Seit Jahrzehnten liegt die Bahnstrecke zwischen Kirchheim und Holzmaden (Kreis Esslingen) brach. Christian Schürholz würde sie gern wiederbeleben. Was die Bahn dazu sagt.
Mit einer Draisine auf einem Stück der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Kirchheim und Holzmaden fahren? Christian Schürholz weiß, dass er für diese Idee belächelt wird. Klingt sie doch viel zu kühn, um wahr zu werden. Der 13-Jährige zeigt sich davon allerdings unbeeindruckt: „Anderswo gibt es so etwas ja schon.“
Etwa 30 Draisinenstrecken sind in Deutschland zu finden, meist werden sie touristisch genutzt. „Das wäre doch auch was für Kirchheim“, sagt Christian Schürholz. Er hat sogar schon eine klare Vorstellung davon, wie „sein“ Schienenfahrzeug einmal aussehen könnte – die Inspiration dazu liefert ein Kettcar.
Seit die Familie vor sieben Jahren nach Jesingen gezogen ist, träumt er davon, „irgendwann einmal mit einem eigenen Zug auf dieser Strecke zu fahren“, erzählt Christian Schürzholz. Die seit Jahrzehnten ungenutzten Bahngleise liegen unweit seines Wohnhauses. Die Natur hat das Schotterbett in weiten Teilen zurückerobert, vereinzelt haben es Anwohner für Gärtchen und Baumhäuser in Beschlag genommen, in einigen kurzen Abschnitten fehlen die Schienen. Für den großen Eisenbahnfan ist das offenbar ein schwer erträglicher Anblick.
Vor ein paar Monaten hat Christian Schürholz seinen Freunden vorgeschwärmt, wie toll es doch wäre, die brach liegende Schienentrasse zu reaktivieren und sie in einem ersten Schritt Abschnitt für Abschnitt von Gestrüpp zu befreien. Die hätten ihn zunächst für verrückt erklärt, erinnert er sich schmunzelnd. Doch schnell ließen sie sich von seiner Euphorie anstecken – inzwischen hat er weitere Mitstreiter gefunden, die gern zu Astschere, Baumsäge und Spaten greifen würden.
Reaktivierung der stillgelegten Bahnstrecke seit langem diskutiert
Darunter sind zum Beispiel die Modellbahnfreunde Teck, in deren Jugendgruppe sich der 13-Jährige engagiert. Klaus Konzelmann tut die Initiative des Teenagers keinesfalls als kindliche Fantasie ab: „Christian geht die Sache sehr ernsthaft und überlegt an.“ Die Strecke kennt der junge Kirchheimer aus dem Effeff, er hat in Archiven recherchiert, ist jeden Meter abgelaufen und hat ihren Zustand in Dutzenden Fotos dokumentiert. Mit relativ geringem Aufwand, glauben Schürzholz und Konzelmann, könnte ein kleines Stück der Gleistrasse wieder befahrbar gemacht werden.
Natürlich wüssten sie, dass es schon Pläne zur Reaktivierung der stillgelegten Bahnstrecke gibt. Doch wann und wie die seit langem diskutierte Verlängerung der S-Bahn-Linie 1 von Kirchheim bis nach Weilheim kommt, ist völlig offen. Klar ist nur, es wird noch viele Jahre dauern. Diese Zeit wollen sie nutzen. „Wir glauben, dass ein gepflegter Zustand der Strecke ein wichtiges Fundament für alle zukünftigen Entwicklungen sein könnte“, sagt Christian Schürholz voller Überzeugung.
Der Oberbürgermeister von Kirchheim spricht von einer „schönen Idee“
Mit seinem ungewöhnlichen Anliegen hat er sich zunächst an Kirchheims Oberbürgermeister Pascal Bader gewandt: „Wir möchten auf eigene Initiative und ehrenamtlich damit beginnen, die Gleise von Bewuchs zu befreien“, heißt es in seinem Brief, in dem er das Stadtoberhaupt um Unterstützung bittet – und, falls möglich, um „die Genehmigung, mit einer Fahrraddraisine oder einem ähnlich leichten Fahrzeug auf eigene Gefahr die gereinigten Abschnitte befahren zu dürfen“.
Bader antwortete umgehend, das sei „eine schöne Idee“, verwies ihn jedoch an die Deutsche Bahn, die noch immer Eigentümer der Trasse ist. Auch dort wirbt Christian Schürholz seither unermüdlich in etlichen Mails für das Vorhaben: „Auch wenn wir noch minderjährig sind, sind wir hoch motiviert – denn wir glauben: Ein Anfang ist besser als gar nichts.“ Ein Vertreter der Bahn teilte ihm daraufhin mit, man überlege, wie man das Vorhaben unterstützen könne.
Die erste Absage an die Pflegeaktion ließ indes nicht lange auf sich warten – mit Verweis auf das zwischen März und Oktober geltende Fäll- und Schnittverbot. In dem Schreiben stand aber auch: „In der Zwischenzeit prüfen wir seitens der DB AG, ob und wie wir Ihr Vorhaben zu einem späteren Zeitpunkt bestmöglich umsetzen können.“ Im September hieß es dann per Mail, dass man die Arbeiten „nicht unterstützen beziehungsweise genehmigen kann“. Denn: „Sobald sich bahnfremde Personen im Gleisbereich aufhalten, sind besondere Vorkehrungen und Absicherungen zu treffen, die allesamt einen sehr hohen Vorbereitungsaufwand mit sich ziehen.“
Initiatoren wünschen sich mehr Ehrlichkeit von der Deutschen Bahn
Das Argument kann Christian Schürholz nicht nachvollziehen: „Was muss man denn absichern? Es fährt doch überhaupt kein Zug mehr auf dem Gleis.“ Klaus Konzelmann würde sich ein bisschen mehr Ehrlichkeit wünschen: „Die Bahn könnte doch auch klar sagen: lasst das.“ Aufgeben wollen sie jedoch nicht, vielmehr gehen sie nun in die Offensive und werben in der Öffentlichkeit für ihre Idee. Denn die steht bekanntlich am Anfang jeder Veränderung.
Vergangenheit und Zukunft
Eisenbahnbetrieb
Die Bahnstrecke von Kirchheim-Süd über Jesingen und Holzmaden nach Weilheim war eine 7,74 Kilometer lange Nebenbahn in Baden-Württemberg. Sie wurde 1908 in Betrieb genommen. Die letzten Personenzüge rollten bis 1982 auf den Gleisen, bis 1994 gab es abschnittsweise noch einen Güterverkehr. Dann wurde die Strecke stillgelegt. Bis Holzmaden liegt noch ein großer Teil der alten Gleise.
Reaktivierung
Nach einer im Juni 2024 vorgestellten Machbarkeitsstudie wird erwogen, die Strecke zu reaktivieren und in das Netz der S-Bahn-Stuttgart zu integrieren. Die Kosten für die Verlängerung der S 1 von Kirchheim nach Weilheim werden auf rund 136 Millionen Euro beziffert. Die Untersuchungen versprechen eine hohe Wirtschaftlichkeit und somit eine hohe Realisierungsperspektive. Die Variante steht jedoch unter dem Vorbehalt, dass sich die Betriebsqualität der S1 verbessern muss.