Derzeit wird das Waldhorn innen ausgeräumt. Nächste Woche fällt die Fassade. Foto: Horst Rudel

Mehr als 300 Jahre lang hat das Waldhorn die Stirnseite des Kirchheimer Marktplatzes geziert. Jetzt haben die Abbrucharbeiten an dem baufälligen Gebäude begonnen.

Kirchheim - Die Tage der Kirchheimer Traditionsgaststätte „Waldhorn“ sind gezählt. Das Gebäude wird, nachdem es Innern vollständig ausgebeint ist, der Spitzhacke zum Opfer fallen. Spitzhacke heißt in diesem Fall auch wirklich Spitzhacke: Das stadtbildprägende Fachwerkhaus am Marktplatz wird in den nächsten Tagen von Hand abgebrochen. Es weicht einem modernen Neubau, um dessen Aussehen in der Teckstadt lange und erbittert gerungen worden ist.

Eine blick- und vor allem staubdichte Absperrung umgibt derzeit den mehr als 300 Jahre alten Gebäudeveteranen. Weil der Abbruch an einer sensiblen Stelle inmitten der Stadt geschieht, muss das Abbruchunternehmen besondere Schutzauflagen einhalten. So dürfen die Arbeiten nur außerhalb der Marktzeiten durchgeführt werden. Damit sollen die an den Ständen auf dem Marktplatz nebenan angebotenen Lebensmittel vor Verschmutzung geschützt werden. Das hat zur Folge, dass am Montag, Donnerstag und Samstag die Baustelle in der Zeit zwischen 7 Uhr und 14 Uhr ruht. Während der gesamten Bauzeit ist zudem die Zufahrt zum Marktplatz vom Osten her nicht möglich.

Das Waldhorn ist im Jahr 1699, zehn Jahre nach dem großen Kirchheimer Stadtbrand, errichtet worden. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Haus im Besitz von Glasern, Schustern und Schneidern. Die Handwerkstradition endeten im Jahr 1895. Seit der Übernahme durch den ersten Wirt, Hermann Hafenbrack, wird in dem schmucken, im Vergleich zu seinen stolzen Nachbarn eher bescheiden geduckt daherkommenden Haus Bier ausgeschenkt.

Gasthaus-Tradition soll wieder aufleben

An diese Tradition will, nach Jahren des Leerstands, auch der neue Besitzer des Waldhorns, der Investor Robert Ruthenberg, wieder anknüpfen. Ruthenberg hat das Waldhorn im Jahr 2015 erstanden, ursprünglich in der Absicht, möglichst viel historische Substanz zu erhalten. Mehrere Ortstermine in dem von außen noch gut erhaltenen Haus haben jedoch gezeigt, dass der Zahn der Zeit zu stark an den Grundfesten genagt hat. Die Standfestigkeit war nicht mehr gegeben, zumal die Fachleute bei genauerem Hinsehen die Überzeugung gewonnen haben, dass das Haus schon damals nicht unbedingt für die Ewigkeit gebaut war. Das hat dazu geführt, dass das Gebäude schon einmal von Grund auf saniert worden ist – mit dem Ergebnis, das von der historischen Bausubstanz inzwischen kaum noch etwas übrig geblieben ist.

Damit nicht genug der Ärgers. Ruthenbergs Plan, die Fachwerkfassade des Waldhorns durch eine flächige Fensterfront zu ersetzen, hatte in der Folge die Öffentlichkeit entsetzt und den Gestaltungsbeirat der Stadt auf den Plan gerufen. Seinem Willen zufolge sollen die geplanten kühl wirkenden Fensterflächen an der Schauseite des Gebäudes nun durch eine kleinteiligere Struktur ersetzt werden – idealerweise durch eine Holzfront, die den Fachwerkcharakter zumindest nachzeichnet. Läuft alles nach Plan, dann könnte im Waldhorn im Herbst kommenden Jahres wieder Bier gezapft werden.

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