Evangelischer Pfeiler im katholisch geprägten Oeffingen: die Johanneskirche Foto:  

Die geplante Verschmelzung der Gemeinden in Schmiden und Oeffingen tut manchem Christen in der Seele weh.

Fellbach - Dass sich die evangelischen Christen aus Oeffingen jetzt ausgerechnet mit den Glaubensgenossen aus Schmiden verbrüdern wollen, kann Karl Hofmann nicht verstehen. Und dass der Zusammenschluss der beiden Kirchengemeinden bereits zum Jahreswechsel über die Bühne gehen soll, will dem langjährigen Oeffinger Kirchenpfleger erst recht nicht in den Kopf. „Jetzt wird alles ohne Not verscherbelt. Die einen haben die Kirche aufgebaut, die anderen reißen sie wieder ab“, beklagt Karl Hofmann bei der Gemeindeversammlung, bei der es am Dienstag im Johanneskirchenzentrum in Oeffingen um die Fusion geht. Der Frust über den längst getroffenen Beschluss sitzt tief, das ist deutlich zu spüren. Karl Hofmann jammert nicht, um Beifall zu erhalten. Er macht keine Schau. Der Mann leidet wirklich unter der Sorge um seine Kirche.

Er war dabei, als das Gotteshaus in der katholisch geprägten Diaspora gebaut und im Juli 1964 samt Gemeindezentrum eingeweiht wurde

Um zu verstehen, weshalb es dem Senior schon beim Gedanken an eine Zweckehe mit den Christen aus dem Nachbarort schier das Herz zerreißt, muss man wissen, dass es sich bei Karl Hofmann um so etwas wie ein Urgestein der evangelischen Kirche in Oeffingen handelt. Er war dabei, als das Gotteshaus in der katholisch geprägten Diaspora gebaut und im Juli 1964 samt Gemeindezentrum eingeweiht wurde. Er hat erlebt, wie sieben Jahre später Kindergarten und Pfarrhaus folgten, und die Landeskirche die kleine Gemeinde mit einem eigenen Seelsorger in die Selbständigkeit entließ. Und er hat sich an vorderster Front fürs Wachsen und Gedeihen des zarten Pflänzchens Johanneskirche eingesetzt. 42 Jahre lang war Karl Hofmann als Kirchenpfleger nebenamtlich im Dienst, auch dank seiner Arbeit war die Zahl evangelischer Christen in Oeffingen von 1200 zwischenzeitlich auf über 2000 Gemeindeglieder angestiegen.

Jetzt im Ruhestand – im Mai 2013 war Karl Hofmann feierlich und mit vielen Dankesworten aus dem Dienst verabschiedet worden – muss er erleben, dass das Pendel in die andere Richtung schlägt: Die Johanneskirche zählt noch 1876 Schäfchen – und stand deshalb vor der Entscheidung, entweder unters Dach der Nachbarn zu schlüpfen oder eine halbe Pfarrerstelle zu verlieren. „Im Endeffekt hatten wir nur die Wahl zwischen Not und Elend“, räumt die Kirchengemeinderätin Sigrid Erbes-Bürkle ein. Und auch ihre Ratskollegin Stefanie Gottschick-Rieger sagt offen, was sie von der Fusion hält. „Wir wurden erpresst“, erinnert sie sich an die Entscheidung.

Das hätte für Oeffingen den Verlust einer halben Pfarrstelle bedeutet

Die Frage nach der Zukunft stellt sich aktuell in zahlreichen Kirchengemeinden im Südwesten. Weil sich die Zahl der Gläubigen seit Jahren im Sinkflug befindet, haben Oberkirchenrat und Landessynode eine Schrumpfkur aufgelegt. Von momentan 1391 Pfarrstellen sollen bis in fünf Jahren nur noch 1207 übrig sein. Und ob die überhaupt besetzt werden können, ist mit Blick auf den Nachwuchsmangel bei den Seelsorgern ohnehin fraglich. „Wenn nichts nachkommt, bin ich in sechs Jahren der einzige Pfarrer in Fellbach – alle anderen Kollegen sind dann im Ruhestand“, bringt es der Oeffinger Ortsgeistliche Markus Eckert am Montag auf den Punkt.

Für den Kirchenbezirk Waiblingen heißt das landeskirchlich verordnete Sparprogramm, dass von 38 Pfarrstellen exakt 4,25 Dienstaufträge gestrichen werden – strikt nach der Zahl der im jeweiligen Pfarrbezirk lebenden Gemeindeglieder. Das hätte für Oeffingen den Verlust einer halben Pfarrstelle bedeutet. In Schmiden nämlich leben in beiden Pfarrbezirken mehr evangelische Christen als in Oeffingen – insgesamt weist die Statistik im Bezirk von Pfarrer Bernd Friedrich 1903 Menschen aus, seine Kollegin Angelika Hammer hat 1885 Schäfchen unter ihren Fittichen. Dass dennoch nicht in Oeffingen, sondern im Bezirk Schmiden II rund ums Dietrich-Bonhoeffer-Haus gekürzt werden soll, geht auf die Empfehlung einer Strukturkommission des Kirchenbezirks zurück. Einen Verlust des Arbeitsplatzes freilich muss offenbar keiner der drei amtierenden Pfarrer fürchten. Die Kürzung der Personalstellen von derzeit 300 auf 250 Prozent tritt frühestens mit dem Ruhestand eines der drei Seelsorger in Kraft. An die bauliche Struktur mit Dionysiuskirche, Johanneskirche und Bonhoeffer-Haus wird ebenfalls nicht Hand angelegt. Was sich ändern wird, ist der Zuschnitt der Sekretariatsstellen und spätestens 2014 auch der Seelsorgebezirke. „Unser Glück ist, dass wir keine Gebäude veräußern müssen“, sagt Markus Eckert.

In dem Bündnis wird statt eines Verlusts durchaus auch eine Chance gesehen

Pikant: Trotz der angekündigten Streichungswelle durch den neuen Pfarrplan hatten sich alle drei Pfarrbezirke in Sicherheit wiegen können – erst bei einer nachträglichen Kalkulation stellte sich heraus, dass der Kirchenbezirk in einer ersten Version einem Rechenfehler aufgesessen war. Seither wird in Schmiden und Oeffingen nach einem Konzept für einen Zusammenschluss gesucht. Und: In dem Bündnis wird statt eines Verlusts durchaus auch eine Chance gesehen. Von einer Kirche, drei Standorten und verschiedenen Schwerpunkten ist die Rede, die Soulfood-Reihe und die Akzente-Gottesdienste dienen als gute Beispiele für ein für viele Schichten attraktives Profil. „Von außen betrachtet fällt diese Fusion wahrscheinlich keinem auf“, sagt der Oeffinger Pfarrer Markus Eckert „Wir werden keineswegs abgewickelt“, stellt Kirchengemeinderätin Sigrid Erbes-Bürkle fest. „Wenn wir unsere Kräfte bündeln, können wir viel bewegen“, sagt der Schmidener Pfarrer Bernd Friedrich.

Karl Hofmann wird das anders sehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: