Auch als Stadtführer engagiert sich der 74-jährige Willi Kamphausen Foto: Horst Rudel

Unter den neuen Trägern des Landes-Verdienstordens ist auch der frühere Schulrektor Willi Kamphausen. Von den knapp einem Dutzend Ehrungskriterien erfüllt er gut die Hälfte.

Kircheim - Kirchheim - Als erst jüngst beim Treffen der Partnerstädte in Kirchheim außer den bundesweit erfolgreichen jungen Gesangstalenten des Ludwig-Uhland-Gymnasiums auch der Chor Kamarakorus aus dem ungarischen Kalocsa den Festabend musikalisch bereicherte, durfte sich Willi Kamphausen diesen Programmpunkt an die Fahnen heften. Er hatte vor zwei Jahren den Chor in Ungarn gehört – und es war für ihn klar: „Ich lad’ die nach Kirchheim ein!“ Dazu organisierte er 21 Privatquartiere, allein die Hälfte davon in seinem eigenen Wohnquartier im Paradiesle.

Das stramme Umsetzen des einmal als wichtig und richtig Erkannten ist typisch für den gebürtigen Mönchengladbacher, den es vor bald 50 Jahren der Liebe wegen in die Teckstadt verschlagen hat. Als prägend verweist der mittlerweile 74-Jährige auf den Leitspruch seines Großvaters: „Prüfet alles und behaltet das Gute!“

An Prüfungen, auch im mehrdeutigen Sinn, fehlte es im Leben des Willi Kamphausen nicht, und auch vom Guten hat er so viel behalten, dass es vor Kurzem zur Verleihung des Verdienstordens, des höchsten Ehrenzeichen des Landes, locker reichte. Die Ausgezeichneten, so schlug Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Festakt im Ludwigsburger Schloss einen weiten Bogen, seien im Sozialbereich, der Entwicklungshilfe, im Sport, im kirchlichen und interreligiösen Bereich, in der Politik und der Wirtschaft, in Wissenschaft und Forschung sowie in Kunst und Kultur vorbildlich engagiert.

Gelungenes Beispiel an vorgelebter Integration

Von den knapp einem Dutzend Ehrungskriterien erfüllt Willi Kamphausen gut die Hälfte. Wenn man so will, ist der Mann vom Niederrhein, dessen bruchstückhaftes Schwäbisch ihn als Rei’gschmeckten verrät, ein gelungenes Beispiel an vorgelebter Integration. Und sucht man nach einer umfassenden Klammer oder einem gemeinsamen Nenner seines beruflichen und ehrenamtlichen Wirkens, so bietet sich am ehesten die Pädagogik an, gepaart mit einer ausgeprägten Sozialverantwortung. Kamphausen unterrichtete 37 Jahre an Kirchheimer Grund- und Hauptschulen, 19 davon war er Rektor an der Freihof-Grundschule.

Die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuerungen in schulischen Dingen galt und gilt auch fürs kommunalpolitische und kirchliche Engagement des Nonkonformisten. In den Siebzigern half er mit, die Bürgergruppe namens „Die Neuen“ aus der Taufe zu heben, die mit mehreren Exponenten in den Gemeinderat einzog. Später firmierten die Neulinge als Grüne mit Willi Kamphausen als langjährigem Fraktionschef – ohne dass der freilich eine Parteimitgliedschaft vorweisen konnte..

Zwölf Jahre gehörte „der Willi“ dem Kirchengemeinderat der Martinskirche an und war zugleich Laienvorsitzender. Gemeinsam mit seiner Frau Dorothee zählt er nach wie vor zu einem „Impulskreis“, der in der Kirchenarbeit innovative Anstöße einbringt. Die Liste der Engagements reicht vom Integrationsrat des Flüchtlingsnetzwerks bis zum Bildungs- und Sozialfonds „Starkes Kirchheim“ und weiter zum Verein Brückenhaus, dessen Vorsitzender Kamphausen seit mehr als 20 Jahren ist; die Arbeit mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten ist für ihn eine „Herzensangelegenheit“. Als Neuerung folgt am 22. Juli im Bürgerpark die Friedensaktion „Gebete und Gedanken aus den Religionen Kirchheims“, initiiert von Kamphausen und dem Pastoralreferenten Reinhold Jochim.

Vom Studentenvertreter zum Stadtführer

Dabei wäre Willi Kamphausen in der alten Heimat als angehender Versicherungskaufmann beinahe hinter Policen und Schadenstabellen ins Namenlose abgedriftet. Aber ein kirchlicher Jugendleiter brachte dann den Jungspund auf einen vielversprechenderen Weg. Kamphausen wechselte aufs Predigerseminar nach Reutlingen und dann auf die dortige Pädagogische Hochschule, um den Schuldienst anzupeilen. „Dort“, so sagt der Kirchheimer im Rückblick, „begann meine politische Phase“. Als Exponent einer Liste mit Namen „Konstruktive Kritik“ betätigte er sich in der Studentenvertretung und hatte mit den Obrigkeiten fortan so manchen Strauß auszufechten.

Fehlt noch Kamphausens Stadtführerkarriere unterm Markenzeichen seines weißen Wollkäppchens, wobei auch eine Nachtwächterführung mit Schlapphut und Hellebarde im Angebot ist. „Verkleidet“ kam sich indes Willi Kamphausen auch bei der Ordensverleihung als Krawattenträger vor. Dazu bestand zwar kein Zwang, aber „ein Deal“ mit seiner Frau besagte: Mit Mütze nur zum Festakt, wenn auch ein Schlips zur Aufmachung gehört.

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