Es ist kein Job mit Harmonie-Garantie: Stefan Schwarzer ist Seelsorger in Oberesslingen und Friedenspfarrer der evangelischen Landeskirche Württemberg. Es ist eine Stelle mit viel Konfliktpotenzial, die auch im Kollegenkreis diplomatisches Geschick erfordert.
Wenn er auf seinem Hackbrett spielt, dann ist er ganz bei sich. Dann schwebt Stefan Schwarzer selbstvergessen im Reich der Musik. Doch wenn es um handfeste irdische Politikthemen geht, steht der Seelsorger sehr schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen. Dann vertritt er klare Positionen, dann hat er entschiedene Ansichten: „Ich bin ein Ökofuzzi – und ich stehe dazu“, sagt der Pfarrer der evangelischen Versöhnungskirche in Oberesslingen. Für sein neues Amt braucht er aber auch diplomatisches Geschick: Stefan Schwarzer ist seit Sonntag, 15. Januar, mit einer 50-Prozent-Stelle Friedenspfarrer der evangelischen Landeskirche Württemberg.
Es ist mehr als nur ein Amt. Für ihn ist es eine Mission, eine Herzensangelegenheit, eine Berufung. Aus inhaltlichen Gründen, sagt der 46-Jährige, wollte er den Job unbedingt haben. Nach dem Ausscheiden des bisherigen Amtsinhabers sei kirchenintern über eine Streichung der Stelle diskutiert worden. Doch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe die Verantwortlichen eines Besseren belehrt – und Stefan Schwarzer wurde als Friedenspfarrer eingestellt.
Friedensmission in Kriegsfragen
Trotz des Namens birgt der Job viel Konfliktpotenzial. Die Frage nach Waffenlieferungen an die Ukraine polarisiere auch innerhalb seines Kollegenkreises – und hier setze sich ein Auseinanderdriften der Gesellschaft fort, das spätestens mit der Coronapandemie begonnen habe. Die Frage nach geimpft oder nicht geimpft habe Fronten auch zwischen ehemaligen Freunden gebildet. Diese Tendenz würde sich jetzt mit Blick auf die Lage in der Ukraine verschärfen. An der Frage nach Waffenlieferungen für das angegriffene Volk würden sich die Geister scheiden. Doch Stefan Schwarzer geht es darum, dass sich auch Träger unterschiedlicher Thesen treffen, austauschen und ohne Groll wieder voneinander scheiden können. Er selbst ist gespalten. Generell sei er ein Verfechter von Gewaltfreiheit und halte jede Waffe für eine Sünde. Doch es sei fraglich, ob radikalpazifistische Positionen angesichts des Ukraine-Kriegs vertretbar seien. Das Nichtliefern von Waffen könne einen Völkermord in der Ukraine nach sich ziehen. Aber er sieht eine seiner Aufgaben im Ermöglichen eines friedlichen Meinungsaustausches in dieser Kriegsfrage.
An der Wand seines Pfarrbüros hängt ein gemaltes Bild mit der Speisung der 5000, der wundersamen Brotvermehrung, einem der Wunder Jesu Christi aus der Bibel. Das passt, meint der 46-Jährige. Hunger, die ungleiche Verteilung der Ressourcen und das Streben nach Sattheit seien Gründe für Kriege in der Welt. Die kann er als Friedenspfarrer nicht beenden, aber er möchte seinen Beitrag für eine friedliche, eine bessere Welt leisten. Er tut das mit Idealismus, aber nicht mit Scheuklappen: „Ich bin Realist.“ In sein Portofolio fallen das Halten von Vorträgen, das Organisieren von Konventen und Treffen mit Amtskollegen, die Aussprache zu relevanten Fragen oder die Teilnahme an Kongressen mit themenbezogenen Fragestellungen.
Mit Frauke Liebenehm als Dozentin für Friedens- und Demokratiebildung habe die Kirche eine Fachfrau in ihren Reihen. Die Zusammenarbeit mit ihr sieht er als einen Teil seines Auftrags zum Netzwerken an. Die Servicestelle Friedensbildung in Bad Urach werde als Beratungs-, Vernetzungs- und Kontaktpunkt für die Schulen vom Land bezahlt und sei in Zeiten knapper Kassen von Sparmaßnahmen bedroht. Den Einsatz für ihren Erhalt platziert er ebenfalls in sein Tätigkeitsfeld. Jeder Kirchenbezirk solle zudem einen Pfarrer als Friedensbeauftragten haben. Auch mit diesen Kollegen sucht er ebenso wie mit der badischen Landeskirche den Schulterschluss.
Friedenspfarrer für sechs Jahre
Arbeit gibt es genug, meint Stefan Schwarzer: „Wir leben in einer unfriedlichen Welt.“ Glaube und Politik sind für ihn kein Widerspruch. Kirche müsse sich positionieren und um Frieden ringen. Das seien klare Botschaften aus der Bergpredigt im Neuen Testament. Er sei eben kein Politologe oder Historiker, als Pfarrer habe er naturgemäß einen theologischen Denkansatz. Die Seelsorge bleibt somit wichtiger Teil seines beruflichen Daseins. Zu 50 Prozent ist er Pfarrer der Versöhnungskirche in Oberesslingen, doch diese Stelle läuft spätestens 2024 aus. Eine berufliche Neuorientierung aber gehört zum Berufsbild: Pfarrer müssten etwa im Zehn-Jahres-Rhythmus den Standort wechseln. Darauf habe er sich eingestellt, sagt der verwitwete Seelsorger, der alleinerziehender Vater von drei Jungs im Alter von 14, zwölf und acht Jahren ist. Alles unter einen Hut zu bekommen sei nicht einfach.
Doch auch nach Übernahme einer anderen Pfarrstelle möchte er Friedenspfarrer bleiben. Hier will er sich einbringen: Der Mensch habe eine Verpflichtung gegenüber der Schöpfung. Es sei Zeit, dass er sich dieser Verantwortung stelle. Dazu gehört nach Ansicht von Stefan Schwarzer auch der umweltpolitische Aspekt: „Was ist radikaler? Wenn sich Klimaaktivisten aus Prostest an einer Straße festkleben oder wenn Politiker ständig die gesetzten CO2-Margen brechen?“
Die biografischen Stationen von Stefan Schwarzer
Biografie
Stefan Schwarzer wurde 1976 in Reutlingen geboren. Nach dem Abitur studierte er Theologie und Kirchenmusik an der Universität Tübingen und an verschiedenen weiteren Stationen im In- und Ausland. Nach Abschluss beider Studiengänge absolvierte er sein Vikariat in Stuttgart und trat danach in die Dienste des Kirchenbezirks Esslingen.
Pfarrzeit
Zunächst war Stefan Schwarzer als Springer eingesetzt, der Vakanzen in verschiedenen Gemeinden für eine Übergangszeit füllte. Nach dem Ausscheiden des bisherigen Amtsinhabers wurde er 2012 mit einer 75-Prozent-Stelle Seelsorger der Versöhnungskirche in Oberesslingen und zu 25 Prozent Esslinger Hochschulseelsorger.
Zukunft
Die Position des Hochschulseelsorgers ist vakant, soll aber laut Stefan Schwarzer zeitnah wieder besetzt werden. Seine Stelle als Pfarrer der Versöhnungskirche läuft spätestens 2024 aus. Doch seinen 50-Prozent-Job als Friedenspfarrer möchte er bis zum Auslaufen des auf sechs Jahre befristeten Arbeitsvertrags weiterführen.