Ortsbildprägendes Bauwerk: die wehrhafte evangelische Kirche in Dagersheim. Foto: /Thomas Bischof/Archiv

Auch nach bald einem Jahr Vakanz ist die Stelle von Udo Maier nicht wiederbesetzt. 1800 evangelische Kirchengemeindemitglieder wären froh, das würde sich endlich ändern.

Dagersheim - Im März wird es ein Jahr her sein, dass sich der evangelische Pfarrer Udo Maier in den Ruhestand verabschiedet hat und aus Dagersheim weggezogen ist. Ebenso lange währt nun schon die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Bislang ohne Erfolg. „Wir rechnen nicht mit einer Wiederbesetzung der Pfarrstelle vor Sommer 2022“, hatte der Kirchengemeinderatsvorsitzende Gerhard Berner noch im Gemeindebrief zu Advent und Weihnachten 2021 geschrieben. Damit könnte der 67-Jährige recht behalten. Obwohl er, natürlich, nicht recht haben will.

 

Da spricht der Dagersheimer im Namen von 1800 Kirchengemeindemitgliedern, die ebenso denken. Für die bisherigen Pfarrer-Vertretungslösungen ist Berner einerseits froh. „Angesichts der Umstände hätte es schlechter laufen können“, sagt er. Und fügt zwischen leichter Ironie, Bitterkeit und Schmunzeln hinzu: „Für kirchliche Verhältnisse sind wir in der derzeitigen Lage relativ gut organisiert.“ Aber das sei eben nur bedingt ein Trost dafür, dass Udo Maiers Platz verwaist ist. „Uns“, bedauert der ehemalige Diakon in Herrenberg, „liegt immer noch keine Bewerbung vor.“ Und das sei ungut. Zuletzt habe der Kirchengemeinderat, in Summe zwölf Köpfe an der Zahl, deshalb erneut an den Oberkirchenrat nach Stuttgart geschrieben.

Die Corona-Lage macht potenzielle Stellenwechsel schwierig

Dort hält man sich, von dieser Zeitung angefragt, mit Einblicken in ein potenzielles Bewerberfeld bedeckt. Was „draußen“ öfter kolportiert wird – dass der Pfarrberuf an Attraktivität eingebüßt habe und die Zahl der künftigen Seelsorger rückläufig sei: Das bestätigt Dan Peter, Pressesprecher der Evangelischen Landeskirche Württemberg, nicht. „Wir haben im Moment kein Nachwuchsproblem“, erklärt er: „Wir können unseren Stellenplan erfüllen.“ Die Absolventen der theologischen Fakultät der Uni Tübingen kämen „im normalen Turnus“. Obschon es dort tatsächlich zuletzt ein Problem gegeben habe. Von 16 Absolventen im Wintersemester seien nur elf zur Prüfung gelangt - „coronabedingt“, wie Dan Peter sagt.

Auch (mal wieder) eine Pfarrerin wäre an der Schwippe willkommen

Corona führt er auch dafür an, dass unter denen, die bereits eine Pfarrstelle inne haben und ihren Dienstort theoretisch wechseln könnten, so wenig Bewegung herrsche. „Die Besetzungsverfahren ziehen sich dadurch zurzeit wie Kaugummi.“ Wer wolle in so einer Situation schon riskant in schwieriges Terrain wechseln. Dagersheim freilich zähle sicher zu den attraktiven Stellen im Kirchenbezirk Böblingen, fügt Peter hinzu.

Umso erstaunlicher, dass bisher kein(e) Bewerber(in) nach der Stellenausschreibung aufgetaucht ist. Auch nicht abseits des förmlichen Verfahrens. Interessenten könn(t)en auch an dem Stellenprocedere im Württembergischen Landeskirchenmagazin „Für Arbeit und Besinnung“ vorbei ihre Fühler nach Dagersheim ausstrecken. Ist ja nicht verboten, sondern erlaubt.

Auch eine Pfarrerin wäre (mal wieder) willkommen

Kirchengemeinderatsvorsitzender Gerhard Berner würde es freuen, egal ob Mann oder Frau. Eine feste volle Pfarrstelle in weiblicher Hand hat der Flecken an der Schwippe bisher zwar nicht erlebt. Aber mit der ehemaligen Sindelfinger Krankenhaus-Seelsorgerin Ursula Schmitz-Böhmig, vor vielen Jahren ein 50-Prozent-Ergänzungs-Auftrag, ein gutes Miteinander gehabt. Berner sagt, im Kirchengemeinderat arbeite man gedeihlich miteinander zusammen – was für stellensuchende Geistliche sicher auch ganz wichtig ist. Wenn der Mann aus dem Schützenweg von den weiteren Bedingungen in Dagersheim berichtet, gerät er gar fast ins Schwärmen. Die Jugend- und Konfirmandenarbeit laufe gut, die ehrenamtlich geschulterten Besuchsdienste seien sehr aktiv. Das Pfarrhaus sei groß genug für eine ganze Familie, der Garten demnächst gerichtet. Wer dort einziehe, habe das Käthe-Luther-Gemeindehaus und die Kirche direkt im Blick und vor der Haustür, Grundschule, Kindergarten und Bushaltestelle ebenso. Berner: „Mal ehrlich: Das sind doch klasse Voraussetzungen!“

Aidlingens Pfarrer Markus Joos springt in die Bresche

Böblingens neuer evangelischer Dekan Markus Frasch ist zu jung im Amt, als dass er die Ära der Dagersheimer Pfarrer zuletzt auf dem Radar haben konnte. Das Ansinnen aus Dagersheim ist ihm bewusst, auch wenn er „ein Jahr Vakanz noch gar nicht auffällig“ findet. Eher seien Fälle, wo Nachbesetzungen rascher gehen, ungewöhnlich. Also könnte es noch auf Monate hinaus so kommen, dass aus anderen Gemeinden ausgeholfen werden muss. Mit Ehningens kürzlich in die Rente gegangenem Pfarrer Robert Ziegler habe die Chemie gestimmt, heißt es in Dagersheim. Mit Vertretungs-Pfarrer Markus Joos aus Aidlingen sei das ebenso. Pfarrer Tobias Neumann übernimmt den Beerdigungsdienst.

So bleibt der evangelischen Kirchengemeinde Dagersheim momentan nicht mehr als nur ein Hoffen und Bangen - und immer wieder bei den Kirchenoberen in Böblingen und Stuttgart zu insistieren. „Da müssa mir jetzt halt durch“, lacht Pfarramtssekretärin Petra Widmaier am Telefon. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Wegen vieler Kirchenaustritte regiert der Rotstift

Sparen angesagt
Weil die hohe Zahl von Kirchenaustritten seit Jahren anhält, baut die Evangelische Landeskirche Pfarrstellen ab. Die Missbrauchs-Schlagzeilen in der Katholischen Kirche dürften das noch beschleunigen. „Wir sind von so was zwar nicht in dem Maße betroffen, aber viele Leute unterscheiden da nicht“, bedauert ein Gottesmann. Wo dann für kirchlich-soziale Arbeit Geld fehle, gingen christlich-humanistische Werte verloren. Diese Entsolidarisierung sorge ihn sehr.

4,5 Stellen weniger
Im Frühjahr 2018 war beschlossen worden, dass im Kirchenbezirk Böblingen bis 2024 viereinhalb Stellen wegfallen sollen. Das sei „schmerzlich, aber unumgänglich“, hieß es seinerzeit. Den Kirchengemeinden fehlt auch immer öfter Geld, ihre Immobilien in Schuss zu halten. Zuletzt war das ein Thema bei der Stadtkirchengemeinde Sindelfingen.

Freude in Holzgerlingen
Seit Juli 2021 ist eine Pfarrstelle in Holzgerlingen vakant. Zu Pfingsten 2022 wird sie wiederbesetzt – mit Matthias Maisenbacher, zuletzt Pfarrer in Diensten des Calwer Dekans. Der Ehninger Pfarrer Robert Ziegler ging im Advent 2021 in Rente. Zum 1. September soll seine Stelle eine Nachfolge bekommen. In Steinenbronn ist die Nachfolge bereits geklärt, wenn Pfarrer Marc Stippich zu Pfingsten die Gemeinde verlässt. (sd)