Kirchen-Blog: Das Grundgebet der Christen Das Vaterunser ist kein Experimentierfeld

Von Markus Brauer 

Warum beten Menschen? Gibt es überhaupt einen Gott, der ihnen zuhört? Oder reden sie nur mit sich selber? Ein Mann hält im Dom in Sankt Blasien im Schwarzwald Andacht. Foto: dpa
Warum beten Menschen? Gibt es überhaupt einen Gott, der ihnen zuhört? Oder reden sie nur mit sich selber? Ein Mann hält im Dom in Sankt Blasien im Schwarzwald Andacht. Foto: dpa

Der Papst macht sich für eine Änderung des Vaterunsers stark. Keine gute Idee, meint unser Kommentator. Der Kern des christlichen Glaubens und das Vaterunser gehört dazu – ist unverhandelbar, unveränderbar und unumstößlich.

Stuttgart - Den Wortlaut des Vaterunsers, des christlichen Gebets schlechthin, ändern? Ist diesem Papst denn nichts mehr heilig, werden manche konservative Gläubige denken. 2000 Jahre haben Jesu Worte überdauert und alle religiösen Irrungen und Wirrungen widerstanden. Und jetzt will ausgerechnet der oberste Glaubenshüter den Original-Wortlaut „reformieren“.

Der Papst will Veränderung

Der Anstoß zu einer neuen Übersetzung des letzten Satzes im Vaterunser kommt aus Frankreich. Franziskus hat sich genauso wie einige Theologen für eine Änderung ausgesprochen.

Die traditionelle Fassung „Und führe uns nicht in Versuchung“ sei „keine gute Übersetzung“, ist der Pontifex überzeugt. Nicht Gott sei es, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. „Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan“, betont der Papst. Stattdessen sollte es heißen: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“. So wird seit dem ersten Adventssonntag in französischen Kirchen gebetet.

Kirche zwischen Tradition und Bildersturm

Überliefert ist das Gebet in einer längeren Version mit sieben Bitten im Matthäusevangelium (Kapitel 6, 9–13) und in einer kürzeren Version mit fünf Bitten bei Lukas (Kapitel 11, 2–4). So wie das Vaterunser im Neuen Testament überliefert wird, ist es textkritisch unumstritten. Legionen von Gläubigen haben in 2000 Jahren seine Sätze in den Mund genommen. Stammelnd, flehend und ergriffen, voller Trauer und Schmerz, Freude und Dankbarkeit.

Das Vaterunser ist für Christen das Gebet der Gebete. Und nach einhelliger Meinung der Theologen stammt es höchstwahrscheinlich von Jesus selbst.

Schleifung der Bastionen

Wer im Gegensatz zu Franziskus am Wortlaut nichts ändern will, ist weder ein verbalinspirierter Fundamentalist noch ein antimodernistischer Ewiggestriger. Dass sich die katholische Kirche für die moderne Welt öffnen muss ohne die Grundfeste ihres Glaubens aus den Augen zu verlieren, ist unbestritten.

Doch ausgerechnet am „Gebet des Herrn“ linguistisch herumzudoktern, ist der Reformen zu viel. Das wäre keine „Schleifung der Bastionen“, wie sie der berühmte Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar schon 1952 – zehn Jahre vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils forderte, sondern schlicht Anmaßung.

Gebet – Dialog mit Gott

Beten ist Reden mit Gott. Das ist die kürzeste Definition von Gebet. Als zentrale Glaubenspraxis kommt sie in allen Religionen vor – als verbale oder nonverbale rituelle Zuwendung an einen Gott, eine Göttin oder an Gottheiten. Religion braucht einen Bezug zum Transzendenten – etwas, was die sinnlich wahrnehmbare Welt übersteigt. Der Glaubende fühlt sich mit einer höheren Macht verbunden, die sich ihm aus dem Jenseits mitteilt. Im Gebet antwortet er und öffnet sich ihr mit all seinen Ängsten, Bitten, Hoffnungen und Sorgen.

Das Vaterunser ist das am weitesten verbreitete, gemeinsame Gebet aller Christen – der Klassiker unter den frommen Texten –, das laut Neuem Testament Jesus selbst seine Jünger gelehrt hat. Es wird von Christen aller Kirchen und Konfessionen gebetet, im Gottesdienst genauso wie beim stillen Gebet.

Der Papst ist vor allem Diener des Wortes

„Servus Servorum Dei“ – lateinisch für „Diener der Diener Gottes“ – ist die Selbstbezeichnung des Papstes. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass Päpste als Nachfolger des Apostels Petrus die Sorge für die gesamte Kirche zu tragen haben. Das Bewahren des Glaubens, der Dienst am Wort Gottes, ist ihre wichtigste Aufgabe.

Und deshalb sind Kernaussagen wie diese, dass Gott die Liebe ist (Erster Johannesbrief, Kapitel 4, Vers 16) und der Mensch Gott darum bitten darf, ihn nicht in Versuchung zu führen, unverhandelbar, unveränderbar und unumstößlich. Das Vaterunser ist kein Experimentierfeld – auch nicht für Päpste.

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