Ein Mann betrachtet den nächtlichen Sternenhimmel. Es ist ein Blick auf die Geburtsstätte seiner eigenen Existenz. Foto: obs/Fox Inobs/Fox International Channels/Seth Reed

Der Mensch ist ein chemischer Baukasten. Das Baumaterial, jedes Atom, aus dem er sich zusammensetzt, war einmal Teil eines Sterns. Der kosmische Tod ist die Quelle allen Seins und menschlichen Lebens.

Stuttgart - „Ehe die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Psalm 90)

Kosmochemie des Menschen

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn unseres Daseins? Seit der Mensch begann sich seiner selbst und der Welt bewusst zu werden, stellt er diese fundamentalsten aller Fragen. Der Moment, an dem er dies zum ersten Mal tat, liegt weit zurück in seiner Evolution. Es war der entscheidende Schritt vom Überleben zum Leben, vom Sein zum Dasein, vom Vegetieren zum Existieren.

Was ist der Mensch? Sein Körper besteht überwiegend aus Wasser, Eiweißen, Fetten und Mineralstoffen – Substanzklassen, die sich wiederum aus chemischen Elementen zusammensetzen. Mit 56 Prozent bringt Sauerstoff das meiste Gewicht auf die Waage, gefolgt von Kohlenstoff (28 Prozent), Wasserstoff (zehn Prozent) und Stickstoff (zwei Prozent) und Calcium (1,5 Prozent). Hinzu kommen Spuren von Chlor, Phosphor, Kalium, Schwefel, Natrium und Magnesium – insgesamt 21 chemische Elemente, die für den menschlichen Organismus von zentraler Bedeutung sind.

Demokrit und der atomistische Materialismus

Doch woher stammen diese Elemente? Der griechische Naturphilosoph Demokrit hatte im fünften Jahrhundert vor Christus einen genialen Einfall. Er postulierte, dass die gesamte Natur aus kleinen, unteilbaren Einheiten besteht, die er Atome nannte. „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum.“ Damit war die Idee des atomistischen Materialismus geboren.

Heute wissen wir: Es gibt noch etwas jenseits der Atome. Auch sie sind zusammengesetzt und teilbar. Jedes Atom besteht aus einer Hülle mit negativ geladenen Elektronen und einem Kern aus positiv geladenen Protonen. Masse und Energie sind es, die Materie ausmachen und sie zum Dasein erwecken. Die Anzahl der Protonen im atomaren Kern bestimmt, um welches der 118 Elemente des Periodensystem es sich handelt.

Woher kommt das Sein?

Damit wäre geklärt, woraus der Mensch besteht. Doch noch ist die Frage offen, woher die Bausteine kommen. Sie können ja nicht vom Himmel gefallen sein. Oder vielleicht doch? Ist es möglich, dass der Mensch, Tiere und Pflanzen, alles belebtes und unbelebtes Sein auf der Erde, in unserem Sonnensystem und im Universumaus ein und derselben Quelle stammt? Eine Urquelle des Seins – ähnlich dem Urknall?

Geburt des Universums aus Sternenstaub

Der Mensch – stellarer Atommüll

Im Song „Stardust“ der amerikanischen Kult-Band Crosby Stills, Nash & Young heißt es: „We are stardust, we are egolden. We are billion year old carbon“ – „Wir sind Sternenstaub, wir sind golden. Wir sind Milliardenjahre alter Kohlenstoff.“

Hinter dieser legendären Woodstock-Lyrics von 1969 verbirgt sich eine ungeheure Wahrheit. Martin Rees, Hofastronom von Queen Elisabeth II. und Professor für Kosmologie und Astrophysik an der britischen Universität Cambridge unmschreibt sie so: „Die Menschen sind stellarer Atommüll.“ Die Sterne seien uns viel näher, als die Menschen jemals dachten. „Mit sämtlichen Menschen, die je gelebt haben, teilen wir denselben Blick auf die Sterne. Und schließlich sind wir selbst Sternenstaub.“

Geburtsstunde des Universums

Um diesen Satz zu verstehen, muss man weit in die Entstehungsgeschichte des Kosmos zurückgehen – genaugenommen bis zum „Big Bang“ vor 13,7 Milliarden Jahren. Eine Sekunde nach dem Urknall gab es bereits die ersten kosmischen Bausteine. In einem Meer aus energiereichen Strahlungsteilchen (Photonen) schwammen Protonen, Neutronen und Elektronen wie in einer kosmischen Ursuppe. Wenige Minuten nach der Geburt des Weltalls bildeten sich in der sogenannten primordialen Nukleosynthese die ersten Atomkerne aus Helium und Wasserstoff. Sie machen den größten Teil der Materie aus, aus ihrer Fusion sind alle weiteren, schwereren Elemente entstanden.

Aus den beim Urknall entstandenen Wasserstoff- und Helium-Gaswolken bildeten sich durch Anziehungskräfte gasförmige Riesen – die ersten Sterne. In den kosmischen Kraftwerken entstanden durch gewaltige Fusionsprozesse immer größere und schwerere Elemente wie Kohlenstoff, Silizium und Sauerstoff. Dieser entsteht, wenn Kohlenstoff mit Helium verschmilzt.

Supernova: Untergang und Neugeburt

Damit Eisen, Uran und andere schwere Elemente erbrütet werden können, bedarf es ungeheurer Energien und Millionen von Grad Celsius, wie sie nur in massereichen Sternen existieren. Wie in einem gigantischen Heizkessel werden in ihrem Innern Wasserstoff und Helium verbrannt. Am Ende seiner Lebenszeit wird ein Stern zur Supernova und explodiert. Seine Leuchtkraft nimmt dabei millionen- bis milliardenfach zu, so dass er für kurze Zeit so hell strahlt wie eine ganze Galaxie.

Die Überreste der Supernova bilden mitsamt Sternenhülle und erbrüteten Elementen einen planetarischen Nebel aus größeren und kleineren Objekten bis hin zu Staubpartikeln von Atomgröße, die durch das Weltall wabern. Auf ihrer Reise durch das Universum treffen die stellaren Relikte auf die Reste anderer Sternenexplosionen. All dieses Material bildet eine kosmische Fabrik, die neue Himmelskörper produziert. Verfolgt man diese Metamorphose weiter, landet man irgendwann bei jedwedem Objekt im Universum und schließlich beim Menschen.

Vom Sternestaub zum Leben

Die spezifische chemische Zusammensetzung macht aus Sternenstaub einen Diamenten, Stein oder eine Pflanze, ein Bakterium, Insekt oder einen „Homo sapiens“. Die Zellen unseres Körpers, der Sauerstoff, den wir atmen, der Kohlenstoff und Stickstoff in unserem Gewebe, das Calcium in unseren Knochen – alles stammt aus Sternenmaterial, das vor vielen Milliarden Jahren produziert wurde und weiter generiert wird.

Jedes Element auf der Erde stamme aus geologischen Gestein, erklärt der Paläoklimatologe Frank Sirocko vom Institut für Geowissenschaften der Universität Mainz. Die Bausteine würden im Boden verwittern und von der Atmosphäre aufgesaugt, sie fänden sich in Pflanzen und Tieren, die dem Menschen als Nahrung dienen. „So kommen diese Elemente über die Luft und über unsere Nahrung in unseren Körper.“

„Panta rhei“ – der ewige Fluss des Seins

Kein einziges Atom im Weltall geht jemals verloren. Aus dem, was war, was ist und was sein wird entsteht im ewigen Kreislauf des Werdens, Vergehens und Neuwerdens neue Materie. Alles wird recycelt und als Baumaterial in den Kreislauf der Natur zurückgeführt. Der griechische Philosoph Heraklit (520-460 v. Chr.) hat diese ewige Metamorphose in der berühmten Formel „Panta rhei“ – „Alles fließt“ zusammengefasst.

Heraklit vergleicht das Sein mit einem Fluss: „Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.“ – „Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“ – „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“

Dieser „Circulus perennis“ endet erst, wenn das Weltall seine maximale Ausdehnung erreicht und in sich zusammenstürzt. Möglicherweise wird dieser Kreislauf dann wieder von vorne losgehen – in einer endlosen Urknall-Schleife.

Astronomie und Schöpfungsglaube

Das Universum aus der Sicht von Glaube und Mystik

Der Gedanke, dass wir aus Staub gemacht sind und wieder zu Staub werden, hat viele Dichter, Philosophen und Theologen inspiriert. Anders als Naturwissenschaftler nähern sie sich dem Thema nicht faktenorientiert und empirisch, sondern betrachten es aus dem Fokus der Poesie, der Mystik und des Glaubens.

In seinem Gedicht „Wir sind Sternstaub“ schreibt der nicaraguanische Poet und Priester Ernesto Cardenal: „Alle Elemente unseres Körpers und des Planeten waren im Innern eines Planeten, waren im Innern eines Sterns. Wir sind Sternenstaub. Vor 15 Milliarden Jahren waren wir eine Masse aus Wasserstoff, die im Raum schwebte, sich langsam drehte, tanzte. Unser Fleisch und unsere Knochen kommen von anderen Sternen, vielleicht sogar aus anderen Galaxien, wir sind universal. Und nach unserem Tod, werden wir andere Sterne bilden helfen und andere Galaxien. Von den Sternen stammen wir, zu ihnen kehren wir wieder zurück.“

„Du bist Staub und kehrst wieder zum Staub zurück“

Im biblischen Buch Genesis wird dieser Gedanke in der Erzählung vom Sündenfall aufgegriffen. Nachdem Adam und Eva verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis genascht haben, zürnt Gott seinen Geschöpfen. Er lässt sie von seinem Engel aus dem Paradies vertreiben und spricht zu Adam: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zur Erde kehrst, von der du genommen bist; denn du bist Staub und kehrst wieder zum Staub zurück.“ (Kapitel 1, Vers 19).

Auch in der Liturgie taucht das Thema auf. Im Aschermittwoch-Gottesdienst besprengt der Priester die Asche, die aus verbrannten Palmzweigen des Vorjahres gewonnen wurde, mit Weihwasser und zeichnet den Gläubigen ein Aschekreuz auf die Stirn. Dazu spricht er die Worte: „Bedenke Mensch, dass Du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“

Das Geheimnis des Größten im Kleinsten

„Deus in minimis maximus“

„We are stardust, we are golden“. Der Song von Crosby Stills, Nash & Young enthält eine theologische Sinnfülle, die man beim Hören gar nicht vermuten würde. Einen weiteren Hinweis findet man in dem im zwölften Jahrhundert erbauten Ratzeburger Dom. Das Bauwerk gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse romanischer Backsteinarchitektur in Norddeutschland. Inmitten eines ummauerten Hofes steht ein steinerner Bienenkorb, darunter die lateinische Inschrift: „Deus in minimis maximus“ – „Gott ist im Kleinen der Größte“.

Dieser Satz, der dem Kirchenvater Augustinus (354-430) zugeschrieben wird, fasst den christlichen Glauben wie in einem „Nucleus theologiae“ zusammen. Auch andere große Denker wie Gregor der Große (540-604), Gregor von Nazianz (329-390), Gregor von Nyssa (335-394), Nicolaus Cusanus (1401-1464) und Blaise Pascal (1623-1662) haben diesen faszinierenden Gedanken aufgegriffen.

Friedrich Hölderlin (1770-1843) stellt seinem Roman „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“ folgendes Zitat voran: „Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est.“ – „Nicht umschlossen werden vom Größten, sich umschließen lassen vom Kleinsten, das ist göttlich.“ Die rätselhafte Sentenz stammt ursprünglich aus dem „Grabspruch des Loyola“.

Dabei handelt es sich nicht, wie man vermuten könnte, um eine Inschrift auf dem Grab Ignatius von Loyola (1491-1556), dessen Gebeine in der römischen Kirche Il Gesù in einem monumentalen Altar ruhen (l Gesù ist die Mutterkirche des 1534 von Ignatius gegründeten Jesuitenordens). Der Grabspruch ist vielmehr eine literarische Hommage an Ignatius, die Jesuiten aus Flandern 1640 zusammen mit anderen Hymnen auf die ersten zehn Gründer der „Societas Jesu“ in einer Festschrift veröffentlichten.

„Credo in Deum, patrem omnipotentem . . .“

Die Theologie spricht von Gott als dem Schöpfer der Welt, der größer nicht gedacht werden kann. Er ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig, allumfassend. Das „Apostolische Glaubensbekenntnis“ beginnt mit den Worten: „Credo in Deum, patrem omnipotentem, Creatorem coeli et terrae.“ – „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“

Das Allergrößte an Gott ist jedoch nicht, dass er vom Größten nicht umgrenzt und „weder im Großen noch im Kleinsten eingeengt“ wird, wie Papst Gregor der Große schreibt, sondern selbst im Allerkleinsten zu finden ist und es umfasst. „Tiefer innen und weiter außerhalb  . . . innerlicher, indem er erfüllt, äußerlicher, indem er umgibt.“

„Du hast uns auf dich hin erschaffen“

Gottes Sein reicht nicht nur über alle Himmel, Gestirne und Galaxien – es ist in jedem Einzeller, Staubkorn und Atom. Es gibt nichts in den unendlichen Weiten des Weltalls, das nicht den göttlichen Funken in sich trägt und durch Gott ins Sein gerufen wird. Gott ist der Unfassbare, der weder in Raum noch Zeit zu fassen ist und doch in allem zu finden ist.

In seinen „Confessiones“ („Bekenntnisse“) schreibt der Kirchenlehrer Augustinus: „Du warst noch innerer als mein Innerstes, und höher als mein Höchstes . . . Denn du hast uns auf dich hin erschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir.“

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