Vor allem nachts ist die Atmosphäre beim Gebet in St. Thomas besonders. Rechts im Foto: Diakon Martin Fischer, Susanne Quinto und Giuseppe Riecchia (von links) Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Seit fünf Jahren sitzen 207 Frauen und Männer abwechselnd in der Kapelle von St. Thomas in Bad Cannstatt und bitten um Frieden. Wer macht das – und warum?

Um 21 Uhr, an einem feuchtschwarzen Wintermontag, betritt Berhane Paulus die Kapelle St. Thomas, kniet für ein paar Minuten auf dem dunklen Steinboden nieder. Hallo, Herr!

 

Dann setzt er sich in „seine“ Bank, letzte Reihe vor dem Keyboard und neben der Heizung, die er kurz mit der Handfläche berührt. Berhane Paulus legt sein Smartphone und das vakuumierte Blatt mit der Litanei bereit, blickt zu der goldenen Monstranz auf dem Altar, die vor dem nackten Beton leuchtet wie ein Versprechen in dunkler Nacht. Kurz reibt der Mann sich die Augen, dann gleiten die weißen Perlen des Rosenkranzes durch seine filigranen Finger, eine nach der anderen. Gemurmel. So beginnt seine Gebetsschicht. Sieben Stunden wird sie andauern.

Berhane Paulus – 73 Jahre alt, 36 davon bei Mahle geschafft – ist einer von 207 Menschen, die in der katholischen Kirche St. Thomas in Steinhaldenfeld Jesus Christus in Gestalt der Hostie im Strahlenkranz anbeten. In Schichten, seit fünf Jahren ununterbrochen. 1826 Tage in der rohen 60er-Jahre-Ästhetik dieses Gotteshauses. 43.824 Stunden im warmen Licht der Kerzen. 2.629.440 Minuten, um den Friedensbringer in eine Welt zu holen, die in Aufruhr ist.

Im Corona-Winter fing es an

Zwölf Stunden bevor Berhane Paulus in seine Zwiesprache mit Jesus und Maria – oh wie liebt er Maria – versinken wird, stehen Susanne Quinto, Giuseppe Recchia und Diakon Martin Fischer vor der eisernen Kirchentür. Fischer hat eben seine Schicht beendet, die beiden anderen werden sich im Laufe der Woche in die ewige Gebetskette einfügen. Dass diese so lange nicht abreißen würde – wer hätte das gedacht, als sie im Corona-Winter 2020 damit begannen! Damals schrieb der Pfarrer ihnen Zettel, falls sie nach der Ausgangssperre um 20 Uhr von der Polizei kontrolliert würden: „Unterwegs für den Herrn.“

Giuseppe Recchia – 62 Jahre alt, von Beruf ITler und Italo-Schwabe par excellence – war es, der die Idee schon 2017 in die Gesamtkirchengemeinde Stuttgarter Madonna trug und in Diakon Martin Fischer und Pfarrer Ludwig-Frank Mattes (Recchia nennt ihn Don Luigi) zwei Männer fand, die sich dieser gern annahmen. Heute hilft Recchia mit Excel-Tabellen und Whatsapp-Gruppe die Betenden zu organisieren.

57 Männer und Frauen sind regelmäßig eingeteilt, 150 helfen als Springer aus. Junge Menschen und Über-90-Jährige machen mit. Unternehmensberater, Kita-Helferinnen, Rentner, Studenten. Sie kommen aus Stuttgart, Ditzingen und von der Ostalb. Ihre Migrationsgeschichten reichen fast in alle Welt.

Berhane Paulus übernimmt jeden Montag die Nachtschicht von 21 bis 4 Uhr. Foto: StZN

Susanne Quinto (45) ist eine von jenen, die eine feste Zeit übernehmen. Als sie anfing, war ihr jüngstes von drei Kindern gerade drei Jahre alt. Zunächst teilte sie sich ein Stunde am Sonntagabend zur „Tagesschau“-Zeit mit ihrem Mann. „Wie sollen wir uns die Zeit dafür freischaufeln“, fragte sich das Elternpaar anfangs, aber bald schon kappelten sie sich darum, wer den kurzen Weg von ihrem Zuhause über den Friedhof zur Kapelle machen darf. Eine Stunde Stille, während die „Tagesschau“-Welt draußen weiter tobt. So ein Geschenk!

Heute übernimmt er die Sonntagsschicht, sie reiht sich unter der Woche tagsüber ein – Lob sei dir, Homeoffice. „Eigentlich hat man ja nie wirklich Zeit, aber das Interessante ist: Wenn ich dann da war, fehlt mir die Stunde nicht für anderes“, sagt Susanne Quinto.

Sehnsucht nach Stille

Viele Menschen treibe diese Sehnsucht um, zur Ruhe zu kommen, sagt Diakon Martin Fischer. Deshalb boomten ja fernöstliche Mediation, Yoga-Retreats und Selfcare-Coachings. Aber auch das Christentum mache mit seinen Riten, Gebeten, Litaneien ein Angebot. Die Ewige Anbetung soll Gott in die Mitte der Menschen holen, führt dabei Menschen zu ihrer eigenen Mitte – und zusammen natürlich auch. „Das Gebet ist die Lebensbetrachtung vom höchsten Standpunkt aus“, hat mal einer gesagt. Als sie in Bad Cannstatt starteten, gab es zwölf Ewige Anbetungen in Deutschland, heute sind es 33.

Vielleicht kann man diese tausendjährige Tradition in Klöstern und Kirchen also auch als ein archaisches Entschleunigungsprogramm verstehen, als eine Achtsamkeitsübung im Namen des Herrn. Aber in Zeiten, da die Kirche um ihren Weg ringt, schon auch als Ritus, in dem die alte Mystik des Katholizismus wieder zu ihrer Blüte kommt – ohne dass es dabei theatralischer Verzückungen oder kinotauglicher Entrückung bedarf.

Angebetet wird die Hostie in einer goldenen Monstranz auf dem Altar. Foto: StZN

In der Kapelle von St. Thomas entfaltet sich diese Mystik gerade in der Nüchternheit des Raumes. Im dämmrigen Licht umfängt Schweigen die Betenden. Morgens dringen gedämpfte Reifengeräusche auf Regenstraßen ans Ohr. Das hungrige Bauchgurgeln eines Mitbeters, das Rascheln von Bibelseiten, eine Frau nestelt in ihrer Tasche herum. Nachts breitet sich die Stille aus als unendlicher Möglichkeitsraum, in dem die Gedanken aufflammen wie kleine Leuchtfeuer.

Die Aufmerksamkeit fängt vielleicht die weiße Flamingoblume in der Ecke, die Bilder der toten Päpste Benedikt und Franziskus, vor denen die Kerzenlichter tanzen, der Aftershave-Hauch eines Gläubigen zwei Bänke weiter. Auch das silberne Tabernakel mit den eingelassenen Amethysten, die Madonna mit dem Kinde, der leidende Jesu am Kreuz, flankiert von zwei übergroßen Schatten der Monstranz an der Wand. Überhaupt, diese Monstranz, in der alles in diesem Raum zusammenzufließen scheint. „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist“, heißt es bei Johannes. Wenn jetzt ein Handy brummte, wäre das blanke Blasphemie?

„Er weiß ja, wie ich bin“

Was hier in den Köpfen passiert, wer weiß das schon. Verse, Liedtexte, Eingebung, Hingabe. „Das kann man nicht erklären“, sagt Berhane Paulus, der nächtliche Beter. Manchmal komme sie her, den Kopf schwer, und gehe mit leichtem Herzen wieder heim, sagt Susanne Quinto, die Tagbeterin. Und wenn die Gedanken mal abschweifen zu weltlichen To-do-Listen, dann ist das eben so. „Er weiß ja, wie ich bin“, sagt Quinto und meint Jesus damit, und dass sie immer wieder in die stille Zwiesprache mit ihm finde.

Giuseppe Recchia hingegen wird in seinen Stunden in der Kapelle auch mal laut. Spricht spontane Gebete, zitiert Verse aus der Bibel-App, spielt Lobpreislieder mit dem Handy ab. Für seine regelmäßigen Besuche bei den Wohnungslosen der Königstraße holt er sich hier Rat: „Wie hasch du des gemacht mit den Armen damals?“, fragt er dann in Richtung des Leidenden am Kreuz.

Berhane Paulus hat für seine Sieben-Stunden-Schicht jeden Montag auf Dienstag feste Rituale. Normalerweise ist seine Frau Tensae dabei, aber an diesem Abend ist sie krank zuhause geblieben. Hintereinander sitzend beginnen sie mit einem Rosenkranz in ihrer Muttersprache Tiginya, die man in Eritrea spricht. Dann beten sie für Bekannte und Unbekannte, für Kranke und Arme, Gestorbene und unglücklich Lebende und für den Frieden in der Welt. Das sei ihm das Wichtigste, sag Berhane Paulus.

Gottesdienste auf Youtube

Die Nächte werden ihm nie lang. Er hat Kaffee und ein bisschen Kuchen dabei. Und wenn er mal ein halbes Stündchen schläft, träume er meist von Jesus oder Maria. Später, wenn er und Tensae allein sind, hört er manchmal dem Vorbeter auf dem Youtube-Kanal Moments of Prayer zu. Oder sie sprechen über Bibelstellen. Ohnehin seien die Stunden nach Mitternacht die schönsten, wie in einer anderen Welt, sagt Berhane Paulus. Er vergesse dann alles.

Auch Diakon Martin Fischer faszinieren die Nachtstunden besonders, das Gefühl wach zu bleiben für all jene, die da draußen nun schlafen. Giuseppe Recchia betet für sein Stuttgart und bekommt viele Antworten, und Susanne Quinto genießt diese sinnliche Erfahrung ihres Glaubens. Ganz klar: Wenn es nach diesen Menschen geht, könnt’ das hier noch ewig so weiter gehen.