In anderen Landeskirchen wie hier in Berlin ist die Ehe für alle längst kein Streitpunkt mehr – nur in Württemberg ist das anders. Foto: picture alliance / dpa

Existenzielle Themen warten auf Lösungen, doch jetzt überschattet eine Affäre um einen verhinderten Kandidaten den Wahlkampf in der Württembergischen Landeskirche.

Mitgliederverluste, Kirchensteuerausfälle, Pfarrermangel – an Themen von existenzieller Bedeutung fehlt es der Württembergischen Landeskirche nicht. Dennoch könnte die diesjährige Kirchenwahl am 1. Advent (30. November) wieder von einem Thema überschattet werden, das lediglich eine kleine Minderheit direkt betrifft und das in fast allen anderen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) längst abschließend geregelt ist: die „Ehe für alle“.

 

Schon vor sechs Jahren, bei der letzten Synodalwahl, war die Frage der Segnung queerer Eheschließungen ein heißes Wahlkampfthema gewesen. Damals hatte sich das Gremium nach langem Hin und Her auf einen für alle Seiten eher unbefriedigenden Kompromiss geeinigt: Gleichgeschlechtliche Ehen dürfen zwar in einem Gottesdienst gesegnet werden, dies wird aber nicht als Trauung bezeichnet. Zudem müssen sich teilnehmende Gemeinden erst durch ein kompliziertes Verfahren dafür qualifizieren. Ein Vorstoß von Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl, der auf eine Vereinfachung des Prozederes und eine Aufwertung abzielte, scheiterte jetzt bei der Herbsttagung knapp an der dafür notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit.

Affäre um einen verhinderten Kandidaten

2019 hatte der als theologisch-konservativ geltende Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“, der maßgeblich einer stärkeren Liberalisierung im Wege steht, wohl auch deshalb bei der Wahl Stimmen verloren und seine Stellung als stärkste „Fraktion“ im Kirchenparlament eingebüßt. Nutznießer war damals nicht nur die liberale „Offene Kirche“, sondern vor allem die Gruppierung „Kirche für morgen“ (Kfm). Der jüngste, erst Anfang der 2000er Jahre gegründete Gesprächskreis innerhalb der Synode, versucht, pietistische Strömungen mit einem reformorientierten Programm zu verbinden. Für die Ehe für alle zeigt sich die Kfm offen. Doch jetzt ist sie selbst über das Thema gestolpert und in die Kritik geraten.

Der sich modern gebende Gesprächskreis positioniere sich zwar, handele aber widersprüchlich und akzeptiere in den eigenen Reihen diskriminierende Haltungen, heißt es in einem offenen Brief der Organisation „BuntfürsLeben“, einer Initiative von Tübinger Theologiestudenten, die sich für die „Ehe für alle“ einsetzen. Eines ihrer Mitglieder hatte bei der Kfm für die Landessynode kandidieren wollen. „Wir hatten alles besprochen“, sagt der 22-Jährige, der nicht namentlich genannt werden möchte. Sogar für die offiziellen Kandidatenfotos habe er schon Modell gestanden. Doch dann habe plötzlich ein anderer Bewerber aus einem anderen Wahlkreis sein Veto gegen ihn eingelegt – einziger Grund sei: das Engagement für die „Ehe für alle“.

Neue Mehrheiten durch größere Wahlkreise?

Der Kfm-Vorsitzende Andreas Arnold will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Die grundsätzlich positive Positionierung der Kfm zur „Ehe für alle“ sei bekannt, aber es gebe in der Gruppierung eben auch andere Meinungen, „diese Spannungen muss man aushalten“. Ralf Walter, Synodaler aus Heidenheim, hingegen ist weniger zurückhaltend. „Purer Lobbyismus für ein einzelnes Thema und die Kandidatur zur Landessynode – das passt nicht zusammen“, sagt der Missionsreferent und räumt ein, dass er es gewesen sei, der die Kandidatur des jungen Studenten verhindert habe. Sich selbst sieht er nicht als Lobbyist, wenngleich er eine klare Haltung zur Ehe für alle habe. „Ich tendiere eher zu einer bibeltreueren Auslegung.“

Im Wahlkreis Ulm-Göppingen, in dem der 22-jährige Geislinger antreten wollte, steht die „Kirche für morgen“ nun ganz ohne Kandidaten da. Dabei hatten die Verantwortlichen gedacht, dank des Neuzuschnitts der Wahlkreise erstmals überall vertreten zu sein. Anders als bisher bestehen die Wahlkreise aus mehreren Dekanaten und sind damit deutlich größer. Die Wähler haben dadurch mehr Auswahl, was die Landessynode ordentlich durcheinander wirbeln könnte. Gleichzeitig wurden ebenfalls zum ersten Mal allen Kirchenmitgliedern Briefwahlunterlagen zugesandt. Die Kirchenleitung hofft auf einen Anstieg der Wahlbeteiligung. Vor sechs Jahren hatten lediglich 22 Prozent von Württembergs Protestanten gewählt.

Wie eine evangelische Landtagswahl

Direktwahl
Seit jeher sind Kirchenwahlen in Württemberg politischer als anderswo. Nur hier werden die Synodalen, also die Mitglieder des obersten Kirchengremiums, direkt vom Kirchenvolk bestimmt. Nur hier haben sich die Kandidaten auf Gesprächskreise aufgeteilt, die den verschiedenen Frömmigkeitsrichtungen entsprechen und ein wenig wie politische Parteien verstanden werden können: die theologisch konservative Lebendige Gemeinde (zuletzt 31 Sitze), die moderat progressive Offene Kirche (31), die Mittelgruppe Evangelium und Kirche (16), sowie die reformorientierte Kirche für morgen (12).

Kirchengemeinden
Zur Wahl aufgerufen sind rund 1,5 Millionen evangelische Christen in Württemberg im Alter ab 14 Jahren. Neben der Landessynode werden auch die örtlichen Kirchengemeinderäte als Leitungsgremien der etwa 1000 Kirchengemeinden neu gewählt. Parallel finden auch in der Badischen Landeskirche Wahlen statt. Dort werden die Ältestenkreise neu besetzt, so werden die Leitungsgremien der dortigen Gemeinden genannt. Die Synode wird anschließend indirekt gewählt.