Die Kirchensteuer Foto: dpa

Im Südwesten erhält die evangelische Kirche aus der Landeshauptstadt am meisten Geld, bei der katholischen Kirche steht Stuttgart auf Platz zwei. Insgesamt steigen die Einnahmen weiter an – im Jahr 2013 zahlten die Bürger im Land rund 1,75 Milliarden Euro Kirchensteuer.

Stuttgart - Die Bürger der Landeshauptstadt Stuttgart tragen zur Kirchensteuer in Baden-Württemberg den größten Anteil bei. Nach neuen Daten des Statistischen Landesamtes für das Jahr 2013 nahm die Evangelische Landeskirche Württemberg in Stuttgart 65,2 Millionen Euro an Kirchensteuer ein. In das Säckel der katholischen Kirche floss aus dem Ortenaukreis am meisten Geld, nämlich 46,3 Millionen Euro. Stuttgart liegt aber auf dem zweiten Platz mit 43,7 Millionen Euro, obwohl dessen Geschichte über Jahrhunderte hinweg vom Protestanismus geprägt war. Wegen langer Fristen stehen die Kirchensteuerdaten den Statistikern erst dreieinhalb Jahre später zur Verfügung.

Noch immer sprudeln die Einnahmen aus der Kirchensteuer; die Mitglieder der Kirchen bezahlen acht Prozent Kirchensteuer aus der festgelegten Einkommensteuer. Die florierende Konjunktur ist der Hauptgrund für den Geldsegen. Sie gleicht die Mindereinnahmen durch Kirchenaustritte mehr als aus. Ceciliä Branz von der Diözese Rottenburg-Stuttgart spricht von „eher fetten Jahren“. Die beiden evangelischen Landeskirchen Baden und Württemberg haben 2013 insgesamt 860 Millionen Euro Kirchensteuer aus 2,3 Millionen Steuerfällen eingenommen, rechnet Jasmin Egloff vom Statistischen Landesamt vor; bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Erzdiözese Freiburg waren es 892 Millionen Euro aus 2,6 Millionen Steuerfällen. In Baden-Württemberg sind derzeit von den knapp elf Millionen Einwohnern jeweils rund ein Drittel evangelisch oder katholisch, das weitere knappe Drittel gehört einer anderen Religion an oder ist konfessionslos.

In Großstädten sind die Konfessionen oft fast gleich stark

An den Daten des Landesamtes kann man immer noch recht gut ablesen, welche Gegenden früher evangelisch oder katholisch waren. Die Menschen in der Region Stuttgart etwa, dem Herzstück der evangelischen Landeskirche, bezahlen 34 Prozent der gesamten protestantischen Kirchensteuer im Land, obwohl in diesem Gebiet nur etwa 25 Prozent der Bevölkerung im Südwesten leben. Umgekehrt fließen aus den traditionell katholischen Landkreisen wie Ravensburg, Biberach oder auch Rhein-Neckar sehr hohe Summen an die katholische Kirche. Anders sieht es in vielen Großstädten aus. In Karlsruhe, Mannheim oder Ulm etwa ist der Kirchensteuerbetrag für die evangelische wie die katholische Kirche mittlerweile fast gleich hoch – das zeigt, wie ausgewogen die Konfessionen dort heutzutage verteilt sind.

Wie stark die Kirchensteuer gestiegen ist, wird aus vorliegenden gesamtdeutschen Zahlen ersichtlich. 2010 nahm die evangelische Kirche 4,26 Milliarden Euro ein, 2015 waren es 5,37 Milliarden Euro. Bei der katholischen Kirche wuchs die Kirchensteuer in diesem Zeitraum von 4,8 Milliarden auf 6,1 Milliarden Euro. Das ist jeweils ein Anstieg um ein gutes Viertel. Laut Cäcilia Branz geht die Diözese Rottenburg-Stuttgart aber davon aus, dass der Scheitelpunkt erreicht sei und dass die Einnahmen nach 2020 wieder sinken werden.

Bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart steht der Umgang mit den Zusatzeinnahmen unter dem Motto „Sparen und gestalten“. Natürlich lege man auch Geld auf die hohe Kante, um etwa die Rentenzahlungen der Mitarbeiter zu sichern oder um Geld für die Renovierung von Kirchen oder Kindertagesstätten in der Rückhand zu haben. Der Löwenanteil aber werde für aktuelle wichtige Felder ausgegeben. So seien von 2013 bis 2016 exakt 34,7 Millionen Euro in einen Fonds geflossen, mit dem die Unterstützung von Flüchtlingen im In- und Ausland finanziert wird, sagt Ceciliä Branz. Man helfe etwa Binnenflüchtlingen im Nordirak oder bezahle Schulen in afrikanischen Staaten. Daneben wolle die Kirche helfen, das Problem der Wohnungsnot zu lindern – elf Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Allerdings sei es nicht einfach, das Geld sinnvoll einzusetzen, so Branz: „Damit ein paar Wohnungen zu bauen, wäre ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Gelder aus den Überschüssen fließen auch in eine humanere Pflege, in die Erholung von Familien und in die Unterstützung katholischer Schulen. Insgesamt 3,6 Millionen Euro werden „für noch nicht definierte Projekte“ in den nächsten Haushalt eingestellt: „So können wir schnell reagieren.“ Den Überschuss aus 2016 wird der Diözesanrat im November in seiner Jahresrechnung bekannt geben; es zeichnet sich ein Betrag von rund 44 Millionen Euro ab, der nächstes Jahr verwendet werden kann.

Die Kirchen nutzen das Geld auch für die Flüchtlingshilfe

Im Schnitt macht die Kirchensteuer ungefähr die Hälfte aller Einnahmen der Kirchen aus; bei der Evangelischen Landeskirche Baden sind es sogar mehr als 70 Prozent. Nach Abzug der Kosten – die Kirchen müssen die Finanzämter für das Einziehen der Kirchensteuer bezahlen – wird der Restbetrag je zur Hälfte an die Kirchengemeinden und an die Diözese beziehungsweise die Landeskirche verteilt.

Bei der Evangelischen Landeskirche Württemberg werde ebenfalls viel Geld in die Flüchtlingshilfe geleitet, sagt Oberkirchenrat Dan Peter. Auch Inklusion sei ein wichtiges Thema. Im „Strategischen Budget 2018“ stehen dann die Familien im Mittelpunkt: Familienzentren werden gefördert, für die Sanierung der Mutter-Kind-Kurklinik in Scheidegg gibt es einen Zuschuss, ein Referent für die Familienbildung wird eingestellt. Daneben wird das Defizit reduziert, das bei den Kirchengemeinden regelmäßig anfällt. Im vergangenen Jahr etwa lag das Minus bei 15 Millionen Euro und konnte mit den zusätzlichen Mitteln aus Kirchensteuern auf 1,5 Millionen Euro begrenzt werden. Zudem gelte es, die Angebote der Kirche auf Dauer zu sichern, wie etwa die Evangelische Hochschule Ludwigsburg; auch die Rücklage für Kirchensanierungen wurde erhöht.

Kritik an der Kirchensteuer komme bei der Diözese selten an, sagt Cäcilia Branz: „Wer das System ablehnt, tritt meist stillschweigend aus.“ Doch es gebe auch viele Menschen, die mit Überzeugung Kirchensteuer zahlten, weil die Kirchen damit viele soziale und seelsorgerische Aufgaben finanzierten. Das heutige System der Kirchensteuer existiert seit 1919. Seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der Mitglieder in den katholischen und evangelischen Kirchen deutschlandweit um 14 Prozent auf jetzt 45,5 Millionen Menschen gesunken.

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