St. Fidelis im Westen: Eine Kirche im Umbau. Foto: Simon Balluff

Die gebeutelte katholische Kirche sucht wegen des Mitglieder-Exodus nach neuen Wegen. Einer davon ist das Spirituelles Zentrum, das am zweiten Advent nach einem 1,4 Millionen Euro teuren Umbau eröffnet. „Kirche muss sich bewegen, um den Anschluss an das Leben der Menschen zu behalten“, sagt Pfarrer Stefan Karbach vom Spirituellen Zentrum.

Stuttgart - Er wollte nicht als Rufer in der Wüste dastehen. Schon lange bevor die erschütternde Statistik zu den Austrittszahlen die katholische Kirche erreichte, sagte der Pfarrer Stefan Karbach von St. Fidelis: „Kirche muss sich bewegen, um den Anschluss an das Leben der Menschen zu behalten.“ Die Statistik zeigt: Vor allem die Gruppe der jungen Erwachsenen hat die Bindung zur Kirche verloren. „Tatsächlich fehlt es in der katholischen Kirche in Stuttgart an Angeboten für junge Erwachsene. Das haben wir erkannt und entwickeln neue Ideen“, sagt Stadtdekan Christian Hermes und meint damit auch das spirituelle Zentrum im Stuttgarter Westen, das nach einem 1,4 Millionen Euro teuren Umbau in der Gemeinde St. Fidelis an der Seidenstraße am zweiten Advent eröffnet.

Das Spirituelle Zentrum, das den Beinamen „station s“ hat, soll Menschen ansprechen, die auf der Suche nach Sinn sind. „Wir sehen, dass viele Menschen auf der Suche nach etwas Höherem jenseits ihres Alltags sind, dieses aber in einem sonntäglichen Gottesdienst nicht mehr finden. Auf dieses Bedürfnis der Menschen reagieren wir mit dem Spirituellen Zentrum“, sagt Hermes.

In Tradition von Meister Eckart

Doch was genau verbirgt sich dahinter? In der Ankündigung heißt es: „In station s wird es Meditationsübungen, Kurse zur Körperwahrnehmung, Spiritualität in Verbindung mit Kunst, Literatur, Film, Theater und Musik geben. Ins Programm einfließen werden Meditationen in der Natur, Bild- und Textbetrachtun­gen genauso wie Besinnungstage mit Filmen, Exerzitien im Alltag und Kontemplationskurse aus der Tradition bekannter Mystiker wie Meister Eckart.“

Meister Eckhart ist das Stichwort. Wäre der Mann auf dem Weg zu seinem Ketzer-Prozess nicht ohnedies gestorben, die katholische Kirche hätte ihn damals wohl wegen seiner Ansichten ruhiggestellt. Denn das, was der Meister Eckhart Kontemplation nannte, wird heute aus dem fernen Osten importiert und in das Leben vieler implementiert. Zum Beispiel Zen-Meditation.

Es geht darum, seiner Seele auf den Grund zu kommen – und je nach Glauben das Göttliche zu erfahren. Die Sehnsucht, durch die Praxis der Stille einen Einklang zwischen sich und der Transzendenz zu schaffen. „Es geht um die Erfahrung einer tieferen Dimension“, sagt Karbach. Aus Sicht von zwei Ordensmenschen und Zen-Meistern, Hugo Enomiya Lassalle (Jesuit) und Williges Jäger (Benediktiner), hat die katholische Kirche so selbst ihren eigenen Schatz der Mystik und damit den Zugang zu solchen Dimensionen in der Tiefe versenkt.

Christlicher Schatz

Diesen Schatz wollen Pfarrer Karbach und Pastoralreferentin Kirstin Kruger-Weiß im Spirituellen Zentrum, das sie gemeinsam leiten, wieder heben. Bevor das Zentrum am 8. Dezember seine Pforten öffnet, hat sich Kruger-Weiß umgesehen. Gibt es Vorbilder? Was leisten andere Zentren. Sie war in Hamburg, Köln, Frankfurt und Basel. Auch das Lassalle-Zentrum in Bad Schönbrunn/Schweiz hat sie besucht. Auch sie sagt angesichts der Sinnsucher, die gen Osten blicken: „Ich finde, dass die christlichen Wurzeln unterrepräsentiert sind. Wir können an diesen alten Reichtum der Kirche anknüpfen.“

Denn immer wieder hörten beide aus den Gemeinden, wie toll es sei, im Kloster eine Auszeit zu nehmen. „Daher versuchen wir jetzt, im Alltag einen Kraftort der christlichen Spiritualität zu schaffen“, sagen beide unisono. „Die Sehnsucht der Menschen nach spirituellen Erfahrungen, nach Stille und Tiefe ist groß, gerade in unserer schnelllebigen und digitalen Zeit“, sagt die Theologin Kruger-Weiß und ergänzt: „Das Zentrum soll Menschen, die das Gefühl haben, sich im Getriebe des Alltags zu verlieren, Wege aufzeigen, wie sie wieder zu ihrer Mitte, zu tiefer Stille und letztlich zu Gott finden können.“

Vielleicht finden Stuttgarter so einen Zugang zu Kirche. Nicht nur die jüngste Mitgliederstatistik, auch die Prognosen zeigen: Kirche und die damit verbundenen Werte spielen bei immer mehr Menschen kaum noch eine Rolle. Eine Studie der Universität Freiburg belegt: Bis 2060 sollen die Kirchen die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Darum heißt ein Motto der station s: Traditionen so leben, dass sie zum Leben von heute passen.

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