In früheren Jahren wäre der Miss-Germany-Titel möglicherweise die Eintrittskarte für eine Karriere als Unterwäschemodel gewesen. Kira Geiss, die nun ihre Ausbildung an der Missionsschule in Unterweissach für ein Jahr unterbrechen wird, hat andere Pläne.
Auch drei Tage danach kann es Kira Geiss noch immer nicht richtig fassen: Am Samstag ist die 20-Jährige im Europapark Rust in einer mehr oder weniger glamourösen Veranstaltung zur Miss Germany gewählt worden. Mehr als 15 000 Frauen hatten sich auf den Titel beworben, im Finale ist dann die Auswahl der Jury aus zehn Kandidatinnen auf sie gefallen.
Mit dem Miss-Germany-Titel nicht gerechnet
Jetzt sitzt die gebürtige Ravensburgerin, die an der Missionsschule im Weissacher Tal eine Ausbildung zur Religions- und Gemeindediakonin absolviert, in ihrem Studentenzimmer und schüttelt grinsend den Kopf: „Ich hätte nie damit gerechnet und bin nach wie vor überwältigt.“ Schließlich seien alle Finalistinnen unglaublich starke Frauen gewesen. „Jede hätte es verdient gehabt.“ Am Abend bei der Bekanntgabe der Entscheidung hatte sie auf der Bühne sichtlich nach Fassung gerungen. „Im ersten Moment hab’ ich mich gefragt: Wie geht eigentlich noch mal Atmen?“
Glücklich und dankbar sei sie jetzt, denn von dem Titel, der nicht mehr in erster Linie für gutes Aussehen, sondern einem Gutteil für Persönlichkeit verliehen wird, verspreche sie sich viel Rückenwind für ihre „Mission“: Sie möchte der jungen Generation Gehör verschaffen und für diese eine deutschlandweit vernetzte Plattform schaffen. Dabei gehe es nicht um fertige Konzepte, sondern darum, die Zukunft mit den jungen Menschen gemeinsam zu gestalten. Man müsse ihnen Verantwortung geben.
Um einen konkreten Plan auszuarbeiten, wie das gelingen und wie das gewonnene Preisgeld sinnstiftend verwendet werden kann, will sich Kira Geiss nicht nur in den kommenden Tagen mit den Machern des Wettbewerbs zusammensetzen. Sie wird vielmehr ihre Ausbildung am theologischen Seminar in Unterweissach für ein ganzes Jahr zurückstellen, um als Miss Germany, wie sie hofft, Türen zu öffnen. Die Möglichkeiten, die ihr die Auszeichnung böten, seien ein „riesen Privileg, ein Geschenk. Ich wäre blöd, wenn ich das nicht nutzen würde“, sagt sie. Sie träumt unter anderem davon, ein großes Jugendfestival auf die Beine zu stellen, das dann in regelmäßigen Abständen wiederholt wird.
Mit dem Engagement für die Jugendarbeit will sie, wie sie sagt, auch etwas zurückgeben. Vor ein paar Jahren nämlich sei sie selbst in einen Drogen verherrlichenden Freundeskreis geraten. „Und als ich ganz unten war, hat Jugendarbeit mich wieder aufgebaut.“ Sie sei gesehen und gefördert worden und wisse, was das für einen jungen Menschen bedeuten könne. „Deswegen möchte ich Jugendarbeit in Deutschland groß machen“, sagt Kira Geiss.
Der christliche Glaube sei für sie persönlich eine wichtige Komponente in ihrem Leben geworden, sagt die 20-Jährige, die bereits eine Ausbildung als Visual Merchandiser absolviert hat. Dennoch sei er für die Jugendplattform, die ihr vorschwebt, keine Voraussetzung. „Ich will allen jungen Menschen einen Zugang ermöglichen, auch denen, die sich der Kirche nicht zugehörig fühlen“, erklärt die Frau.
Ausbildung in Missionsschule wird fortgesetzt
Für ihre Aktivitäten in ihrem „Missionsjahr“ wird Kira Geiss vermutlich von ihrer vorherigen Wahlheimat Magdeburg aus operieren. Hier hat sie zuletzt mitgeholfen, eine Jugendgemeinde namens Eastside aufzubauen, die sich dafür einsetzt, dass junge Menschen auf sozialer, kreativer und musikalischer Ebene gefördert werden.
Danach aber will sie im Weissacher Tal auf jeden Fall ihre Ausbildung zur Diakonin zu Ende bringen. Die Missionsschule dort sei eine „super Institution mit einer super Herangehensweise“, die Gemeinde- und Jugendarbeit zudem genau das, was sie beruflich machen wolle. Aber jetzt beginnt für ein Jahr erst einmal ein gänzlich neues Kapitel in ihrem Leben.
Miss Germany
Wandel
War „Miss Germany“ einst ein Wettbewerb mit leicht bekleideten Runden auf dem Laufsteg, haben die Veranstalter vor einigen Jahren einen Imagewandel eingeläutet: Mittlerweile sollen die Persönlichkeit und die „Missionen“ der Teilnehmerinnen im Vordergrund stehen – und nicht deren Aussehen. Statt einer Krone im Schönheitswettbewerb hat die Siegerin in diesem Jahr erstmals den „Female Leader Award“ erhalten. Dieser ist mit einer Siegprämie von 25 000 Euro verbunden, mit der ein Projekt verwirklicht werden soll.
Vorjahressiegerin
Im vergangenen Jahr hat die Sozialunternehmerin und Schauspielerin Domitila Barros aus Berlin die „Miss“-Wahl gewonnen. Aufgewachsen ist sie in in einer brasilianischen Favela und hat in einem Straßenkinderprojekt ihrer Eltern mitgearbeitet. Sie setzt sich für Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit ein.