Bei Andersdenkenden hört die Nächstenliebe auf: Gegendemonstranten bei der „Demo für alle“ im Februar 2016 in Stuttgart. Es kam zu schweren Krawallen mit zahlreichen Verletzten. Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Darf ein einschlägig vorbestrafter Linksextremist Kita-Erzieher sein? Die Evangelische Kirche in Stuttgart hat nun entschieden: Er darf, sollte sich allerdings nichts Gravierendes mehr zuschulden kommen lassen.

Stuttgart - Im Internet solidarisieren sich Gewerkschafter, Kirchenleute und linke Politiker mit dem jungen Mann – und auch in der Stuttgarter Kindertagesstätte (Kita), in der er als Erzieher und stellvertretender Leiter arbeitet, bekommt er dem Vernehmen nach viel Zuspruch. Hans G. (Name von der Redaktion geändert) genießt nicht nur hohes Ansehen als Erzieher, sondern ist auch einer der Anführer der rund 50 Personen starken linksextremistischen Szene in Stuttgart. Trotz einschlägiger Vorstrafen, zum Beispiel wegen gefährlicher Körperverletzung und Strafvereitelung, hat die Evangelische Kirche in Stuttgart nun entschieden, Hans G. noch einmal eine Chance zu geben.

Gewalt und die Werte der Kirche

„An seinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub hatten wir ein Gespräch“, sagt Stadtdekan Søren Schwesig. „Das Gespräch war so, dass ich den Eindruck hatte: Den kann ich nicht kündigen.“ Schwesig begründet dies damit, dass er bei dem Gespräch den Eindruck gewonnen habe, dass der junge Mann künftig bei seinen politischen Aktivitäten auf Gewalt verzichten will. „Ich habe deutlich gemacht, dass ich Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung nicht akzeptiere“, so Schwesig. Nach der kirchlichen Anstellungsordnung müsse das Verhalten eines Kita-Erziehers den Werten der Evangelischen Kirche entsprechen, sagt Schwesig. Bei dem jungen Mann allerdings endete die christliche Nächstenliebe in den vergangenen Jahren allerdings allzu oft dann, wenn es um Andersdenkende ging.

Mehrere Vorstrafen

In den Jahren 2011 bis zum Mai 2016 ist der junge Mann den Sicherheitsbehörden mehr als ein Dutzend Mal unangenehm aufgefallen – vor allem auf Gegendemonstrationen gegen rechte oder rechtsgerichtete Gruppen. Unter anderem soll er 2012 auf einer NPD-Demo eine Dose mit Reizgas geworfen haben, was ihm eine sechsmonatige Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung eingebracht habe, wie es heißt. Seine letzte Verurteilung stammt aus dem vergangenen Jahr. Er wurde vom Amtsgericht Stuttgart zu zehn Monaten und zwei Wochen auf Bewährung verurteilt, unter anderem wegen Strafvereitelung.

CDU forderte Entlassung

Die AfD, gegen die der Erzieher auch schon demonstrierte, hat vor wenigen Wochen auf den Fall des Kita-Erziehers in einer Pressemitteilung hingewiesen. Nach dem sich durch Recherchen unserer Zeitung die Vorwürfe weitgehend bestätigt haben, zeigte sich die Kirchenführung erstaunt und die CDU im Landtag forderte die Entlassung des jungen Mannes. „Es ist nicht akzeptabel, dass Extremisten - gleich welcher Couleur - als Erzieher auf unsere Kinder losgelassen werden“, sagte Thomas Blenke, Sicherheitsexperte der Fraktion. Ein Rauswurfe wäre aber auch aus rechtlichen Gründen wohl gar nicht so einfach.

„Sowas darf nicht wieder vorkommen“

Die Evangelische Kirche will es nun allerdings noch einmal mit dem jungen Mann probieren, der seit 2012 als Kita-Erzieher tätig ist. Allerdings sollte sich der Polit-Aktivist laut Schwesig nichts Gravierendes mehr zuschulden kommen lassen. „Ich habe die klare Erwartung, dass solche Sachen nicht wieder vorkommen“, so der Stadtdekan. Wirklich überprüfen kann er das allerdings nur alle fünf Jahre, denn alle fünf Jahre fordert die Kirche von ihren Erziehern ein aktuelles polizeiliches Führungszeugnis an.

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