Ernährung, Sport und Bewegung – das sind Jasmin Müllers Schwerpunkte im Kinderhaus Steppkes. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Als Personal Trainerin bei Daimler war Jasmin Müller nicht mehr glücklich – und wagte etwas Neues. Warum sie für alle in der Kita ein Gewinn ist.

Die Kommentare auf Instagram sind äußerst wertschätzend: „Wie durften einige Jahre mit Jasmin verbringen, und es war eine wundervolle Zeit. Hut ab vor ihrer Begeisterung und Kompetenz, und was für ein Mehrwert für die Kids und die Kita“, heißt es in einem Betrag auf StZ Familie. Eine andere Mutter schreibt: „Sie ist eine tolle Erzieherin, haben wir live erlebt! Danke für die tolle Zeit.“ Die Rede ist von Jasmin Müller. Seit September 2021 arbeitet sie in dem Element-i-Kinderhaus Steppkes in Vaihingen, seit August 2024 ist sie staatlich anerkannte Erzieherin.

 

Mit Kindern sei schon immer gern zusammen gewesen. „Sie sind ehrlich, neugierig, unmittelbar“, sagt sie. Mit Kindern könne man jeden Tag „etwas Echtes“ erleben, und das ist es, was Jasmin Müller an ihrem Beruf als Erzieherin schätzt. „Es ist schön, mit ihnen die Welt zu entdecken, sie zu begleiten und eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben zu werden.“

Jasmin Müller kam als Quereinsteigerin in die Kita. Davor arbeitete sie als Fitness- und Ernährungsberaterin und war Personal Trainerin im Gesundheitsmanagement der Daimler AG (heute Mercedes-Benz). Aus mehreren Gründen habe sie sich beruflich verändern wollen. In dieser Phase sei sie über die Stellenanzeige gestolpert. Der private Bildungsträger Konzept-e suchte ein neues Teammitglied mit besonderer Affinität zu den Themen Ernährung und Bewegung. „Ich habe mich noch am selben Tag beworben“, erinnert sich Jasmin Müller. Zwei Tage später habe sie im Kinderhaus Steppkes hospitiert. „Da war mir klar: Das ist es, was ich will“, sagt Jasmin Müller.

Quereinsteiger: Mit Daimler-Kompetenzen in die Kita

Konzept-e setzt schon seit mehr als 15 Jahren darauf, Menschen aus anderen Berufen in die Kita zu holen. Nicht aus der Not heraus, betont die Geschäftsführerin Waltraud Weegman. Denn damals sei der Fachkräftemangel noch kein Thema gewesen. Viel mehr halte man es „wirklich für eine gute Idee“, ein breites Spektrum an Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Begabungen in den Kitas zu beschäftigen. Diese würden sich zumeist sehr bewusst für einen Berufswechsel entscheiden und seien spannende Persönlichkeiten. „Wir haben Sportler, Musiker Gärtner, Ingenieure, und es wäre wirklich schade, wenn wir sie nicht hätten“, sagt Waltraud Weegmann.

Schritt für Schritt Neues wagen – diese Botschaft gibt Jasmin Müller auch an die Kinder weiter. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Sportbereich im Kinderhaus Steppkes

Auch Jasmin Müller ist überzeugt davon, dass sie als Quereinsteigerin einen Mehrwert in die Kita bringt. Das werde ihr auch von den Kolleginnen und Kollegen sowie den Eltern gespiegelt. Von Anfang an habe man ihr viel Vertrauen geschenkt. Sie habe sehr schnell den Sportbereich im Kinderhaus Steppkes übernommen und viel Spaß daran, die Mädchen und Jungen im Turnraum professionell zu begleiten und zur Bewegung zu motivieren. Außerdem sei sie durch ihren gesunden Lebensstil ein authentisches Vorbild. Im Kollegenkreis habe sie Themen wie aktive Pausen, Achtsamkeit und Stressbewältigung eingebracht. Es sei „der frische Wind, der unvoreingenommene Blick von außen“, der die gesamte Kita weiter voranbringe.

Auf Personalengpässe in der Kinderbetreuung reagieren

Vor dem Hintergrund der vielen positiven Erfahrungen mit Quereinsteigern befürwortet Waltraud Weegmann den sogenannten Erprobungsparagrafen. Der Landtag hat diesen mit der Novellierung des Kindertagesbetreuungsgesetzes Ende 2023 eingeführt. Er erlaubt unter anderem eine andere Berechnung des Mindestpersonalschlüssels und eine Absenkung der Fachkraftquote, um auf personelle Engpässe reagieren zu können. Dadurch können mehr Quereinsteiger eingesetzt werden. Ziel ist es, dem Personalmangel in Kitas entgegenzuwirken.

Doch nur wenige Einrichtungen machten von dem Erprobungsparagrafen Gebrauch und stellten entsprechende Anträge. Viele Träger und Kitas waren skeptisch und wussten nicht, wie sie das neue Gesetz in der Praxis anwenden sollen. Um es ihnen einfacher zu machen, erarbeiteten der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) und die kommunalen Landesverbände, insbesondere der Städte- und Gemeindetag, Kita-Flex als eine Art Blaupause.

Der Verband Kita-Fachkräfte reagierte mit massiver Kritik auf das neue Kita-Flex-Konzept. „Wer in diesem Zusammenhang von Qualität spricht, hat von den wissenschaftlichen Empfehlungen und der Realität keine Ahnung“, so die Vorsitzende Anja Braekow in einer Pressemitteilung. Und weiter steht dort: „Die angestrebten Regelungen bringen Unsicherheit bei Personal, Eltern und Trägern und erhöhen künstlich die Bürokratie.“

Für den Evangelischen Landesverband Tageseinrichtungen für Kinder in Württemberg ist Kita-Flex mit einer deutlich schlechteren Personal-Kind-Relation verbunden. So würden mehr als 20 Prozent mehr Kinder auf eine Person und mehr als 40 Prozent mehr Kinder auf eine Fachkraft kommen. Der Verband warnte in seiner Stellungnahme vor einer dauerhaften Absenkung von Standards. Auch viele Kita-Träger in Stuttgart – unter anderem die Stadt sowie die evangelische und katholische Kirche – sind wenig euphorisch.

„Nicht-Fachkräfte werden bei uns so gut wie irgendwie möglich qualifiziert.“

Waltraud Weegmann sieht das anders: „Uns als Träger geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Dafür brauche es einerseits eine qualitätsvolle Kinderbetreuung auf hohem Niveau, andererseits aber auch Verlässlichkeit für die Eltern. Denn Fakt ist, dass in vielen Kitas immer wieder Öffnungszeiten gekürzt werden müssen oder ganze Gruppen nicht geöffnet werden können, weil Personal fehlt. „Wir fühlen uns in der Pflicht, hier gegenzusteuern“, sagt Weegmann. Der Erprobungsparagraf biete dazu Möglichkeiten. Darum habe Konzept-e für alle 16 Element-i-Kitas in Stuttgart entsprechende Anträge gestellt und Ende 2024 die entsprechenden Genehmigungen erhalten. Die Eltern seien in diesen Prozess einbezogen worden und hätten „allergrößtes Verständnis“ dafür.

Wer Menschen aus anderen Berufen in die Kita hole, brauche ein entsprechendes Qualifizierungskonzept. Dabei müsse es um mehr gehen als um einen Mindeststandard, betont Weegmann. „Nicht-Fachkräfte werden bei uns so gut wie irgendwie möglich qualifiziert. Darum haben wir ein System der Weiterbildung entwickelt, welches Nicht-Fachkräften nach drei Jahren über eine Schulfremdenprüfung einen Abschluss als Fachkraft ermöglicht.“ Bei Konzept-e würden im Grunde alle Quereinsteiger, die langfristig in der Kita arbeiten wollen, früher oder später auch den Abschluss als Fachkraft machen. Zum einen, weil es ihnen eine bessere Bezahlung ermögliche, zum anderen, weil Konzept-e Wert darauf lege.

Was der Kita-Träger von den Kommunen erwartet

Aus Weegmanns Sicht geht es bei Kita-Flex nicht darum, den Fachkräfteschlüssel dauerhaft zu reduzieren. Viel mehr schaffe der Erprobungsparagraf größere Spielräume um auf Personalengpässe besser reagieren zu können. Doch die Träger bräuchten Unterstützung, um diese möglichst ohne Qualitätsverlust ausgestalten zu können. Die Geschäftsführerin verweist darauf, dass die Kommunen die Personalkosten auch für Nicht-Fachkräfte in ausreichendem Maße bezuschussen und Geld für die Qualifizierung der Nicht-Fachkräfte bereit stellen sollten. In Stuttgart sei man da auf einem guten Weg, in anderen Kommunen sei es anders. Und auch in der Landeshauptstadt merke man zunehmend, dass der Gürtel enger geschnallt werde.

Waltraud Weegman möchte auch weiterhin Menschen aus anderen Berufsfeldern in die Kitas holen. Jasmin Müller hat diese Entscheidung nicht bereut. „Ich mag alles an diesem Beruf, auch wenn es manchmal stressig ist. Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen“, sagt sie.

Dieser Artikel erschien erstmals am 5. Juni 2025 und wurde am 18. Juni aktualisiert.

Programme gegen den Personalmangel in Kitas

Direkteinstieg Kita
Der Quereinstieg in eine Kinderbetreuungseinrichtung ist auch über das Programm „Direkteinstieg Kita“ möglich. Das Kultusministerium und die Bundesagentur für Arbeit haben dieses zusammen mit weiteren Partnern entwickelt, Baden-Württemberg ist damit bundesweit Vorreiter. Der erste Jahrgang startete im Februar 2023 und bekam im Dezember 2024 die Zeugnisse überreicht. Die besondere Ausbildung ermöglicht Personen, die bereits einen Beruf haben, einen Abschluss als sozialpädagogischer Assistent oder Erzieher. Parallel zur schulischen Ausbildung arbeiten sie in einer Einrichtung und erhalten dafür ein Gehalt.

Zahlen
Aktuell wird das Modell Direkteinstieg Kita landesweit an 42 Schulen angeboten. Im September 2024 haben 1167 Personen die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin beziehungsweise zum sozialpädagogischen Assistenten begonnen. Die Anzahl der Direkteinsteigerinnen und Direkteinsteiger im ersten Ausbildungsjahr hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt.