Eine Kirche, zwei Gemeindehäuser und ein Teil des Ökumenischen Zentrums im Hinterweil sollen veräußert werden. Die evangelischen Christen Sindelfingens stehen vor einem schmerzlichen Einschnitt.
Gott ist gnädig, aber die Statistik ist es nicht: Im Jahr 2030 wird es nur noch rund 5200 evangelische Christen in Sindelfingen geben. Deswegen will die Gesamtkirchengemeinde etwa die Hälfte ihrer Gebäude abgeben. Veräußert werden sollen demnach die Versöhnungskirche, das Gemeindehaus an der Johanneskirche, das Gemeindehaus an der Christuskirche und der evangelische Teil des Ökumenischen Zentrums im Hinterweil.
Deswegen hatte der Gesamtkirchengemeinderat am Donnerstag zu einer Versammlung ins Gemeindehaus der Christuskirche gerufen. Weit mehr als 100 Christen waren der Einladung gefolgt, um die Veränderungen zu diskutieren. Laut wurde es im Publikum öfter, am lautesten, als die Besucher erfuhren, dass der Beschluss zum Ausverkauf bereits gefallen sei. Offensichtlich hätten die Anwesenden gerne ein Wörtchen mitgeredet. Dennoch wurden zahlreiche Vorschläge gemacht. Die Anwesenden wollten wenigstens den Wert der Grundstücke weiterhin für die Kirche erhalten. Vorgeschlagen wurde, die Grundstücke in Erbpacht zu verkaufen, oder die Flächen selbst zu entwickeln, oder Photovoltaik-Anlagen auf den Freiflächen zu installieren.
Der größte Ausverkauf in der Geschichte
Der Grund für den größten Ausverkauf der evangelischen Kirche Sindelfingens in ihrer Geschichte ist der demografische Wandel. Die Älteren sterben weg, Jüngere kommen kaum nach, „der Glaube verdunstet langsam“, so hat es der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann ausgedrückt, der als gläubiger Christ betonte, „Religionsgemeinschaften bilden das Werte-Fundament, auf dem der Staat überhaupt erst existieren kann.“
„Wir sind keine Immobilien-Spezialisten“, sagte der Pfarrer Jens Junginger, der für die Martinsgemeinde zuständig ist. Die Kirchenleitung sei aber jederzeit offen für sinnvolle Vorschläge, wie mit den Grundstücken umzugehen sei. Dazu komme allerdings, dass die Grundstücke ihrerseits zum Teil von der Landeskirche bezahlt worden seien, weswegen die möglichen Erlöse auch zum Teil an die Landeskirche zurückfließen würden. Die Gebäude zu vermieten, war für den Kirchengemeinderat keine Option gewesen, weil die Einnahmen aus der Vermietung nicht ausreichen würden, um die Gebäude instand zu halten.
Jens Junginger geht davon aus, dass auch diese Schrumpfung wiederum Geld kosten wird. Wenn die Gemeindehäuser an den Kirchen wegfielen, dann müssten Teile der notwendigen Infrastruktur neu gebaut werden, wie etwa Toiletten oder vielleicht auch Aufenthaltsräume.
Kirche richtet sich strategisch neu aus
Wann die Grundstücke über den Ladentisch gehen, ist auch noch nicht ganz klar, Junginger sprach von den nächsten Jahren, allerdings: „Wir können nicht warten, bis unsere Rücklagen aufgebraucht sind.“ Schon in diesem Winter sei es für die Gemeinde finanziell schwierig gewesen, die Kirchen zu beheizen.
Einhergehend mit der Veräußerung der Gemeindehäuser will sich die Sindelfinger Kirchengemeinde strategisch neu ausrichten. Dabei bekommen die Stadtteilkirchen zusätzlich Funktionen: Die Christuskirche in der Vorderen Halde soll ein Leuchtturm für die Kinderkirche werden, die Johanneskirche in der Rechbergstraße dient künftig jungen Menschen und Jugendlichen und darüber hinaus soll sie ein Zentrum für die Kirchenmusik werden.