Die Armenierin Hayarpi Tamrazyan (Mitte) und ihr Bruder Warduhi beteiligen sich nach Kräften am Gottesdienst in der Bethelkirche. Foto: AFP

Die Gemeinde der Bethelkirche in Den Haag hört nicht mehr auf zu singen und zu beten. Mit einem Dauergottesdienst soll die fünfköpfige Familie Tamrazyan vor der Abschiebung nach Armenien verhindert werden. Hunderte Pfarrer aus dem ganzen Land beteiligen sich.

Den Haag - In der Bethelkirche in Den Haag wird ununterbrochen gebetet und gepredigt. Seit einem Monat. Denn dort findet ein ganz besonderer Gottesdienst statt, der Menschen Kirchenasyl verleiht. Es ist ein andauernder Gottesdienst gegen die Ausweisung einer armenischen Familie Tamrazyan, die seit 2010 in den Niederlanden verbleibt, deren Asylgesuch aber von einem Gericht abgewiesen wurde.

Nun soll die fünfköpfige Familie Tamrazyan, Vater, Mutter, zwei Töchter, ein Sohn, nach Armenien abgeschoben werden. Der für Asyl und Migration zuständige Staatssekretär Mark Harbers will keine Ausnahme machen. Er will kein „Kinderpardon“ geben, wozu er das Recht hat. Dann könnte die Familie Tamrazyan in den Niederlanden bleiben, wo die drei fließend Niederländisch sprechenden Kinder die längste Zeit ihres Lebens verbracht haben.

„Wir verlieren nicht unseren Humor – wir predigen nur.“

Der Pfarrer der Bethelkirche, Jacob Korf, hat den Dauergottesdienst organisiert. Viele Kollegen der protestantisch-calvinistischen Kirchen der Niederlande haben sich solidarisch erklärt. Rund 500 Pfarrer beteiligen sich an der Aktion. Sie kommen abwechselnd in die Bethelkirche, um hier zu predigen. Denn so lange hier gepredigt wird, haben staatliche Organe kein Recht die Kirche zu betreten und die hier anwesende fünfköpfige armenische Familie zu verhaften, um sie dann nach Armenien abzuschieben. Die armenische Familie genießt also Kirchenasyl. Sie darf in der Kirche bleiben, solange gepredigt wird.

„Sogar eine Maus findet ein Haus,“ zitiert Pfarrer Korf in einer seiner langen Predigten einen Psalm. „Wir handeln aus Nächstenliebe. Wir verlieren auch nicht unseren Humor. Wir predigen nur.“

Theo Hettema, Vorsitzender des Allgemeinen Protestantischen Kirchenrates der Niederlande hat den Dauergottesdienst eröffnet. „Ich wäre froh, wenn das nicht nötig wäre,“ sagt Pfarrer Hettema. „Aber es geschieht aus Nächstenliebe. Ich habe von meiner Bibel-App folgende Botschaft empfangen: „Halte die Gastlichkeit hoch, denn so kann man Engel empfangen. Und sogar aus den USA bekommen wir inzwischen E-Mail-Botschaften von Glaubensbrüdern, die uns unterstützen.“

Katholische Kirche hat Unterstützung signalisiert

Der neuerliche Widerstand von Christen gegen die Ausweisung einer christlich-armenischen Familie erinnert stark an den Fall von „Lili und Howick“. Diese beiden armenischen Kinder, die mehr als zehn Jahre in den Niederlanden lebten, sollten nämlich auch nach Armenien abgeschoben werden, nachdem ihre Mutter schon in ihre armenische Heimat ausgeflogen worden war. Aber Lili und Howick tauchten bei Freunden in den Niederlanden unter. Ihre Abschiebung wurde unmöglich, weil sie nicht auffindbar waren. Nach einem langen Hick-Hack zwischen der Mutter von Lili und Howick in Armenien und den niederländischen Behörden erhielten Lili und Howick schließlich doch noch eine Aufenthaltsgenehmigung für die Niederlande. Auch ihre Mutter darf nach Holland zurückkehren. Das soll nun mit dem Dauergottesdienst und dem Kirchenasyl auch erreicht werden für die Familie Tamrazyan.

Inzwischen hat auch die Katholische Kirche signalisiert, dass sie das Kirchenasyl der Protestantischen Kirchen für die Familie Tamrazyan unterstützt. Ein katholischer Bischof will ebenfalls in der protestantischen Bethelkirche predigen. Der Dauergottesdienst hält also an. Die Regierung ist gefordert. Sie steht vor der Frage, ob sie Gnade vor Recht ergehen lassen soll.

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