Opfer sexuellen Missbrauchs sind für ihr ganzes Leben gezeichnet. Foto: dpa

Kein noch so hohes Amt soll künftig in der Katholischen Kirche jene schützen, die sexuellen Missbrauch verschleiern und die Täter schützen. Unser Kirchenblog von Redakteur Dr. Markus Brauer.

Stuttgart - 2010 war ein bitteres Jahr für die Katholische Kirche. Vielleicht eines der bittersten in ihrer langen Geschichte. Ein Jahr, in dem ein wahrer Tsunami an Missbrauchsfällen das Vertrauen der Gläubigen in die klerikale Hierarchie - in Papst, Bischöfe und Priester - hinweggeschwemmt hat. Hat die Kirche ihren Lehren daraus gezogen? Sind die Weichen gestellt, dass jetzt und in Zukunft Kinder vor sexuellen Missbrauch durch Geistliche und Kirchenmitarbeiter besser geschützt sind?

Seitdem gibt es einen neuen Papst, der seit seinem Amtsantritt entschlossen gegen Kindesmissbrauch innerhalb der Kirche vorgeht. Die Einrichtung einer neuen juristischen Instanz im Vatikan, wie jetzt beschlossen, ist der nächste und logische Schritt. Papst Franziskus will so härter gegen Bischöfe vorgehen, die tatenlos zusehen, wie Geistliche derartige Verbrechen begehen. Die neue juristische Abteilung soll bei der Kongregation für die Glaubenslehre angesiedelt sein und sich weltweit um Fälle kümmern, in denen Oberhirten ihr Amt missbrauchen und sexuellen Missbrauch vertuschen oder nicht anzeigen.

Die Vertuschungen und Verharmlosungen, die bischöfliche Ordinariate in aller Welt über Jahrzehnte praktizierten, haben eine Doppelmoral und Heuchelei offenbart, die von den meisten Christen wie Nichtchristen für unmöglich gehalten wurde. Schweigen und Wegsehen waren wichtiger als der Dienst an der Wahrheit, welche die Kirche sonst geradezu exklusiv für sich beansprucht. Mancher Bischof mag mit dem Gedanken gespielt haben, die Akten irgendwann wieder zu schließen und das leidige Missbrauchsthema ruhen zu lassen, um wieder Frieden in seine Diözese einkehren zu lassen. Doch mit einem Schlussstrich lässt sich die tiefe Glaubwürdigkeitskrise der Kirche nicht lösen.

Besonders bedrückend ist, dass es sich nicht um einzelne pädophile Gottesmänner gehandelt hat, die sich versündigt haben, sondern dass Lüge und Vertuschung im System begründet lagen. Weil die Kirche als Institution qua definitionem immer heilig und unversehrt ist und auch klerikale Täter Teil dieses unfehlbaren Systems sind, wurden die Opfer von offizieller Seite gebrandmarkt, ignoriert, ihre Leiden totgeschwiegen. Der Schutz der Institution war wichtiger als die Hilfe für die Opfer.

Ob die Kirche den begonnenen Weg der Selbstreinigung weiter einschlagen wird? Mit diesem Papst an der Spitze ist das zu hoffen. Franziskus treibt – intensiver noch als sein Vorgänger Benedikt XVI., der immer wieder schwere Fehler der Kirche eingeräumt hat – die dringend gebotenen Reformen voran. Alles andere als Aufbruch wäre Rückschritt. Die Katholische Kirche hat die Wahl.

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