Zeit für Kinder: Kita-Mama Inga Lenz, die städtische Fachbereichsleiterin Martina Köllner, Kita-Leiterin Diana Fiebelkorn, Malteserin Diana Hauser, die Spielzeit-Betreuerinnen Liane Vollmer und Rihan Helmi sowie Erzieherin Tanja Meier (von links). Zeit für Kinder: Kita-Mama Inga Lenz, die städtische Fachbereichsleiterin Martina Köllner, Kita-Leiterin Diana Fiebelkorn, Malteserin Diana Hauser, die Spielzeit-Betreuerinnen Liane Vollmer und Rihan Helmi sowie Erzieherin Tanja Meier (von links). Foto: Christoph Breithaupt/Christoph Breithaupt

Seit das Kita-System in der Krise ist, fällt oft das Schlagwort „Offenburger Modell“. Dort hat die Stadt die Öffnungszeiten der Einrichtungen verkürzt, nachmittags betreuen die Malteser die Kinder. Wie läuft das Modell im Schwarzwald, von dem auch Gemeinden in der Region Stuttgart lernen wollen?

Mit Protestgesängen brachten wütende Eltern im Januar 2023 ihren Frust und ihre Sorgen vor dem Salmen, wo der Offenburger Gemeinderat tagt, zu Gehör. Eine Reaktion auf die untragbare Betreuungssituation an den Offenburger Kitas zu dieser Zeit – und auf die Idee der Stadt, neue Wege zu gehen. Wege, die bisher noch niemand gegangen war.

 

Mit dem „Offenburger Modell“ wollte die Stadt eine Lösung für den Personalmangel an den Kitas schaffen und neben den Eltern auch die Erzieherinnen entlasten, die den Ausfall ihrer Kolleginnen kompensieren mussten. Eineinhalb Jahre später ist die anfängliche Skepsis vieler Eltern verflogen – die Beteiligten sprechen von einem Erfolg.

Die Idee zum „Offenburger Modell“ wurde Ende 2022 vorgestellt. Die Situation hatte sich damals zugespitzt: Eltern meldeten sich verzweifelt bei der örtlichen Tageszeitung, weil sie von einem Tag auf den anderen ohne Betreuung dastanden. Und neue Kita-Plätze wurden erst gar nicht vergeben.

Die Lösung der Stadtverwaltung: Externe Kräfte sollen die Kinder am Nachmittag betreuen, um die Fachkräfte zu entlasten und wieder Verlässlichkeit herzustellen. Als Partner suchte sich die Stadt schließlich die Malteser aus.

Ehrenamtliche Malteser als Betreuer

Nach hitzigen Debatten im Gemeinderat rangen sich die Räte schließlich dazu durch, ab März 2023 drei Pilot-Kitas auf den Weg zu bringen. Als Spielzeitbetreuer setzten die Malteser in Offenburg Ehrenamtliche ein. „Wir mussten zuvor eine Erste-Hilfe-Schulung am Kind und eine Präventionsschulung absolvieren“, erzählt Diana Hauser, die seit Beginn für die Malteser an den Offenburger Kitas im Einsatz ist. Zudem war es für alle Spielzeitbetreuer Pflicht, an einer mehrtägigen pädagogischen Schulung teilzunehmen. Obligatorisch war außerdem eine Kennenlernphase, bei der sich Spielzeitbetreuer, Erzieherinnen und Eltern beschnuppern konnten. Im Mai 2023 fiel der Startschuss für das „Offenburger Modell“.

Mittlerweile ist Diana Hauser in der Kita Zunsweier als pädagogische Leiterin im Einsatz. Auch an diesem Donnerstagmittag. Es ist 14.15 Uhr. Gerade stürmen 20 Kinder auf sie zu, rund die Hälfte bleibt bei Hauser und ihren Spielzeit-Kolleginnen stehen und blickt erwartungsfroh: Sie dürfen noch bleiben, während die anderen Kinder sich mit ihren Eltern auf den Heimweg machen.

Es ist Übergabe: Hauser nimmt von Erzieherin Tanja Meier ein Buch entgegen. Darin ist festgehalten, ob es am Vormittag besondere Vorkommnisse gab. Außerdem wichtige Telefonnummern und Hinweise zu Allergien und Krankheiten. Auch am Nachmittag muss das Übergabe-Buch gepflegt werden, um die Erzieherinnen am nächsten Morgen auf dem Laufenden zu halten.

Die Kinder sind noch aufgedreht, gleich dürfen sie nämlich zum „Sport mit Birgit“, einem Angebot des örtlichen Turnvereins. „Diese Kooperationen sind zum Glück geblieben, auch wenn wir Erzieherinnen uns davon trennen mussten“, erzählt Kita-Leiterin Diana Fiebelkorn. Sie ist froh, dass ihre Einrichtung als Pilot-Kita ausgewählt wurde. „Zu der Zeit der Schließungen ging nichts mehr“, blickt sie zurück.

„Wir haben die Verzweiflung der Eltern gespürt“

Vor allem die pädagogische Arbeit am Kind habe unter dem Personalmangel leiden müssen, „und wir haben die Verzweiflung der Eltern gespürt“. Auch bei den Erzieherinnen habe es anfangs Ängste und Bedenken gegeben. Drei Ziele habe man daher erarbeitet: „Wie funktioniert der Übergang im Haus? Wie ist es, die Räume mit Fremden zu teilen, und was machen wir plötzlich mit der Vorbereitungszeit, die wieder zur Verfügung steht?“ Für die Erzieherinnen habe sich vieles zum Guten gewendet. Sie hatten wieder planbare Arbeitszeiten, konnten wie auch die Kita-Eltern Familie und Beruf wieder vereinen. „Außerdem können sie wieder Impulse für die Kinder setzen und die Eltern unterstützen und beraten“, ist Fiebelkorn froh.

Auch bei den Kindern kommt die Spielzeit am Nachmittag an, erzählt Kita-Mama Inga Lenz. Ihre beiden Töchter wurden bis 16.30 Uhr betreut, „das hat es mir leichter gemacht, meinen Job in Baden-Baden und meine beginnende Selbstständigkeit auszuüben“, sagt Lenz und unterstreicht: „Wir sind sehr auf das Offenburger Modell angewiesen.“ Für die Kinder seien die Spielzeitbetreuerinnen wichtige Bezugspersonen geworden, „besonders auch für die Kinder, deren Großeltern nicht in der Nähe wohnen, sind sie eine Bereicherung“, findet Lenz.

Aus dem Ruhestand in die Kita

Als Spielzeitbetreuer gemeldet haben sich Menschen unterschiedlichen Alters, berichtet Diana Hauser. „Manche sind schon im Ruhestand, andere haben gerade den Schulabschluss gemacht und suchen eine Aufgabe, manche arbeiten Teilzeit.“ Entlohnt werden die Ehrenamtlichen teils als 30-Prozent-Stelle, teils auf der Basis geringfügiger Beschäftigung vom Arbeitgeber Malteser. „Viele haben auch die Motivation, sich im Ort zu engagieren“, erzählt Hauser.

Das bekräftigt Spielzeitbetreuerin Liane Vollmer. Die Zunsweiererin hat durch das Gemeindeblatt von der Suche nach externem Personal erfahren. „Mich hat das interessiert und es macht mir wirklich Spaß, Zeit mit den Kindern zu verbringen“, sagt sie.

Genauso empfindet es die dreifache Oma Chantal Heiberger aus Ohlsbach, die zufällig vom „Offenburger Modell“ erfahren hat. Und auch die 32-jährige Rihan Helmi hat Freude an der Betreuungszeit am Nachmittag. Die Kinder spüren das: „Es macht Spaß, man darf viel Quatsch machen!“, überschlagen sich Benedikt und Naila beinahe beim Erzählen. Denn nachmittags ist auch Zeit für freies Spiel: „Am liebsten Hochfangi und Verstecki“, rufen Milla und Thea.

Martina Köllner, an diesem Nachmittag ebenfalls vor Ort, blickt zufrieden auf die vor Freude jauchzenden Kinder. Die Fachbereichsleiterin Familien, Schule und Soziales bei der Stadt Offenburg hat unzählige, teils nervenaufreibende Gespräche in den vergangenen Monaten führen müssen, um an diesem Punkt anzukommen.

Aber es hat sich gelohnt. „Wir wollten für die Eltern wieder verlässlich sein, und das dauerhaft“, erklärt sie ihre anfängliche Intention. „Uns war gleich klar: Wir brauchen eine strukturelle Änderung an vertrauten Orten. Wir brauchen das Offenburger Modell.“ Mittlerweile nehmen rund 100 Offenburger Kita-Kinder die Betreuung durch die Spielzeitbetreuer der Malteser in Anspruch. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter: Die sechste Pilot-Kita in Offenburg-Albersbösch steht in den Startlöchern.