Bildungsarbeit über alle Altersgruppen hinweg, damit beschritt der freie Bildungsträger Konzept-e vor 30 Jahren neue Wege. Heute ist das Standard in den Kitas. Foto: Konzept-e

Waltraud Weegmann hat mit ihrem privaten Bildungsträger Konzept-e eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Doch auch sie tut sich schwer, gutes Personal für ihre Kitas zu finden. Die Eltern seien Teil des Problems, sagt die Geschäftsführerin.

Das element-i Kinderhaus Bärcheninsel hat sein 30-jähriges Bestehen gefeiert. Die Einrichtung, in der schon damals 100 Kinder von null bis zwölf Jahren ganztags und altersübergreifend betreut wurden, war in vielerlei Hinsicht wegweisend. Und es war die erste Kita des freien Bildungsträgers Konzept-e. Die Geschäftsführerin Waltraud Weegmann spricht im Interview über die Entwicklung der frühkindlichen Bildung und über den Fachkräftemangel.

 

Waltraud Weegmann setzt sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Foto: Konzept-e/Jonathan Leliveldt

Frau Weegmann, vor 30 Jahren war es hierzulande noch unüblich, dass Mütter in größerem Umfang arbeiten gingen und ihre Kinder schon früh und für viele Stunden täglich in eine Betreuung gaben. Wie also kam das neue Angebot damals an?

Für die Unternehmen war die Gründung einer solchen Kita wichtig, denn man hat gut qualifizierte und junge Fachkräfte gebraucht. Und um gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – also auch Frauen – zu finden, musste man ein solches Angebot machen. Aber es ist richtig, viele waren da noch vorsichtig und sahen das auch skeptisch. Es war noch eine andere Zeit. Andererseits hatten wir damals auch schon Kinder, die bereits mit drei Monaten in unsere Kita kamen. Denn die Mütter wollten und mussten schnell zurück in den Beruf, um ihren Arbeitsplatz zu sichern. Damals gab es ja noch keine Elternzeit von 14 Monaten wie heute. So mussten sich vor allem die Mütter einerseits rechtfertigen, ihr Kind schon früh ganztags fremd betreuen zu lassen, andererseits war die Notwendigkeit aber höher.

Ging es damals in den Kitas um eine reine Betreuung oder auch schon um frühkindliche Bildung?

Die Qualität war und ist uns wichtig, wir haben von Beginn an ein eigenes pädagogisches Konzept entwickelt. Auch ein Baby lernt schon, zum Beispiel Krabbeln und Brabbeln und soziale Interaktion. Auch das ist Bildung. Diese Ansicht war damals noch nicht so verbreitet. Auch haben wir als eine der ersten Einrichtungen alters- und gruppenübergreifend gearbeitet, weil es uns wichtig war, dass die Kinder große Entscheidungsspielräume bekommen.

Das gilt auch schon für die ganz Kleinen?

Bei uns haben die ganz Kleinen einen geschützten Raum. Aber zwischen zwei und drei Jahren unterstützen wir sie dabei, nach und nach das ganze Haus, mit seinen besonderen Räumen und den vielen Materialien für sich zu erobern. Auch in unserer Kinderkonferenz werden die Kleinen einbezogen. Wenn sie noch nicht sprechen können, können sie zum Beispiel durch die Wahl einer Karte mit einem entsprechenden Bild verdeutlichen, was sie machen wollen. Das ist uns wichtig, weil wir den Kindern Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit vermitteln wollen, und weil so eine Kinderkonferenz ein wichtiger Anlass ist, in der Gruppe zu sprechen. Mit dieser Bildungsarbeit über alle Altersgruppen hinweg waren wir damals sehr innovativ. Unser Konzept haben wir bis heute immer weiterentwickelt und unser Personal beständig weiterqualifiziert.

In den element-i Kinderhäusern gibt es viele Möglichkeiten, aktiv zu werden. Foto: Konzept-e

Welche Rahmenbedingungen braucht es für eine gute frühkindliche Bildung?

Vor allem braucht es gutes Personal. Früher konnten wir aus einem Stapel an Bewerbungen die Besten auswählen. Das ist heute nicht mehr so. Doch wenn wir nicht mehr nur die Besten auswählen können, dann müssen wir die Leute qualifizieren, damit sie zu den Besten werden. Das kostet Zeit und Geld. Hier wünschen wir uns als Träger mehr Unterstützung von den Kommunen und vom Land. In Stuttgart sind wir in einem guten Austausch, in anderen Kommunen haben wir da größere Probleme. Zudem braucht es viel mehr Unterstützung seitens der Eltern.

Was genau meinen Sie damit?

Ich weiß, dass das im Moment sehr schwierig ist, weil viele Eltern verständlicher Weise unzufrieden sind, wenn wir die Öffnungszeiten nicht einhalten können. Dieser Ärger entlädt sich bei allen unseren Mitarbeitenden und ganz besonders bei den Erzieherinnen und Erziehern. Das erzeugt Stress, vor allem bei den Leitungen. Immer wieder scheiden Pädagoginnen und Pädagogen deshalb aus, weil sie diesen Konflikt nicht mehr aushalten. Es wäre leichter für uns alle, wenn wir alle zusammenhalten und die Mitarbeitenden unterstützen würden.

Der Fachkräftemangel ist ein wichtiger Punkt. Was lässt sich dem entgegensetzen?

Das Problem bekommen wir nicht vollends gelöst. Denn wir haben überall Fachkräftemangel, nicht nur in den Kitas. Was den pädagogischen Bereich betrifft, müssen wir uns darum bemühen, dass die Leute in den Kitas bleiben, dafür braucht es wie gesagt auch die Eltern. Zudem müssen wir Personal qualifizieren. Wir entwickeln dazu gerade ein neues, flexibles und hybrides Angebot. Und wir suchen Personal im Ausland, wir wollen künftig auch im nicht-europäischen Ausland akquirieren. Kurzfristig und niederschwellig versuchen wir Aushilfen zu gewinnen, zum Beispiel Eltern, Studenten und Rentner, die wir ebenfalls in unser Qualifizierungsprogramm integrieren.

Bundesweit aktiv

Waltraud Weegmann
Die Stuttgarterin wurde 1956 geboren, ist Diplom-Ökonomin und Mutter zweier Söhne. 1988 gründete sie die Konzept Gesellschaft für Unternehmensberatung mbH und darauf die Konzept-e für Bildung und Soziales GmbH, deren Inhaberin und Geschäftsführerin sie bis heute ist. Konzept-e betreibt mittlerweile bundesweit 46 Kinderhäuser, zwei Grundschulen, zwei Gemeinschaftsschule und drei Fachschulen. In Stuttgart ist aktuell ein neues Bildungshaus in Planung. 2008 erhielt Waltraud Weegmann das Bundesverdienstkreuz für herausragende Arbeit zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Erziehung und Bildung. Seit 2018 ist sie die Vorsitzende des Deutschen Kitaverbands.

Bärcheninsel
Die Geschichte der Bärcheninsel begann vor 40 Jahren mit der Gründung einer Eltern-Kind-Initiative. Damals ging es Waltraud Weegmann auch um die Betreuung ihrer eigenen Kindern. Als Betriebswirtin war sie Führungskraft und engagierte sich als Vorsitzende von EWMD, einem Netzwerk für Frauen in Führungspositionen, für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. So hatte sie auch Kontakt in die Politik. Das Wirtschaftsministerium initiierte ein Programm und stellte Geld für die Gründung von betrieblichen und betriebsnahen Kitas bereit. In dem Kontext kamen mit dem Betriebsratsvorsitzenden der Dekra und später die Familie Lapp mit Lapp Kabel große Firmen mit der Idee auf Weegmann zu, eine betriebsnahe Kita aufzubauen. Gemeinsam mit anderen Firmen aus dem Industriegebiet Vaihingen/Möhringen gründeten sie den Verein Kind e.V. und suchten mit Unterstützung der Stadt Räume, die sie dann in Dürrlewang fanden. Im September 1994 eröffnete die Bärcheninsel. atz