Kirchtürme in Bad Cannstatt Neuromanik auf dem Seelberg

Von baj 

Die Liebfrauenkirche wurde 1909 erbaut. Foto: Julia Bayer
Die Liebfrauenkirche wurde 1909 erbaut. Foto: Julia Bayer

In der Reihe Himmelwärts stellen wir Bad Cannstatts Kirchtürme vor. Am Turm der katholischen Liebfrauenkirche erkennt der Betrachter erst auf den zweiten Blick eine Besonderheit.

Bad Cannstatt - Man muss schon zweimal hingucken, wenn man es nicht weiß. „Die Uhr sieht doch aus wie aufgebäbbt“, sagt der Pfarrer Martin Kneer und zeigt auf das Ziffernblatt am Kirchturm der Liebfrauenkirche. Jetzt wo er es sagt... „Die Gemeinde hatte wenig Geld, als die Kirche gebaut wurde“, erzählt der Pfarrer der katholischen Gemeinde auf dem Seelberg. Also wurde der Turm zunächst ohne Uhr errichtet – der heutige Zeitmesser wurde nachträglich eingebaut. Das war in den späten 30er-Jahren. „In einer Zeit als eigentlich der Nationalsozialismus die Zeit angegeben hat“, sagt Kneer. Der Pfarrer ist davon überzeugt, dass die Kirche damit auch eine Spitze austeilen und zeigen wollte, dass eigentlich doch jemand ganz anderes die Zeit angebe.

Aussicht vom Kirchturm Foto: Bayer

Wie das ganze Kirchenschiff nach französischem Vorbild wurde auch der 40 Meter hohe Turm von 1907 bis 1909 nach den Plänen von Architekt Josef Cades im Stil der Neuromanik erbaut. Zugänglich für die Öffentlichkeit ist der Liebfrauenturm nicht. Beim Aufstieg wird auch klar, warum. Während im unteren Teil trittsichere Steinstufen in Wendeltreppen-Manier in die Höhe führen, wird es im oberen Teil schon wackeliger. Schmale, steile Holzstiegen führen bis zur Decke des Raums, in dem unter anderem das alte mechanische Uhrwerk steht – durch eine Luke geht es in die Etage mit den vier Kirchenglocken. „Sie wurden 1927 eingebaut und sind aus Stahl“, erzählt der Pfarrer.

Das Material habe die Gemeinde ganz bewusst gewählt, weil es nicht für militärische Zwecke zu verwenden ist. Die ersten vier Glocken aus Bronze wurden im Ersten Weltkrieg nämlich abgebaut und eingeschmolzen. Ein Stockwerk liegt noch über den Glocken, es beherbergt unter anderem den Kasten für die Turmfalken. Zu erreichen ist es nur über Leitern und ein Baugerüst. Hier ist es nicht nötig zweimal hinzugucken, um zu wissen: da möchte man nicht freiwillig hinaufsteigen.

Redaktion Bad Cannstatt

Ansprechpartner
Torsten Ströbele
cannstatt@stz.zgs.de

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