Weil das Personal knapp und der Krankenstand hoch ist, stehen Eltern einer Kita in Stuttgart immer wieder ohne Betreuung da. Die Lage sei nicht mehr tragbar.
Angelina Bammer ist verzweifelt. Sie ist Elternbeirätin in der Kita Am Bergwald 19 in Hedelfingen. Ihre Tochter hat dort einen Ganztagsplatz in der Gruppe für die Drei- bis Sechsjährigen. Angelina Bammer ist auf eine Betreuung angewiesen. Sie ist Köchin und leitet ein Betriebsrestaurant. Da sei Homeoffice nur schwer möglich, sagt die Mutter. Ihrem Mann gehe es ähnlich. Beide arbeiten in Vollzeit.
Doch die Öffnungszeiten der Kita Am Bergwald 19 sind alles andere als verlässlich. Immer wieder werden Gruppen oder gar die komplette Einrichtung geschlossen, weil Personal fehlt. Angelina Bammer hat für die Gruppe ihres Kindes und die Nachbargruppe von Januar bis Ende November 2025 Buch geführt.
- An 16 Tagen hat die Kita bereits um 13 Uhr komplett zugemacht.
- Die Gruppe 2 hatte an neun Tagen außerplanmäßig komplett geschlossen.
- Die Gruppe 3 hatte an sieben Tagen außerplanmäßig komplett geschlossen.
Hinzu kommen noch Streiktage und 28 reguläre Schließtage.
Im Dezember sei die Situation keinesfalls besser gewesen, sagt Angelina Bammer. In der ersten Dezemberwoche habe es wieder mehrere Schließtage gegeben, weil 13 Fachkräfte krank gemeldet gewesen seien.
Es gebe mehrere unbesetzte Stellen
„Insgesamt sind das außergewöhnlich viele Ausfälle“, sagt Angelina Bammer und ergänzt: „Wir verstehen die schwierige Personalsituation in der Branche und wissen, dass viele Einrichtungen betroffen sind. Dennoch empfinden wir die Häufung der Schließungen am Bergwald 19 als nicht mehr tragbar.“ Es gebe mehrere unbesetzte Stellen, zudem sei das Personal überdurchschnittlich oft krank. Die Elternbeirätin betont: „Die Erzieherinnen und Erzieher, die vor Ort sind, leisten großartige Arbeit und versuchen, den Betrieb bestmöglich aufrechtzuerhalten.“ Dennoch sei der aktuelle Zustand eine Katastrophe.
„Viele Eltern sind inzwischen massiv belastet“, sagt Angelina Bammer. Manche würden ihre Elternzeit unbezahlt verlängern, andere zusätzlich Urlaubstage nehmen, um die Ausfälle aufzufangen. „Viele machen Minusstunden, die sie nie wieder ausgleichen können. Wir riskieren Probleme am Arbeitsplatz. Unsere Arbeitgeber können unsere Abwesenheiten irgendwann nicht mehr tolerieren, und einige Eltern fürchten bereits um ihre berufliche Existenz“, schildert sie die Probleme. Ganz abgesehen davon, dass man eine Betreuungsleistung bezahle, die man in diesem Umfang nicht erhalte.
Gelbe Karten und ein Brief an den OB
Schon mehrfach hat sich der Elternbeirat an die Stadt gewandt, die Träger der Einrichtung ist. „Wir haben gelbe Karten geschrieben und Beschwerden eingereicht. Und es ging ein Brief an den Oberbürgermeister raus“, sagt Angelina Bammer. Doch passiert sei nichts. „Die Rückmeldung ,Ich habe es zur Kenntnis genommen‘ kann auf Dauer kein Umgang mit dieser Situation sein“, findet die Mutter. Sie könne nicht verstehen, warum die Kita ihrer Tochter so wenig Unterstützung von der Stadt erhalte, zum Beispiel in Form von Springerkräften, die kurzfristig und zuverlässig vertreten, wenn Personal ausfällt.
Bei einer Podiumsdiskussion unserer Zeitung zum Thema „Kitas in Stuttgart: Immer weniger Qualität für immer mehr Geld?“ machte Angelina Bammer zusammen mit ihrer Elternbeiratskollegin Franziska Brendl das Thema vor Kurzem öffentlich. Die Jugendamtsleiterin Katrin Schulze versprach, sich das Thema genau anzuschauen.
In der schriftlichen Stellungnahme der Stadt heißt es: „In der Tat stellt sich die Situation in der Kita Am Bergwald 19 als ungewöhnlich dar.“ Eine hohe Zahl ungeplanter Abwesenheiten von Mitarbeitenden zwinge die Stadt als Träger zu verschiedenen Maßnahmen, um „dieser dynamischen Lage rechtskonform zu begegnen“. Denn es gebe gesetzliche Vorgaben, wie viele Kinder pro Fachkraft anwesend sein dürfen.
Das Jugendamt sei bestrebt, personelle Ausfälle auszugleichen. So würden Fachkräfte innerhalb der Einrichtung verschoben und Überstunden machen oder Springkräfte eingesetzt. Doch bei ungeplanten Ausfällen einer höheren Zahl von Mitarbeitenden, müssten die Öffnungszeiten betriebsbedingt gekürzt werden. Man versuche dabei, die Belastungen für die Familien so gering wie möglich zu halten. Meist werde in unterschiedlichen Gruppen die Betreuungszeit an einzelnen Tagen ab Mittag reduziert.
Jugendamt will neue Fachkräfte gewinnen
Das Jugendamt betont, dass es alles dafür tut, um den Familien so bald wie möglich eine sichere Betreuungssituation bieten zu können. Dabei gehe es vor allem um die Gewinnung neuer Erzieherinnen und Erzieher. „Leider ist aktuell noch eine hohe Zahl an Einrichtungen gleichermaßen vom Fachkräftemangel betroffen, sodass trotz dieser Vielzahl an Maßnahmen die Besetzung offener Stellen nicht zeitnah gelingt“, heißt es in der Stellungnahme. Zudem habe man bereits mehrmals die Erfahrung machen müssen, dass die schlechte Erreichbarkeit der Kita Am Bergwald mit Bus und Bahn sich negativ auf die Personalgewinnung für diese Einrichtung auswirke.
Angeline Bammer betont, dass es den Eltern in der Kita Bergwald nicht um Schuldzuweisungen gehe. „Wir wünschen uns Lösungen. Wir brauchen dringend Hilfe“, so ihr Appell.