Unter dem Label „Anziehsachen“ entwickelt und fertigt die Designerin Ingrid Kurz-Müller in Holzmaden besondere Alltagsmode für Frauen, verkauft wird in Kirchheim.
Drei Bernina-Nähmaschinen warten im Atelier von Ingrid Kurz-Müller in Holzmaden auf den Einsatz. „Ich brauche einfache Funktionen“, erklärt die Designerin, die bei ihren technischen Geräten auf das Bewährte setzt und auf manch elektronische Finesse verzichten kann. „Schneidern ist Handwerk“, bringt die Designerin, die seit mehr als 30 Jahren unter dem Label „Anziehsachen“ Alltagsmode für Frauen entwirft und fertigt, ihre Aufgabe auf den Punkt. Verkauft werden die Unikate von ihr im gleichnamigen Ladengeschäft in Kirchheim Teck in der Schuhstraße 5, wo es außerdem Schmuck und Keramik zu entdecken gibt.
„Meine Mode hat kein Verfallsdatum, wenn eine Kundin beispielsweise mit einem Rock von mir von vor drei Jahren kommt, dann werden wird dazu ein passendes Oberteil finden“, ist die Designerin überzeugt. Für ihre aktuelle Frühjahrs- und Sommerkollektion setzt Ingrid Kurz-Müller auf fließende Seide für längere Röcke, auf florale Viskosedrucke für Kleider und weiterhin auf elastische Stoffe, wegen des hohen Tragekomforts.
„Jede Frau hat etwas Schönes an sich, das darf man hervorheben.“
Ingrid Kurz-Müller, Designerin
Überhaupt zählen Röcke zu Ingrid Kurz-Müllers liebsten Kleidungsstücken. „Ich mag die elastische Passe und den Bund, der nicht auftragen und nicht einengen soll.“ Der von ihr entwickelte Schnitt schwinge ein wenig, eigne sich auch zum Radfahren und umspiele sogar Hüftpölsterchen, erklärt die Designerin schmunzelnd, die den Saum ihrer Röcke gerne mit besonderen Stoffen betont. Oder sie lässt dafür eigens besonders hochwertige Borten in Frankreich sticken.
Passende Schnitte auch für die Frau ab 50, statt kastiger Säcke
Die Designerin zieht einen Ballen mit silbergrauem Brokat aus dem Regal. Der matte Glanz mit dem Rosenmuster Ton in Ton verrät den Rohstoff Seide. Gleich daneben liegt noch eine Rarität. „Das ist eine Cloquéstoff aus dem Schwarzwald“, erklärt Ingrid Kurz-Müller und streicht behutsam über das plastische Muster.
An der Wand hängt eine Stange auf der Rollen mit Borten in vielerlei Farben aufgefädelt sind und die Regale bergen viele Schätze, die auf die Verarbeitung warten. „Jede Frau hat etwas Schönes an sich, das darf man hervorheben, ein schönes Dekolleté und schöne Beine“ zum Beispiel. Und es sei ihr wichtig, gute Schnitte für Frauen zu entwickeln, denn für die Frau ab 50 würden Schnitte oft nicht mehr in der Körpermitte passen. Kleidungsstücke die locker sitzen und trotzdem „keine kastigen Säcke sind“, entwirft die Designerin deshalb besonders gerne.
In dem Laden in Kirchheim werden Mode-Unikate und Handelsware angeboten
In ihrem Atelier in Holzmaden stapeln sich Stoffballen unter der Schräge. Italienische Viskose, ein Mischgewebe aus Leinen-Baumwolle „das ist angenehm kühl“, Seide, Wolle und immer wieder Leinen in allen möglichen Farben laden zum Verarbeiten ein. „Das sind alles Stoffe aus Naturfasern“, erklärt die Fachfrau bei dem kleinen Rundgang, die an Naturfasen deren temperaturausgleichenden und antibakteriellen Eigenschaften genauso schätzt wie den Beitrag zur Ökologie. Der Sinn für stimmige Farbkombinationen und Materialmix ist auch im Ladengeschäft unübersehbar.
Dort finden sich neben zwei Kollektionen aus eigener Hand auch Blusen, T-Shirts und Strickwaren sowie Schals und Pantinen mit Organzastoffbespannung aus einer Wiener Manufaktur als Handelsware. „Mit einer Ausnahme sind das alles Hersteller mit einem Ökolabel“, erklärt Ingrid Kurz-Müller.
„Ich möchte kein Material verarbeiten, das später im Sondermüll landet“ macht Kurz-Müller klar und ergänzt: „Es ist schön, wenn man weiß, wo etwas herkommt“. Für gute Stoffe fährt sie einmal im Jahre nach Italien, um zwischen Varese und Mailand bei den Manufakturen einzukaufen, mit denen sie langjährige Beziehungen pflegt.
Handarbeit und textiles Handwerk haben in Bayern einen hohen Stellenwert
Die Textilfachfrau, die zunächst Sozialpädagogik studierte und sich das Entwerfen und Nähen selbst beigebracht hat, holt eine kleinen Stapel mit bunten Wollmustern aus dem Regal und erklärt, aus diesem Garn, das aus Kidmohair und Seide besteht, fertige eine befreundete Strickerin aus Bayern nach dem Wunsch ihrer Kundinnen Jäckchen an.
Überhaupt habe sich in Bayern eine ganz besondere Wertschätzung für Handarbeit und hochwertige Textilien erhalten. Das erlebe sie auch auf ihren Besuchen von Kunsthandwerksmessen wie dem traditionellen und international besetzten Textilmarkt in Benediktbeuern beispielsweise, wo sie seit vielen Jahren zu den Ausstellerinnen zählt. Aber in den letzten Jahren stellt Ingrid Kurz-Müller auch in unserer Region ein wachsendes Interesse an hochwertigen Materialien fest. „Weniger wegwerfen, länger tragen“ lautet ihr Credo für langlebige und alltagstaugliche Kleidung.
Erst für die Familie genäht, später für die Kundinnen im Kreis Esslingen
Inspirationen für ihre Kollektionen holt sich die Designerin weder auf Modemessen noch in Modezeitschriften, sondern viel lieber auf Ausstellungen wie beispielsweise im kulturhistorischen Museum Werdenfels in Garmisch-Partenkirchen und in der Natur. „Ich beschäftige mich gerne mit Details, wie kann ein Ausschnitt oder ein Kragen gestaltet werden und wie ein Saum?“
Über dem Zuschnitttisch hat Ingrid Kurz-Müller zum Beispiel drei Fotos von traditionellen Trachtenjäckchen befestigt, die jeweils mit unterschiedlichen Schößchen ausgestattet sind.
Begonnen hat alles beim Nähen für die eigenen Kinder. „Die Walkstoffe haben damals meine Leidenschaft fürs Nähen geweckt “, erinnert sie sich. Noch heute kauft sie diese Wollstoffe in Albstadt oder in Bayern ein. In Albstadt, der einstigen Hochburg der württembergischen Textilindustrie, liegen die Wurzeln der Designerin. Ihre Familie mütterlicherseits stamme von dort und in der Ahnengalerie fänden sich zahlreiche Herren- und Damenschneiderinnen und eine Directrice, „das liegt bei uns wohl in den Genen“, vermutet Ingrid Kurz-Müller, die ihre Kundinnen immer selbst vermisst und alle Daten in ihrem Maßbuch festhält.
„Ich nehme auch Änderungen vor, wenn es von mir gefertigte Stücke sind, das gehört zum Service“, sagt die Designerin, die zusätzlich zwei Schneiderinnen beschäftigt und sich in erster Linie als Gestalterin versteht. Begonnen hatte Ingrid Kurz-Müller zunächst mit einem Wollgeschäft, dann folgte nach der Familienpause der Umstieg zur Designerin von Mode für Frauen, zunächst in Nürtingen und seit 2021 in Kirchheim. „Ich konnte meine Leidenschaft zum Beruf machen“, sagt sie und ergänzt, beim handwerklichen Tun spüre sie eine tiefe Zufriedenheit.
Frühlingsmarkt im Laden
Markt
Am kommenden Wochenende lädt Kurz-Müller in ihren Kirchheimer Räumen zum Frühlingserwachen ein. Geöffnet ist der Markt am Freitag, 13. März, von 14 bis 18 Uhr sowie am Samstag, 14. März, von 10 bis 14 Uhr. Neben den „Anziehsachen“ von Kurz-Müller bieten befreundete Kunsthandwerkerinnen ihre Arbeiten an. Dazu zählen die Goldschmiedin Magdalena Höhne aus Aalen, die Ladenkollegin von Kurz-Müller, Gabriele Grau aus Kirchheim, präsentiert Textilschmuck und Upcycling und Susanne Neuffer aus Nürtingen ist mit Strickunikaten vertreten.
Laden
Anziehsachen in Kirchheim Teck ist in der Schuhstraße 5 zu finden. Öffnungszeiten sind donnerstags und freitags 10 bis 13 und 14 bis 18 Uhr sowie samstags 10 bis 14 Uhr.