Der Garten hinter dem Gemeindehaus ist einer von Friedemann Kuttlers Lieblingsplätzen gewesen. . Foto: Werner Kuhnle

Friedemann Kuttler wird stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten. Am 2. Juni wird der Großbottwarer Pfarrer in der Martinskirche verabschiedet. Der Lebensmittelpunkt der Familie bleibt die Storchenstadt.

Der Abschied fällt ihm nicht leicht, das ist zu spüren. Perfekte sieben Jahre seien es gewesen, sagt Friedemann Kuttler und wirft einen liebevollen Blick in sein Büro im Großbottwarer Gemeindehaus. Hinter dem Schreibtisch des evangelischen Pfarrers drängen sich Bücher im Regal, an der Türe hängen Zeichnungen von Jakob und Hanna. Der Sechsjährige und seine vierjährige Schwester lieben es, in Papas Büro zu malen, und der erfreut sich jeden Tag an den Kunstwerken seiner Kinder.

 

Die sieben perfekte Jahre gehen Ende Mai zu Ende. Am 2. Juni wird Friedemann Kuttler offiziell verabschiedet. Der 43-Jährige wird stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten, die mit rund 4500 Mitarbeitenden zu den größten diakonischen Trägern in Baden-Württemberg gehört.

Regelmäßiges Predigen wird fehlen

Ab und an werde er auch an seinem neuen Arbeitsplatz predigen. „Aber natürlich nicht mehr so häufig wie jetzt“, sagt Kuttler, und es ist eine Spur Bedauern aus seinen Worten herauszuhören. Fehlen werde ihm aber nicht nur das regelmäßige Predigen, sondern auch der Schulunterricht, die Arbeit mit Konfirmanden und die Seelsorge.

Auf die Begegnungen mit Großbottwarern und Großbottwarerinnen, die er in den vergangenen Jahren in sein Herz geschlossen hat, muss der 43-Jährige nicht verzichten: Die Familie ist vor Kurzem vom Gemeindehaus nur sechs Straßen weitergezogen. „Wir sind hier in Großbottwar daheim, die Kinder haben ihre Freunde hier“, sagt Kuttler. Außerdem arbeitet Ehefrau Katherina als Referentin beim Dekan in Marbach.

Der Umzug ist geschafft, die erste Nacht schon wieder Vergangenheit – auch wenn noch nicht alle Kartons ausgepackt sind. In den nächsten Wochen wird der geschäftsführende Großbottwarer Pfarrer, der als Seelsorger für die Kernstadt sowie den Stadtteil Hof und Lembach verantwortlich gewesen ist, vor allem die Übergabe an seinen Nachfolger im Blick haben. Christoph Hirschmüller, bislang für Winzerhausen zuständig, wird auf Kuttlers Position nachrücken. „Seine Stelle wird gerade ausgeschrieben“, so Kuttler.

Als er vor sieben Jahren kam, sei die Fusion der Kirchengemeinden Großbottwar und Winzerhausen gerade vollzogen gewesen, erinnert sich Kuttler. „Und ich bin wirklich sehr glücklich, wie es läuft. Wir sind uns in der ganzen Zeit auf Augenhöhe begegnet und sind eine Gemeinde.“

Gut durch Corona gekommen

Überhaupt sei das Miteinander in der Kirchengemeinde in der vergangenen sieben Jahren gewachsen. Auch die Coronazeit habe man gemeinsam gut durchgestanden – zusammen mit dem CVJM. Die Livestreams von den Gottesdiensten wurden beibehalten. „Wir haben jeden Sonntag zwischen 250 und 300 Klicks“, freut sich Kuttler.

Die Zusammenarbeit mit dem Kirchengemeinderat und den beiden Pfarrerkollegen sei ein „Paradies“ gewesen. Man habe heftig, aber eben auch konstruktiv diskutiert und sei sich am Ende immer einig geworden.

Dass Großbottwar als Hochburg der Pietisten gilt, schmeckt Friedemann Kuttler nicht – und das obwohl er Vorsitzender der „ChristusBewegung Lebendige Gemeinde“ ist. „Wir sind eine sehr fromme Gemeinde, aber wir sind eben auch Volkskirche im besten Sinne.“ Ihm sei es immer wichtig gewesen, dass alle „andocken“ können, betont der Geistliche.

Gleichwohl kämpft auch die Kirchengemeinde Großbottwar mit Austritten. 3800 Mitglieder hat die evangelischen Kirchengemeinde aktuell. Als Kuttler von Backnang nach Großbottwar kam, waren es noch knapp 4000. Um Lösungen ringt auch der Großbottwarer Geistliche, doch sie zu finden ist nicht einfach.

Missbrauch verhindern

Große Sorgen bereiten ihm die Missbrauchsfälle. Eine von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegebene Untersuchung zeigt: Das Ausmaß an sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche ist größer als angenommen. Zwischen 1946 und 2020 wurden geschätzt 9 355 Kinder und Jugendliche in der evangelischen Kirche und Diakonie sexuell missbraucht. Von den knapp 3500 Beschuldigten sind laut der Studie gut ein Drittel Pfarrer oder Vikare.

„Wir können den Betroffenen nichts zurückgeben, aber wir müssen ihnen gerecht werden, und so langsam haben auch alle verstanden, um was es geht“, merkt Kuttler kritisch an. „Es war mir wichtig, dass wir hier in Großbottwar alles tun, was möglich ist, um so etwas zu verhindern.“ Ohne ein Führungszeugnis könne in der Kirchengemeinde niemand ehrenamtlich arbeiten.

AfD nicht wählbar

Darüber hinaus müsse die Kirche deutlicher machen, wie relevant sie für die Gesellschaft ist. „Wir sind der gesellschaftliche Kit“, betont er. „Aber es wird nicht gesehen, was wir alles tun.“ Beispiel Hospizarbeit, Beispiel Jugendarbeit, Beispiel diakonische Arbeit. Sorge bereitet dem Theologen auch eine zunehmende Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit der Gesellschaft. Sie führe zu einer Radikalisierung. Die AfD etwa hält Friedemann Kuttler für nicht wählbar, ihre Positionen für nicht mit dem Glauben vereinbar. Ihr Zuwachs treibt den 43-Jährigen um. Sein Weg: Die Kirche muss sich klar positionieren, aber dennoch ins Gespräch gehen mit Sympathisanten der rechtslastigen Partei und sie nicht ausgrenzen.

Was kommt auf ihn zu?

Neuer Job
Über einen Headhunter wurde Friedemann Kuttler im April 2023 auf die Stelle bei der Diakonie aufmerksam gemacht. In letzter Minute gab er seine Bewerbung ab und setzte sich in der letzten Runde gegen einen Mitbewerber durch. Einstimmig.

Motivation
Die neue Aufgabe biete die Chance, als Kirche ganz praktisch für andere da zu sein und sie zu befähigen, ins Leben zu kommen. „Wir können nicht nur Liebe predigen, sondern müssen uns auch um die Not der Welt kümmern“, sagt Kuttler