Abriss, Umwidmung, Verkauf: Immer mehr Kirchen in Deutschland müssen ihre Pforten dicht machen, weil Sanierung und Unterhalt zu teuer werden. Foto: dpa

Was macht man mit Kirchen, die niemand mehr braucht? Sie werden entweiht, geschlossen, verkauft, abgerissen. Ein Blick in die Niederlande zeigt, wie die Zukunft der deutschen Kirchen aussehen könnte.

Stuttgart - Die Niederlande sind überall. Einst war das kleine Land an der Nordsee die Kaderschmiede der Katholischen Kirche, das leuchtende Vorbild unter den Ortskirchen. Fast überall in der Welt traf man auf einen holländischen Missionar. In den 1950er Jahren nahmen 90 Prozent der Katholiken am Sonntaggottesdienst teil. Nirgendwo in Europa war das Glaubensleben lebendiger, die Gemeinden aktiver, die Gotteshäuser voller als in dem liberalen Königreich.

Heute sind die Niederlande immer noch Spitzenreiter – bei der Säkularisierung und bei den „toten Kirchen“. Nirgendwo sind mehr Kirchen geschlossen, abgerissen, verkauft oder umgewidmet worden. Wo früher gebetet, gefeiert und getauft wurde, wird heute gegessen, gewohnt, getanzt und eingekauft. In die profanierten Kirchen sind Buchhandlungen, Moscheen, Restaurants, Karnevalsvereine, Skate Parks und Supermärkte eingezogen. Altarräume sind zu Wohnzimmern, Marienkapellen zu Küchen umfunktioniert worden.

Gerade mal fünf Prozent der katholischen Gläubigen in den Niederlanden gehen heute noch zur Heiligen Messe. Mehr als 1000 katholische Kirchen haben in der vergangenen Dekade ihre Pforten geschlossen. Weitere 1000 – zwei Drittel aller katholischer Gotteshäuser – stehen vor dem Zusperren. Bei den Protestanten sieht es noch trostloser aus. Jedes Jahr verlieren die protestantischen Kirchen bis zu 60 000 Gläubige. Innerhalb eines halben Jahrhunderts ist aus „Herrgotts eigenem Land“ eine konfessionelle Wüstenei geworden.

„Dort, wo Holland hingeht, folgen auch die anderen europäischen Staaten“, prophezeit der britische Journalist und Publizist Douglas Murray. Deutschland macht da keine Ausnahme. Und nirgendwo ist die Lage dramatischer als im Bistum Essen. In den vergangenen Jahren wurden die rund 260 eigenständigen Kirchengemeinden zu mehr als 40 Großpfarreien zusammengelegt, zwischen 80 und 100 Gotteshäuser sind abgerissen, entweiht oder verkauft worden. Das Priesterseminar St. Ludgerus musste 2012 wegen fehlendem Nachwuchs schließen.

Im Südwesten ist die Lage zwar entspannter, aber die Umbrüche sind auch hier deutlich zu spüren. Die Gründe für das Kirchensterben sind überall in den 27 katholischen Bistümern und 20 evangelischen Landeskirchen ähnlich: demografischer Wandel, Kirchenaustritte, massiver Rückgang der Gottesdienstbesucher, Geldmangel. Die Instandhaltung und Sanierung der nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Sakralbauten übersteigt die finanziellen Mittel vieler Pfarrgemeinden und Kirchensprengel.

Mancher wird jetzt sagen: „ Es sind ja nur Gebäude, und wenn die keiner mehr braucht. Also weg damit!“ Doch so einfach ist das nicht – weder in den Niederlanden oder in Deutschland noch anderswo. Kirchen sind Orte des Heiligen, der Besinnung, der Stille und des Trostes. Wo sich Menschen versammeln, beten, feiern, trauern, sich freuen. In denen der Glaube gelebt und durchlitten wird und die sich wie Wegmarken durch das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft ziehen.

Wie schreibt der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“: „Ich meine, wir sollten das, was wir besitzen, bisweilen uns so anzusehen bemühen, wie es uns vorschweben würde, nachdem wir es verloren hätten, und zwar jedes,was es auch sei; denn meistens belehrt erst der Verlust über den Wert der Dinge.“

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