Die Austauschschüler der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule in Kirchheim unter Teck im Kreis Esslingen sind nach abenteuerlicher Flucht zurück in der Heimat. Warum die Bundesregierung wegen ihres Falls in der Kritik steht.
Am Dienstagabend gegen 23 Uhr war es soweit: Nach vier sorgenvollen Tagen konnten Angehörige die zehn Jugendlichen aus Kirchheim in einem abgeschotteten Bereich des Stuttgarter Flughafens endlich wieder in die Arme schließen. Die 17-jährigen Austauschschüler und zwei Lehrkräfte der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule hatten eine abenteuerliche Rückkehr aus Israel hinter sich.
„Alle sind glücklich, wieder Zuhause zu sein“, sagt der Leiter der kaufmännischen Schule, Jens Kaiser, erleichtert. Diese Woche sind die Schüler des Wirtschaftsgymnasiums vom Unterricht freigestellt, um sich von den Strapazen der vergangenen Tage zu erholen und die Erlebnisse zu verarbeiten. „Sie sind aber alle wohlauf“, teilt Kaiser mit. Dennoch wolle man den Jugendlichen ein psychologisches Angebot machen.
Geplant waren acht unbeschwerte Tage in der Stadt Givatayium nahe Tel Aviv. Die Jugendlichen wollten ihre Freunde aus der Thelma Yellin High School besuchen, die wenige Monate vorher in Kirchheim zu Gast waren. Und plötzlich war Krieg: Drei Tage nach ihrer Ankunft, am 7. Oktober, griff die Terrororganisation Hamas Israel mit massivem Raketenbeschuss an.
Bernhard Sigel und Anna Oeffling, die beiden Lehrer, hatten seither auf vielen verschiedenen Wegen versucht, die Schülerinnen und Schüler so schnell wie möglich nach Hause zu bringen. „Dabei haben viele Seiten geholfen“, betont der Schulleiter. So habe ein Wendlinger Reisebüro Flugverbindungen gecheckt und das Esslinger Landratsamt alle Kontakte in seiner Partnerstadt Givatayim mobilisiert, um irgendwie eine Ausreise zu ermöglichen. Doch so recht kam man nicht voran. Schließlich half der Zufall.
Platz in einem isländischen Flugzeug
Im Luftschutzbunker ihres Hotels haben die Kirchheimer ein isländisches Ehepaar kennengelernt. Dieses erzählte, dass ihre Regierung eine Evakuierungsmaschine chartere, um gestrandete Bürger aus dem Kriegsgebiet zu holen. Das Paar habe ihnen die Telefonnummer des isländischen Außenministeriums gegeben. „Unsere Lehrkräfte haben dann alles Erdenkliche versucht, um mitfliegen zu dürfen“, erzählt Kaiser. Die erlösende Nachricht kam in der Nacht zum Montag gegen 3.30 Uhr. Dann musste es schnell gehen: Tel Aviv fiel als Flughafen aus, die isländische Maschine stand deshalb in der jordanischen Hauptstadt Amman bereit. Um dorthin zu kommen, organisierten die Lehrer rasch einen Kleinbus – und zahlten die anstrengende Fahrt aus eigener Tasche. Laut Kaiser habe die Gruppe gerade noch rechtzeitig den Flieger erreicht.
Die Maschine von „Icelandair“ landete in der Nacht von Montag auf Dienstag zunächst in Rom, um die Besatzung auszuwechseln, und dann in Keflavík nahe der isländischen Hauptstadt Reykjavík. Weil es von dort aus keinen Direktflug nach Stuttgart gibt, war noch ein Zwischenstopp in Frankfurt erforderlich, bevor die Gruppe schließlich völlig erschöpft Zuhause ankam.
In die Freude über die glückliche Rückkehr mischt sich auch Enttäuschung. Kaiser kritisiert, die deutsche Bundesregierung habe insgesamt zu wenig unternommen, um der Kirchheimer Schülergruppe zu helfen. Ja, man habe man mit dem Auswärtigen Amt in Kontakt gestanden. „Der Krisenstab hat sich schon frühzeitig bei mir gemeldet, unsere Schüler standen auf der Krisenvorsorgeliste. Die haben uns auch unterstützt mit verschiedenen Dokumenten“, räumt der Schulleiter ein. Und dank der Mitwirkung der Deutschen Botschaften in Jordanien und Island sei die Ausreise unbürokratisch erfolgt.
Er hätte sich jedoch gewünscht, dass die Bundesregierung schnellstmöglich eigene Evakuierungsflüge für Deutsche organisiert, um sie aus Israel herauszuholen, sagt Kaiser. Die Antwort auf seine Nachfragen bei den Behörden lautete, das sei momentan nicht geplant, berichtet er kopfschüttelnd. Stattdessen wurde auf kommerzielle Fluglinien verwiesen. „Und ich muss sagen, das fand ich schon sehr enttäuschend“, gibt Kaiser zu. „Viele Fluggesellschaften hatten ihren Betrieb ja eingestellt. Wie soll man dann einen Flug für zwölf Personen bekommen?“
Wer trägt die Kosten für die Rückreise?
Auch in den sozialen Netzwerken wird die Bundesregierung für ihr zögerliches Verhalten kritisiert. „Einfach nur peinlich, dass selbst nichts unternommen wurde“, lautet einer von vielen ähnlichen Einträgen auf der Facebook-Seite der Deutschen Botschaft in Island. Der kleine Inselstaat im äußersten Nordwesten Europas hingegen wird in höchsten Tönen für seinen Einsatz gelobt. „Beeindruckend, was möglich ist, wenn man will. Danke nach Reykjavík“, heißt es da zum Beispiel.
Der Esslinger CDU-Bundestagsabgeordnete Markus Grübel prangert das staatliche Vorgehen ebenfalls an. „Es kann nicht sein, dass die Bundesregierung deutsche Staatsbürger in diesen kriegsähnlichen Zuständen sich selbst überlässt“, betont er in einer Mitteilung und fordert: „Der Fall der Schülergruppe aus Kirchheim darf sich nicht wiederholen.“
Ganz abgeschlossen ist dieser Schüleraustausch wohl noch nicht, befürchtet Kaiser. Offen ist zum Beispiel die Frage, wer für die Kosten der außerplanmäßigen Flüge aufkommen muss. Die Rechnung für den Linienflug von Reykjavík nach Stuttgart habe das Esslinger Landratsamt übernommen. Doch was ist mit dem Flug von Jordanien nach Island? „Da könnte noch was auf uns zukommen“, sagt der Schulleiter.