Der Fight Club gastiert auf dem Wasen. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Es gibt nur noch zwei Box-Buden, die in Deutschland von Jahrmarkt zu Jahrmarkt tingeln. Eine davon ist der Fight Club von Ex-Champion Charly Schulz. Er gastiert auf dem Wasen. Dort wollte sogar Ex-Weltmeister Marco Huck in seinen Ring.

Stuttgart - Wer als Normalsterblicher bei Charly Schulz in den Ring steigt, ist von Kopf bis Fuß auf Hiebe eingestellt. An diesem Abend sind es vier Herausforderer. Zwei Studenten, ein Immobilienmakler und ein Nobody aus Ghana.

Wasenbummler. Hasardeure. Selten Fallobst, oft echte Kämpfer. Männer eben, den das Herz nie in die Hose rutscht. Das macht den Kick des Kirmesboxens aus. Es (ver)lockt viele, sich im Fight Club auf dem Wasen mit ehemaligen Profi-Boxern zu messen. Auch wenn es ordentlich Prügel auf die Birne gibt, so ist es gleichzeitig eine Streicheleinheit fürs Ego der mutigen Kämpfer.

„Kommen Sie“, bellt Schulz den Wasengängern entgegen, „es erwarten sie spannungsgeladene Kämpfe.“ Der frühere Champ verspricht seinem Publikum Sensationen, den Hobby-Fightern Geld. Wer es im Fight Club auf dem Volksfest schafft, ein polnisches Schwergewicht aus Schulz’ Truppe auf die Bretter zu schicken, kann bis zu 1000 Euro kassieren.

Um den Sieg geht es jedoch nur vordergründig. Die Box-Bude von Charly Schulz, eine von zwei in Deutschland, will unterhalten. Schulz, der frühere Box-Champion, verkauft Träume. Daher boxen alle mit 20-Unzen-Handschuhen. Die Dinger haben so ein großes Eigengewicht, dass man nach zwei Runden kaum noch die Hände hochbekommt. Zudem packen sie selbst den härtesten Punch in Watte. Blut und Tränen sollen nur symbolisch fließen. „Die Box-Bude kommt aus einer Zeit, als es auf dem Jahrmarkt noch Wahrsager und Illusionisten gab und eine Revue war“, erklärt der Sohn einer Schausteller-Familie aus dem Saarland, „ich habe diese Tradition vor über 20 Jahren wiederbelebt.“

"Habe früher gegen Ali geboxt"

Schulz ist ein Box-Romantiker. Er bekommt glasige Augen, wenn er von früher erzählt. Von Claus „Attila“ Parge zum Beispiel. Er plaudert von der Zeit, als er selbst lange ungeschlagen war und nach eigenen Worten sogar gegen den Größten boxen durfte. „Ich hatte die Ehre gegen Muhammad Ali auf dessen Europa-Tournee zu boxen“, sagt er mit seiner chronisch heißeren Stimme und zeigt auf seine Faust: „Komplizierter Bruch der Mittelhand.“ Karriereende. Neuanfang auf dem Rummel.

So verbindet Charly Schulz nun beides: seine Liebe zum Jahrmarkt und zum Boxen. Den Hang zur Show und zum echten Kampf. Die beiden Studenten, die an diesem Abend gegen die lebendigen Sandsäcke aus Polen antreten, sind echte Sportler. Thaiboxer aus Tübingen. In den jeweils beiden Runden á 60 Sekunden landen sie einige Treffer.

Nur der Stuttgarter Immobilienmakler beherzigt die gute alte Boxer-Regel „Geben ist seliger als Nehmen“ nicht. Der Bursche bekommt ordentlich Prügel, aber auch kräftig Beifall für sein Durchhaltevermögen.

Verlierer zeigt moralische Größe in der Niederlage

Es ist, als hätte das dankbare Publikum die berühmten Zeilen von Ernest Hemingway im Ohr. „Man kann vernichtet werden, aber darf nicht aufgeben“, heißt es in „Der alte Mann und das Meer“. Hemingway beschreibt damit einen unbändigen Sportgeist und die moralische Größe in der Niederlage.

So etwas gefällt Charly Schulz. Boxen als Abbild des Lebenskampfes. Am besten mit der Aussicht, das Unmögliche zu schaffen. An diesem Abend liegt die Sensation sogar zweimal in der Luft.

Zunächst auch ganz unerwartet für Charly Schulz. Als ein etwa 30-jähriger Kleiderschrank die Treppen seiner Box-Bude erklimmt, ahnt Schulz noch nicht, mit wem er es zu tun hat. Okay, die Boxernase des Typen machen ihn stutzig, aber nicht misstrauisch. Erst als der Unbekannte einen Wetteinsatz in Höhe von 10 000 Euro aushandeln will, dämmert es bei Schulz. Er hat es mit Marco „Käptn“ Huck zu tun. Den ehemaligen WBO-Weltmeister im Cruisergewicht. „Ich habe ihm gesagt, Marco du kannst hier nicht boxen“, sagt Schulz mit einem Unterton des Bedauerns.

Die Sensation liegt in der Luft

Doch seinem Publikum kann er dennoch etwas bieten. Der Mann, der sich „Playboy“ nennt und aus Ghana stammt, ist ein Modell-Athlet. Six-Pack und dicke Bizeps. Wie weiland Ali fliegt er wie ein Schmetterling durch den Ring zu sticht zu wie eine Biene. Der polnische Ringarbeiter meint durch eine Scheinwelt zu tapsen, die durch die vier Ringpfosten und die Spannseile real wird.

Show oder echter Kampf?

Den Zuschauern ist es wurscht. Sie wittern die Sensation und peitschen Playboy nach vorne. Und im nächsten Moment kracht seine Rechte an das Kinn des Polen. Der Turm wankt – und fällt. Knock-Out in der zweiten Runde. Playboy klettert wie Rocky in die Ringseile, reißt die Arme nach oben und lässt sich feiern. Natürlich bekommt er auch einen fetten Geldschein.

Charly Schulz ist zufrieden. Wieder hat er Menschen in seiner Box-Bude echte Träume verkauft.

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