Euro kosten. „Diese Ausgaben wirken sich letzten Endes auf die Abwassergebühr aus“, sagt Kühl. Mit der unsachgemäßen Entsorgung der Tücher über die Toilette schneidet sich der Verbraucher somit langfristig ins eigene Fleisch.

„Biologisch abbaubar“ ein Trugschluss

Zwar ist auf vielen Verpackungen der Hinweis „spülbar“ oder „biologisch abbaubar“ abgedruckt und suggeriert dem Verbr aucher, dass die Entsorgung via Toilette problemlos möglich wäre. Dies ist allerdings ein Trugschluss, denn „spülbar heißt nicht pumpbar“, sagt Kühl. Was sie damit meint: Wenn ein Tuch die WC-Schüssel und die Rohre im Haus passiert hat, fängt das Problem meist erst an. Vor dem Klärwerk haben zunächst die Pumpen innerhalb der Kanalisation mit den Tüchern zu kämpfen. Ist eine Pumpe im Kanalsystem verstopft, müssen die Mitarbeiter der Kanalreinigung den Zopf aus Tüchern, Schmutz und weiteren Hygieneartikeln, die sich hier im Laufe der Zeit ansammeln, von Hand entfernen und das Gerät gegebenenfalls erneuern.

Im Klärwerk wurden indes Zerkleinerer in die Rohre eingebaut und enge Stellen in den Leitungen verbreitert. Gelöst ist das Problem dadurch jedoch nicht. Einerseits steigt der Verbrauch von feuchten Tüchern permanent an: 204 Millionen Packungen wurden im Jahr 2015 bundesweit verkauft, die Wachstumsraten sind zweistellig. Anderseits verklumpen auch die zerkleinerten Fließtücher in den Rohren nach wenigen Metern erneut und das Problem taucht an anderer Stelle wieder auf. Das technische Wettrüsten gegen den gestiegenen Verbrauch an Fließtüchern bekämpfe nur die Symptome, sagt Kühl. Die Ursache des Problems kann letztlich nur der Verbraucher beheben.