Durch den Spielplatztreff können die Kinder Kontakte knüpfen. Foto: Gottfried Stoppel

Während viele Eltern nach einem Kitaplatz suchen, entscheiden sich andere bewusst gegen eine Fremdbetreuung. Weshalb? Ein Besuch bei einer Kitafrei-Gruppe.

Der Tag auf dem Spielplatz beginnt mit einem Morgenkreis. Die vorab verteilten Seidentücher werden in die Luft geschwungen, die Kinder drehen sich im Kreis, auf einem Handy wird währenddessen ein Kinderlied abgespielt. Dann wird geschaukelt, geklettert, gestritten. Die Kinder, die auf dem Spielplatz umhertoben, besuchen keine Kindertagesstätte. Ihre Eltern haben sich dafür entschieden, ihren Nachwuchs zuhause zu betreuen.

 

Für Fabienne hat sich der Wunsch erst mit der Zeit entwickelt. „Wir hatten zunächst einen Platz in einem Waldkindergarten“, sagt sie. Doch dann habe es sich nicht richtig angefühlt – und auch die Tochter habe kein Interesse gehabt. Also haben sie und ihr Mann sich umgehört und sind auf die Kitafrei-Gruppe gestoßen, ein deutschlandweites Netzwerk aus Eltern, die ihre Kinder zuhause betreuen und die sich innerhalb der Regionalgruppen regelmäßig treffen.

Gemeinsam wachsen, spielen und streiten

Jeden Donnerstag gibt es etwa den Spielplatz-Treff, der an verschiedenen Orten im Rems-Murr-Kreis stattfindet. „Der Treff ist auch ein bisschen für uns“, sagt eine andere Mutter, 43 Jahre alt, deren vierjährige Tochter gerade auf der Schaukel sitzt. Aber auch für die Kinder, weil sie so auch ohne Kindergarten-Freunde Kontakte zu anderen knüpfen können. Sie spielen gemeinsam, verabreden sich, machen Laternenumzüge und werden zu Kindergeburtstagen eingeladen.

Eine weitere Mutter hat 2022 eine Waldspielgruppe gegründet. „Ich wollte mein Kind gerne in eine Waldgruppe geben, habe aber gemerkt, dass die festen Betreuungszeiten vieler Konzepte – fünf Tage die Woche, morgens ab acht Uhr – nicht zu unserem Alltag passten“, so die Gründerin.

Jetzt treffen sich Eltern und Kinder jeden Montag im Wald, begleitet von klaren Strukturen: Begrüßung, gemeinsamer Abschluss und kreative Angebote wie Farben aus Naturmaterialien herstellen, Kastanien basteln oder Mandalas legen. Also eigentlich wie in einem Kindergarten – nur mit den Eltern.

Einmal die Woche treffen sich die Kinder, die möchten, im Wald zur Waldspielgruppe. Foto: imago/STPP

Die Gründe für eine kitafreie Erziehung sind unterschiedlich. Manche haben es versucht und aufgegeben, weil das Kind sich nicht eingelebt hat. Für andere ist es eine bewusste Entscheidung. „Die Zeit, die man mit seinem Kind verbringt, geht so schnell vorbei“, sagt die 43-Jährige zu ihren Gründen. Sie wolle so wenig wie möglich verpassen. Die Alleinerziehende hat eine Teilzeitstelle im Gesundheitswesen, währenddessen ist die Tochter bei ihrer Mutter. Ohne sie würde ihr Konzept nicht funktionieren. Ihre ältere Tochter ist 14 Jahre alt, deshalb wisse sie, wie schnell die Zeit vergehe. Die große Tochter war regulär in einer Kita, doch damals sei die Situation in den Einrichtungen eine andere gewesen, so die 43-Jährige.

Fabiennes Tochter ist knapp vier Jahre alt und gewohnt, nicht in einer Kita zu sein – auch wenn sie weiß, was das ist. „Sie interessiert sich dafür, will aber nicht hin.“ Ihr genügten die vier Tage in der Woche, an denen sie mit anderen Kindern verabredet sei. Fabienne genieße es, den Tag flexibel zu gestalten. Die Flexibilität mache sie entspannter. Schlaf habe Priorität, ihre Tochter und ihr bald einjähriger Sohn sollen so lange schlafen, wie sie möchten. Danach trifft sie sich mit anderen Eltern oder nimmt ihre Kinder mit in ihren Alltag. Wenn ihre Tochter sich für etwas interessiert, versucht die 30-Jährige darauf einzugehen. Sie lernt mit ihr die ersten Buchstaben oder kümmert sich um Bastelmaterial. „Ich finde es schön, sie in ihren Interessen begleiten zu können“, sagt sie.

Finanziell machten sie Abstriche, da sie selbst nur wenig arbeiten würde. „Mein Partner und ich führen zwei Fitnessstudios und ich bin zusätzlich selbstständig als externe Assistentin und Buchhalterin. Wir sind keine wohlhabende Familie, aber wir haben bewusst Prioritäten gesetzt: Zeit, Nähe und eine Kindheit im eigenen Tempo. Das finanzieren wir vor allem durch Verzicht auf Dinge, die für uns nicht so wichtig sind.“

Kritiker befürchten, Kinder, die keine vorschulische Einrichtung besucht haben, seien zu wenig auf das Leben und vor allem die Schule vorbereitet. An diesem Tag auf dem Spielplatz kann keiner von einem schwierigen Übergang in die Schule berichten. Alle Kinder aus der Gruppe würden sich gut integrieren. Allerdings entscheiden sich einige der Eltern für freie Schulen oder andere Konzepte. Auch Fabienne kann sich nicht vorstellen, ihre Kinder auf eine staatliche Schule zu schicken, wenn es so weit ist.

Heilpädagogin Margarete Papp sieht das Thema ambivalent. „Für viele Kinder ist eine Betreuung außerhalb des Elternhauses eine gute Wahl. Etwa weil beide Elternteile arbeiten möchten oder müssen, weil die Eltern Angehörige pflegen oder belastende Situationen in der Familie sind“, sagt sie. Erzieherinnen seien dafür ausgebildet, genau hinzuschauen und die Fähigkeiten eines Kindes zu erkennen. „Manchmal besser, als das in einem Elternhaus möglich ist, weil viel mehr in verschiedenen sozialen Situationen beobachtet und gestärkt werden kann.“ Kita als soziale Institution hält sie für wichtig, um soziale Interaktionen zu lernen, auch im Hinblick auf den Übergang zur Schule. Vor allem wenn das Kind keine Geschwister habe, sondern als Einzelkind in einer Familie aufwachse.

Gleichzeitig sieht sie, was sich in den vergangenen Jahren geändert hat: die großen Gruppen, offene Konzepte, Fachkräftemangel. „Natürlich kann ich es aus diesen Gründen verstehen, dass es Eltern beunruhigt, wenn in Kitas 50 bis 70 Kinder durcheinander rennen. Mit so viel Freiheit kann nicht jedes Kind, aus unterschiedlichsten Gründen, umgehen. Viele Kinder sind da erst einmal überfordert. Ich verstehe, dass Eltern sagen, das kann nicht funktionieren! Ich möchte gerne, dass es funktioniert, aber ich sehe auch die Schwierigkeit, die manche Kinder damit haben.“ Papp ist seit mehr als zwanzig Jahren Eingliederungshelferin in Kitas und Schulen, außerdem arbeitet sie in einer psychologischen Familien- und Lebensberatung. Sie kenne die Schwierigkeiten, die manche Kinder haben.

Sie halte es aber auch für wichtig, Kindern, auch kleinen, bestimmte Situationen zuzumuten. „So eine Kita ist auch das Abbild einer Gesellschaft, da sind alle Schichten vertreten. Kinder können so lernen, mit unterschiedlichen Situationen und auch mal mit Schwierigkeiten klar zu kommen, sich durchzusetzen oder sich auch mal zurückzunehmen, das ist ein wichtiger Aspekt sozialen Lernens in der Gesellschaft.“

Die Gruppe lehnt Kitas nicht per se ab

Natürlich sei es aber das gute Recht eines jeden, selbst zu entscheiden, wie das Kind bis zur Schule aufwächst. Falls sich Eltern für einen kitafreien Weg entscheiden, empfiehlt sie, sich Gruppen zu suchen oder auch Vereinen beizutreten, wo ebenfalls für gewöhnlich ein Querschnitt der Gesellschaft zu finden ist. „Wichtig ist es, Kontakt zu anderen Kindern zu ermöglichen und Gruppen zu finden, in denen sich verschiedene Kinder mit verschiedenen Sozialisierungen treffen. Und wenn ein Kind nicht mehr hinmöchte, nicht zu schnell einzulenken. Sondern sie darin zu bestärken, selbstwirksam zu werden. Man kann seine Kinder beobachten, wie sie sich verhalten, wie sie Kontakt aufnehmen. Es gibt Kinder, die das auf Anhieb können, und es gibt Kinder, die müssen das lernen“, so Papp.

Die Eltern auf dem Spielplatz betonen an dem Tag, dass sie Kindergärten nicht per se ablehnten. „Ein Kindergarten ist nichts Negatives, er kann eine Bereicherung sein, wenn die Eltern keine Zeit haben oder keine Kapazität“, sagt Fabienne. Ihnen sei wichtig, dass Eltern frei entscheiden können, welcher Weg zu ihrer Familie passt, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Kindergarten, Tagesmutter oder zu Hause – alles kann richtig sein, wenn Kinder liebevoll begleitet werden, so will sich die Gruppe verstanden wissen.