International gefeiert: Ragnar Kjartansson Foto: Elísabet Davids

Die Ausstellung „Scheize-Liebe-Sehnsucht“ mit Werken des Isländers Ragnar Kjartansson im Kunstmuseum Stuttgart bietet das „beste Kunstwerk des 21. Jahrhunderts“. Und das ist noch lange nicht alles.

Stuttgart - Im besten Fall fasziniert Kunst nicht nur. Sie elektrisiert, schafft einen eigenen Raum, verändert unsere Wahrnehmung, begründet neue Realitäten.

Wie Kunst bleibt

Dieses Ideal kann man belächeln. Was aber, wenn es doch passiert, wenn Kunst doch einen eigenen Sog entwickelt? Um einmal nur in Stuttgart zu bleiben – so wie 1998 in Martin Kusejs „Fidelio“-Inszenierung für die Oper Stuttgart, wie in Marco Goeckes Choreographie „Äffi“ für Marijn Rademaker (2005, als Koproduktion der ARDT Dans Benefit Gala und des Stuttgarter Balletts zunächst in Arnheim, dann in Stuttgart präsentiert), wie in der 2017 von Iris Dressler und Hans D. Christ erarbeiteten Ausstellung „Alexander Kluge. Gärten der Kooperation“?

Konsequenz mit Ansage

„Ein wichtiges und besonderes Merkmal unseres Museums ist, dass wir uns mit unseren Ausstellungen gerne künstlerischen Grenzgängern widmen“, sagte Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart vor der Eröffnung der Ausstellung „Scheize-Liebe-Sehnsucht“ unserer Zeitung. Und weiter: „Ich denke hier an Christian Jankowski, Josephine Meckseper, Michel Majerus, Candice Breitz, auch an Patrick Angus und natürlich an Dieter Roth.“ „Ragnar Kjartansson“, so Groos, „passt sehr gut in diese Reihe. In fast allen seinen Arbeiten steckt ein Funken Ironie oder Grenzgängertum“.

Magier mit Gitarre

Ein Mann liegt in einer gefüllten Badewanne, schlägt auf der Akustik-Gitarre einen ersten Ton an. Ein Musiker in einem anderen Raum nimmt ihn auf, gibt ihn weiter. Ein Reigen ist eröffnet, ein Dialog der Töne, ein Dialog der Beteiligten, ein Dialog der Besucher, die einander zuhören, die einander vertrauen, dem jeweils anderen etwas zutrauen.

„The Visitors“ ist eine betont leise Szenerie. Es ist ein Tasten, ein Erfragen. Acht Leinwände, neun Szenerien – und doch ein Ganzes. Ragnar Kjartansson ist der Mann in der Badewanne. Dem Standbild, das vom Sinn- zum Abziehbild zu werden drohte, will er nurmehr im „Visitors“-Ganzen veröffentlicht sehen.

Glück und Kummer

2007 tritt Ragnar Kjartansson als schmachtender Sänger mit großem Orchester auf. Wieder und wieder intoniert er „Sorrow conqers happiness“ („Der Kummer überwindet das Glück“). „God“ heißt die Arbeit.

2013 holt er sich die New Yorker Independent-Band The National auf die Bühne des Museum of Modern Art-Gegenwartsforums P. S. 1. Sechs Stunden spielt die Band ein einziges Lied: „Sorrow“. Das Konzert wandelt sich zur Performance, zum Musiktheater – und Kjartansson macht daraus die Videoarbeit „A Lot of Sorrow“. Der hierfür eigens geschaffene Raum ist der Motor des Kjartansson-Auftritts im Kunstmuseum, ist Kraftquelle und zugleich ein Magnet, auf den alles zuläuft.

Wiederholung schärft an

Keine Erzählung, nirgends, nur die Macht der Wiederholung.„In der Wiederholung“, sagt Ulrike Groos,, „ist unsere alltägliche Wahrnehmung außer Kraft gesetzt, in ihr gibt es keinen Anfang und kein Ende, oder vielmehr spielen sie eine nur untergeordnete Rolle. Es geht um Zeit, um das ,Sich-Einlassen’, um die Erfahrung von Dauer, die wahrnehmungsschärfend erfahren werden kann.“

Kunst? Musik?

Kjartanssons Klänge durchziehen das Kunstmuseum, tänzeln durch die drei Stockwerke des Kubus am Stuttgarter Schlossplatz. Musik also. Wieder einmal. Wie in „I Got Rhythm“, wie in „Ekstase“. Wegweisende Ausstellungen im Kunstmuseum wie auch jetzt zum Gesamtwerk von Ragnar Kjartansson.

„Wenn Kunst und Musik zusammenwirken, entstehen synästhetische Effekte, die uns auf ganz unterschiedlichen Ebenen ansprechen und das Kunsterlebnis steigern können“, sagt Ulrike Groos. Die Kunsthistorikerin ist auch Musikwissenschaftlerin. „In der Antike, im Mittelalter oder in der Renaissance gab es aufgrund der universalen Bildung oder der Idee der artes liberales bereits eine enge Verbindung der Kunst zur Musik. Mich fasziniert, Themen zu entwickeln, die diesem Verständnis folgen.“

„The National“ am 5. Dezember in Stuttgart

So lässt sich das Finale der Kjartansson-Schau im Kunstmuseum Stuttgart an diesem Wochenende auch als Auftakt eines größeren Kunstbogens verstehen. Am 5. Dezember gastiert die Band „The National“ in der Porsche-Arena. Ihr „Sorrow“ wird sicher zu hören sein – doch nicht mehr nur als ihr Song, sondern als Teil eines größeren Ganzen und angefüllt mit der von ­Ragnar Kjartansson eröffneten Magie der ­Möglichkeiten.

Ragnar Kjartansson in Kürze

1976 in Reykjavík geboren. Seine Eltern, die Schauspieler, Autoren und Regisseure Gudrun Asmundsdóttir und Kjartan Ragnarsson, geben ihm den Namen seines Großvaters – Ragnar Kjartansson. In seiner Kindheit und Jugend wird für ihn das Leben mit dem Theater prägend.

1997 bis 2001 studiert Kjartansson an der Isländischen Kunstakademie in Reykjavík.

2000 beginnt Ragnar Kjartansson mit dem jetzt auch im Kunstmuseum Stuttgart präsentierten, 2005, 2010, 2015 fortgeführten Videozyklus „Me and my Mother“.

2009 bespielt er den Isländischen Pavillon bei der Biennale Venedig.

2012 präsentiert Kjartansson im Migros Museum Zürich erstmals seine umfassende Videoinstallation „The Visitors“. Das Projekt ist auch in Wien (2013) und Boston (2014) zu sehen.

2019 ist seit dem 20. Juli und noch bis einschließlich diesen Sonntag, 20. Oktober, im Kunstmuseum Stuttgart mit „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ die bisher umfassendste Ausstellung mit Werken von Ragnar Kjartansson zu sehen. Die britische Zeitung „The Guardian“ zeichnet „The Visitors“ im September als „wichtigstes Kunstwerk des 21. Jahrhunderts“ aus.

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