Vor, zurück, auf der Stelle treten: Wohin geht die Reise der katholischen Kirche mit Papst Franziskus? Foto: dpa

Wohin geht die Reise der katholischen Kirche mit Papst Franziskus? Vor in die Zukunft oder zurück in die Vergangenheit? Und welche Bedeutung hat das Konzil für die Kirche heute?

Stuttgart - Lang, lang ist es her. Der Aufbruch in der katholischen Kirche, das Erkennen der Zeichen der Zeit. Sehnsuchtsvoll blicken heute viele Katholiken zurück in die Zeitgeschichte. Vor fast 53 Jahren, am 11. Oktober 1962, eröffnete der damalige Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil.

Es war das größte kirchengeschichtliche Ereignis im 20. Jahrhundert, ein Meilenstein im Dialog der Katholischen Kirche mit der modernen Welt, mit den anderen christlichen Kirchen und Weltreligionen.

Aufbruch in eine neue Zeitrechnung

Für die Kirche bedeutete die dreijährige Bischofsversammlung, die am 8. Dezember 1965 von Papst Paul VI. für beendet erklärt wurde, den Aufbruch in eine neue Zeitrechnung und das Ende der selbst gewählten Abschottung. Am 25. Januar 1959 – knapp drei Monate nach seiner Wahl zum Nachfolger von Pius XII. kündigte Johannes XXIII. vor zahlreichen Kardinälen in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern unerwartet die Einberufung einer Folgeversammlung des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870/1871 an.

Der Pontifex plante von Anfang an ein Konzil, das die Kirche der Gegenwart anpassen sollte. Er nannte diesen Prozess mit dem italienischen Wort „Aggiornamento“ – Heutigwerden. Was die Menschen von der Kirche erwarteten, war Angelo Giuseppe Roncalli, wie der Papst mit bürgerlichem Namen hieß, völlig klar: „Wir sind nicht auf der Erde, um ein Museum zu hüten, sondern um einen blühenden Garten voller Leben zu pflegen.“

Ein Weckruf geht durch die katholische Welt

„Macht die Fenster der Kirche weit auf!“ Dieses Motto, das Johannes XXIII. nach seinem Amtsantritt ausgegeben haben soll, ging als Weckruf durch die katholische Welt. Der neue Papst wollte die Kirche mit der Welt versöhnen. Wie Johannes XXIII. träumt auch sein Nachfolger Franziskus von einer prophetischen Kirche, die an der Seite der Armen und Entrechteten steht.

Was ist geblieben nach mehr als 50 Jahren geblieben vom viel beschworenen Geist des Konzils? Was heute selbstverständlich ist – die Anerkennung anderer christlicher Kirchen, das Bekenntnis zur Religionsfreiheit, die Wertschätzung der Laienarbeit, die Aussöhnung mit den Juden, der Dialog mit dem Islam – musste während des Konzils und in den Jahren danach unter langen Kämpfen durchgesetzt werden.

Erneuerung, Stagnation. Und wieder Aufbruch?

In den ersten Jahren danach herrschte eine ungeheure Aufbruchstimmung in der Kirche. Doch schon 1968 schlugen die Konservativen mit der Enzyklika „Humanae Vitae“ und einer restriktiven Moraltheologie zurück. Die „Pillen-Enzyklika“ Pauls VI. markierte einen Wendepunkt. Nach dem stürmischen Umbruch begann eine Phase der Restauration, die sich unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. fortsetzte.

Franziskus will an das „Aggiornamento“ des großen Papstes Johannes’ XXIII. anknüpfen. Wie er will die Kirche aus ihren Erstarrungen befreien, Bastionen schleifen, die Herzen der Menschen erreichen.

Der frühere Theologieprofessor Wolfgang Beinert, ein Schüler und Weggefährte von Joseph Ratzinger aus seiner Zeit als Hochschullehrer und Erzbischof, sieht die Wirkungsgeschichte des II. Vaticanums in größeren Zusammenhängen. „50, 60 Jahre sind ein Klacks. Manchmal hat es hundert Jahre uns mehr gedauert, bis ein Konzil sich durchsetzen konnte. Wir wissen nicht, wie das Konzil ausgeht. Für mich ist es nicht gescheitert.“

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