Solche Bilder von vielen Kindern auf engem Raum wird es nicht geben, obwohl die Kommunen von Montag an eine erweiterte Betreuung anbieten können. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Ab nächster Woche sollen noch mehr Kinder betreut werden. Das weckt Erwartungen bei den Eltern, doch den Kommunen fehlen konkrete Angaben zur Umsetzung. Einige Rathauschefs üben Kritik.

Kreis Ludwigsburg - Mehr Jungs und Mädchen als bisher sollen von Montag an wieder in die Kitas gehen dürfen. Eine entsprechende Ankündigung des Landes freut die Eltern, verärgert aber etliche Rathauschefs. Zwei von ihnen haben sich deshalb nun an ihre Wahlkreisabgeordneten Konrad Epple (CDU) und Markus Rösler (Grüne) gewandt. In dem Schreiben von Thomas Schäfer aus Hemmingen und seinem Schwieberdinger Amtskollegen Nico Lauxmann (beide CDU) heißt es: Die Ankündigung der vorgesehenen Lockerungen habe zur Folge, „dass Eltern, Familien und Elternbeiräte zurecht und in höherer Anzahl in den Kommunalverwaltungen anfragen, wie die neuen Regungen aussehen und erwarten von uns verständlicherweise konkrete Aussagen.“ Die Eltern erwarteten zurecht die Einlösung der festgelegten politischen Vorgaben. „Wir als zuständige Kommunen warten aber immer noch auf die versprochenen Konkretisierungen des Landes.“ Ohne diese sei die erweiterte Notbetreuung von nächster Woche an nicht möglich.

Rathauschefs formulieren ihre Kritik

Die beiden Rathauschefs machen aus ihrem Unmut keinen Hehl: „Es ärgert uns sehr, dass der 18. Mai versprochen wird, die Kommunen aber bis zum heutigen Tag noch keine Konkretisierung des Landes erhalten haben.“

Von Montag an können maximal die Hälfte aller Kinder, die normalerweise in die jeweilige Kita gehen, dort wieder betreut werden, hat das Kultusministerium verlauten lassen. Wie der Alltag aber unter den Aspekten des Gesundheits- und Infektionsschutzes sowie der Abstandsregelung ausgestaltet werden kann, ist offen.

„Dass wir alle Maßnahmen mit unseren Einrichtungsleitungen absprechen müssen – dies scheint unsere Landesregierung nicht zu wissen oder nicht zu beachten“, schreiben die Rathauschefs Lauxmann und Schäfer.

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Sie sind mit ihrer Kritik keineswegs allein. Unterstützung erhalten sie etwa aus der Kreisstadt. „So kann man mit Eltern und Kindern nicht umgehen“, kritisiert Ludwigsburgs Erster Bürgermeister Konrad Seigfried. „Wir werden mit Anfragen überhäuft, die wir selbst nicht beantworten können. Mit einer derartigen vollmundigen Ankündigung werden bei den Eltern Erwartungen geweckt, die wir vor Ort einfach nicht umsetzen können.“

Der Ditzinger Oberbürgermeister teilt diese Sichtweise. „Insoweit ist die Vorgehensweise des Kultusministeriums auch unter Berücksichtigung der Situation der Eltern nicht nachvollziehbar“, sagt Michael Makurath (parteilos). Unmut wird auch aus Bietigheim laut: „Dass die Anweisungen so kurz vor knapp kommen, darüber sind wir natürlich auch nicht amused“, sagt Sprecherin Anette Hochmuth. „Ein 50-Prozentbetrieb ab Montag ist illusorisch“

Siegfried verweist unter anderem darauf, dass die „halbe Gruppenstärke“ nicht überall angeboten werden könne: viele Einrichtungen hätten zwar große Räumlichkeiten für offene Konzepte, aber zu wenig einzelne Räume, um Gruppen zu trennen. Außerdem gebe es Einrichtungen, in denen viele Erzieherinnen und Erzieher arbeiten, die zur Risikogruppe gehören. Sie würden nach Möglichkeit nicht für die Notbetreuung eingesetzt. Vor diesem Hintergrund hat Ludwigsburg gerechnet: Von den rund 4000 Kita-Plätzen wären bei 50 Prozent rechnerisch rund 2000 bereitzuhalten. „Tatsächlich werden aber nur 1200 Plätze belegbar sein, also etwas mehr als 25 Prozent“, sagt Seigfried. Das Ergebnis werde für viele Eltern ernüchternd sein, glaubt er.

Weil die Neuorganisation Zeit benötigt, hat Ludwigsburg vor, die Notbetreuung kommende Woche nicht weiter aufzustocken. Aus Ditzingen heißt es, die Erweiterung von Montag an sei „faktisch nicht vorstellbar“. Der Grund ist überall derselbe. „Selbst wenn das Ministerium heute oder morgen die Verordnung erlässt und veröffentlicht, brauchen wir eine Vorlaufzeit, um die Betreuung neu zu organisieren“, meint Renate Schmetz, Leiterin des Fachbereichs Bildung und Familie in Ludwigsburg.

Warten auf das Ergebnis einer beauftragten Studie

Der Grünen-Abgeordnete Markus Rösler verweist in seiner Antwort an die Bürgermeister Lauxmann und Schäfer auf eine Studie des Wissenschaftsministeriums, deren Ergebnisse noch im Mai erwartet werden. Darin geht es um die Frage, wie häufig Kinder betroffen sind und welche Rolle sie bei der Ausbreitung des Virus spielen. Rösler stärkt den Rathauschefs aber auch den Rücken. Es sei „dringlich – und mit Verlaub schon seit einigen Tagen – ein „Fahrplan“ für die Kitas erforderlich, auf den wir alle warten“. Die Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) habe „Erwartungen geweckt, uns aber bis heute noch in Unklarheit über ihre Strategie gelassen.“ Unklar sei ja etwa, wie die Kitas eine Auswahl treffen sollen.

Das baden-württembergische Kultusministerium hat zwischenzeitlich unter anderem erklärt, dass individuelle Lösungen möglich seien. Diese Eckpunkte würden den Einrichtungen Orientierung bei der Planung bieten können, teilt der Abgeordnete Konrad Epple mit. Gleichwohl hat er Verständnis für die Verärgerung der Bürgermeister. „Wir alle stehen in der aktuellen Krise vor der großen Herausforderung, wie wir einerseits ein Höchstmaß an Gesundheitsschutz gewährleisten und vor dem Hintergrund der langsamen Öffnungen auch aufrecht erhalten können.“

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