Pfarrer Maurer (4. v. l..) und die Gemeinde nehmen Abschied Foto: Elke Rutschmann

Vor der Sanierung der Martinskirche feierte die Gemeinde dort ihren vorerst letzten Gottesdienst. Bis auf weiteres sind die Gottesdienste im Gemeindehaus.

Stuttgart - Christian Schwinge kann einen gewissen Herzschmerz nicht verbergen, als die Taufschale an diesem Sonntagabend aus der Martinskirche getragen wird. Zusammen mit der Osterkerze, dem Abendmahlsgeschirr und der Bibel wird sie einen neuen Platz auf dem schlichten Holzaltar im renovierten Gemeindesaal in der Nordbahnhofstraße finden. „Das hat mich berührt, aber ich sehe mit Freude auf das, was hier entstehen wird“, sagt der Kirchengemeinderatsvorsitzende. Schwinge ist hier getauft und konfirmiert worden und hat sich dann in der Jugendarbeit engagiert. Kein Wunder, dass ihm der Abschied schwer fällt. Zusammen mit anderen Mitgliedern der evangelischen Nordgemeinde feierte er den vorerst letzten Gottesdienst in dem sanierungsbedürftigen Gebäude. Die Stimmung: zwischen Wehmut und Aufbruch.

Pfarrer Jochen Maurer blickte noch einmal auf die bewegte Geschichte des Gebäudes zurück. 1937 wurde das Gotteshaus in der Eckartstraße eingeweiht. Architektonisch besonders war die flexible Gestaltung: ein quer zum Hauptschiff angeordneter Anbausaal war sowohl als Teil der Kirche, als auch als abtrennbarer Saal nutzbar. Der Architekt Karl Gonsner hat die Kirche für 1000 Sitzplätze konzipiert. 1944 wurde das Gotteshaus im Krieg fast vollständig zerstört und bis 1950 wiederaufgebaut. Der Innenraum der Kirche ist noch heute stark geprägt von einem mächtigen Kruzifix, das der Stuttgarter Bildhauer Jakob Brüllmann aus einer 400 Jahre alten Eiche gestaltet hat. Das denkmalgeschützte Kreuz bleibt nach der Umgestaltung ebenso erhalten wie die Orgel. Ansonsten haben die Architekten das Konzept von Gonsner wiederbelebt und werden einen besonderen Veranstaltungsort mit erneut flexiblen Räumen entstehen lassen.

Zum Abschied hatte die Sonne die Martinskirche in ein warmes Licht getaucht. Es wurde viel gesungen – begleitet von Flügel, Saxofon und Kontrabass. Die Liederauswahl stammte aus dem Gesangbuch „Wo wir dich loben wachsen neue Lieder“ und passte symbolisch ebenso zum Aufbruch wie der letzte Titel „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist“. Bis der Umbau abgeschlossen ist, werden die Gottesdienste im Martinsgemeindehaus stattfinden. Die neue Martinskirche hat für Diakon Martin Pomplun nach dem zweijährigen und rund 5,7 Millionen teuren Umbau auch Pilotcharakter in der evangelischen Nordgemeinde, die zudem aus der Brenzkirche, der Christophkirche und der Erlöserkirche besteht. „Hier werden neben der Martinsgemeinde auch die Jugendkirche Stuttgart und der Jesustreff eine Heimat finden“, sagt Pomplun. Für ein konstruktives Miteinander werde der Austausch und die Absprache zwischen den drei Nutzern wichtig sein. Hier soll ein Ort geschaffen werden, der für Jedermann offen ist. Im Untergeschoss wird ein von außen zugängliches Bistro Platz finden mit einer Außenterrasse und einer großen Küche. Dabei sollen die Bunker- und Lazarettelemente soweit wie möglich erhalten bleiben. „Die Kirche wird im neuen Rosensteinquartier eine völlig neue Bedeutung bekommen“, sagt Pfarrer Jochen Maurer.

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