Kirbe-Meedich in Stuttgart-Feuerbach Werbung für Europa, statt für die Parteien

Von Torsten Ströbele 

Am Kirbe-Meedich ist der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Rainer Wieland, im Festzelt des Musikvereins zu Gast gewesen. Er sprach sich für ein starkes Europa aus und brachte anschließend das Bier mit einem Schlag zum Fließen.

Stuttgart-Feuerbach - Kurz nach 22 Uhr am Montagabend im Kirbezelt auf dem Festplatz: Die Mitglieder des Musikvereins Stadtorchester Feuerbach (MSF) erheben sich von ihren Plätzen. Sie lassen sich feiern. Die noch zahlreich anwesenden Gäste wollen eine Zugabe hören und bedanken sich beim MSF mit lang anhaltendem Applaus für vier Kirbetage. „Es war ein toller Tag! Wir sind sehr zufrieden“, betont MSF-Festwirtin Marion Berger.

Begonnen hatte der Kirbe-Meedich traditionell mit dem Honoratiorenstammtisch. Der Vorsitzende des MSF, Reinhard Löffler, konnte rund 60 Ehrengäste im gut gefüllten Festzelt begrüßen. Unter anderem waren Bundestagsabgeordnete, Stadt- und Bezirksbeiräte sowie viele Vertreter von Feuerbacher Vereinen und Institutionen der Einladung gefolgt. Löffler wusste die Gäste zu unterhalten – in gewohnt launiger, politischer Aschermittwoch-Manier. Und er hatte sogar ein paar Geschenke dabei. „Ich gehe nie mehr ohne diesen Feinstaubroller aus dem Haus“, sagte Löffler, der gleich mehrere zweckentfremdete Fusselrollen mitgebracht hatte. „Nach jedem Spaziergang rolle ich mich damit ab, sammle den Feinstaub, fülle ihn in einen Sack und schicke ihn an die Nordsee nach Sylt. Dort können die Fischköpfe ihren Strand wieder aufbauen“, sagte Löffler in Anlehnung an die schwindenden Sandmassen auf der Insel der Schönen und Reichen. „Ab morgen verteilt unsere Bezirksvorsteherin Andrea Klöber diese Feinstaubroller kostenlos im Bezirksrathaus. Feuerbach rettet Sylt, das ist doch mal sympathisch.“

Nicht ganz so freundliche Worte fand Löffler, ehemaliger CDU-Landtagsabgeordneter, dann für den türkischen Präsidenten: „Erdogan, der Kalif vom Bosporus, der in Feuerbach eine Moschee bauen will, möchte nicht, dass die Deutschtürken CDU, SPD, Grüne und FDP wählen. Gut, es gibt ja noch 38 andere Parteien auf dem Wahlzettel bei der Bundestagswahl.“ Die Europäische Union habe der Türkei von 2014 bis heute 924 Millionen Euro nur für den Aufbau von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bezahlt. „Jeden Tag eine Million Euro“, betont Löffler. „Und 55 Deutsche sitzen ohne Anklage in türkischen Gefängnissen.“ Aber Löffler blickte auch an andere Orte in Europa: „Die Engländer sagen bye bye und der Spitzbub von ungarischem Ministerpräsident Viktor Orban sagt rotzfrech, dass ihn der Europäische Gerichtshof nicht interessiert und er nur die Kohle von Europa will.“ Übrigens solle sich Europa auch weniger Sorgen um einheitliche Duschköpfe oder die Kantenlänge von Karamellbonbons machen, sondern sich lieber um ein einheitliches Unternehmenssteuerrecht bemühen. „Es kann nicht sein, dass Feuerbacher Mittelständler mehr Unternehmenssteuern bezahlen als Amazon oder Google“, schimpfte Löffler.

Rainer Wieland hat in Feuerbach sein Abitur gemacht

Festredner Rainer Wieland (CDU) hatte beim ein oder anderen Thema allerdings eine andere Sicht auf die Dinge. Der Vizepräsident des Europäischen Parlaments verteidigte auf der Kirbe-Bühne beispielsweise die Zahlungen an die Türkei. 924 Millionen Euro wären bei 500 Millionen Europäern nur rund 1,8 Euro pro Kopf. „Die Türkei zu unterstützen, war bislang gewollte Politik in Deutschland. Das haben wir bei anderen Ländern auch gemacht, zum Beispiel bei den Griechen oder den Portugiesen“, betont Wieland. „Fakt ist, dass wir noch nie der Zahlmeister Europas waren, wie es gerne mal heißt.“ Man müsse den Pro-Kopf-Vergleich heranziehen und da liege Deutschland aktuell auf Platz 5 – weit hinter Schweden und knapp hinter England. „Wir Schwaben nörgeln gerne auf hohem Niveau. Wir sollten etwas positiver an die Sachen herangehen“, sagte Wieland.

Hoch motiviert schritt der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, der sein Abitur am Feuerbacher Leibniz-Gymnasium absolviert hat, nach seiner Rede zur Tat. Mit einem gezielten Schlag hämmerte er den Spund ins Bierfass, ohne einen Tropfen des Gebräus zu verschütten. Das war ganz im Sinne von Löffler. Denn, so sagte er: „Die Kirbe ist mehr ein Bierfest, weil Bier sexy macht.“

Redaktion Feuerbach

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Torsten Ströbele und Georg Friedel
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