Spannende Einblicke beim Tag der Offenen Tür der Kläranlage Böblingen-Sindelfingen: Es ging um den Weg des Abwassers, um Faultürme, Tropfkörper und Belebungsbecken.
Zugegeben, es wären andere Aktivitäten denkbar an einem Sommersonntag mit 30 Grad im Schatten, als den Tag der Offenen Tür in der Kläranlage Böblingen-Sindelfingen zu besuchen. Freibad zum Beispiel. Oder Faulenzen im Schatten. Oder beides. Doch die Becken am Fuße des Daimlerwerks erfreuten sich regen Interesses an diesem Tag, an dem das Thermometer schon am Vormittag in Richtung der 30er-Marke kletterte. Und zu erzählen hatten die Betreiber tatsächlich einiges, denn sie stehen vor der größten Investition ihrer Geschichte. Doch eins nach dem anderen.
Immer zur vollen Stunde begannen Führungen über das weitläufige Gelände und siehe da, auch in der prallsten Mittagshitze waren die gut besucht. Abwassermeister Thorben Petelik führte eine der Gruppen und zeigte ihr den Weg der braunen Brühe, die am Ende in Badewasserqualität wieder in die Schwippe gelangt. Erste Station: Zulauf. Hier schwemmt es alles an, was in Böblingen und Sindelfingen in Toiletten, Gullys, Abflüssen und Regenrinnen landet.
„Das sind an trockenen Tagen zwischen 250 und 400 Litern pro Sekunde“, sagt der 33-Jährige, der auf der Anlage schon seine Ausbildung absolviert hat. „Damit man es sich besser vorstellen kann: Jede Sekunde eine Badewanne voll.“ Bei Regen und Gewitter steige der Pegel auf bis zu 2000 Liter, sechs Überlaufbecken halten die Fluten dann zurück. Auch die Kläranlage spürt den Klimawandel: „Die Ausschläge werden extremer, es gibt zwar mehr Trockentage, aber auch mehr Starkregen-Ereignisse“, sagt Petelik.
Das, was da an Unappetitlichem in der Kloake schwimmt, wird erst an der nächsten Station wirklich sicht- und vor allem riechbar: dem Rechen. Diese erste mechanische Reinigungsstufe fischt alle Feststoffe aus dem Wasser, die größer sind als ein Zentimeter. Dieser Unrat – hauptsächlich Toilettenpapier – wird zuerst ausgepresst und füllt nach und nach einen Container. Rund 20 Tonnen pro Woche sind das, die in das Böblinger Restmüllheizkraftwerk wandern und dort verfeuert werden.
Große Schieber holen in der nächsten Stufe den eigentlichen Klärschlamm aus dem Abwasser, das hier immer zwar immer noch braun schimmert, aber schon deutlich weniger stinkt. „Der Klärschlamm wird in zwei Faultürmen entgast, mit dem gewonnenen Methan betreiben wir zwei Blockheizkraftwerke zur Stromerzeugung“, sagt Petelik. Genial: Damit,sowie mit zusätzlichen Solarzellen deckt die Kläranlage bereits zwischen 65 und 70 Prozent ihres Strombedarfs. Weitere Solarzellen sind geplant, sodass man bald ganz energieautark sein wird.
Eine weitaus größere Neuerung entsteht noch einen Schritt weiter hinten in dem komplexen Prozess: Neue sogenannte Belebungsbecken zur biologischen Reinigung. Bisher arbeitet die Anlage noch mit einem zwar bewährten, aber trägen Klärprozess. In sieben schwimmbeckengroßen Tropfkörpern rieselt das vorgeklärte Wasser über Lavaschlacke aus dem erloschenen Vulkan Hohentwiel. Darin bauen Myriaden von Bakterien Kohlenstoffe ab und wandeln Ammonium zu Nitrat um. Dies funktioniere zwar gut, aber die Grenzwerte wurden verschärft und das System von 1983 komme bald an seine Grenzen, sagt Petelik.
67 Millionen Euro für so genannte Belebungsbecken
Diese Station hat es dem elfjährigen Jan Dziobek besonders angetan: „Das mit dem Vulkanstein fand ich am coolsten“, sagt er. Gemeinsam mit seinen Eltern besuchte er den Tag der Offenen Tür – und wirkt keineswegs betrübt über den eher ungewöhnlichen Sonntagsausflug.
Der Zweckverband startete schon im Jahr 2018 zur bisher größten Investition in seiner Geschichte: 67 Millionen Euro werden für die Umstellung auf das sogenannte Belebungsverfahren ausgegeben. In drei Bauabschnitten werden die gigantischen Tropfkörper zurückgebaut und durch sogenannte Belebungsbecken ersetzt. Darin erledigen ebenfalls Mikroorganismen den Klärvorgang: Unter konstanter Zuführung von Sauerstoff nimmt diese Biomasse die organischen Schmutzstoffe als Nahrung auf und verstoffwechselt diese in organische Verbindungen, mineralische Stoffe und Gase.
Klärschlamm soll ortsnah entsorgt werden
Neben dieser Neuerung blicken Petelik und seine Kollegen auch hoffnungsvoll auf die neue Klärschlammverwertung, die in der Nachbarschaft zum Restmüllheizkraft entstehen soll. Bisher muss der Schlamm aufwendig nach Frankfurt gekarrt werden, was zunehmend teurer wird. Eine ortsnahe Entsorgung, die zugleich lokal Energie erzeugt, war dem Zweckverband schon lange ein Anliegen. Nach einigem politischen Hin und Her soll die Anlage nun kommen – wenn auch erheblich teurer als zunächst geplant.
Kläranlage Böblingen-Sindelfingen
Größe
Die Anlage stammt ursprünglich aus dem Jahr 1938 und ist die größte weit und breit – ausgelegt für bis zu 250 000 Menschen. Das Abwasser wird zu 99 Prozent geklärt und hat am Ende Badewasserqualität – es speist die Schwippe zu 80 Prozent.
Zweckverband
Der Zweckverband gehört beiden Städten, die jeweiligen Oberbürgermeister von Böblingen und Sindelfingen haben abwechselnd den Vorsitz inne. Auf der Anlage sind 35 Mitarbeiter beschäftigt.